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Der Wert kreativer Arbeit - Teil 1: Die Story mit dem Designer

Ich bin Songwriter. Ich schreibe Texte, Songs, Toplines für oder mit KünstlernInnen. Oder einfach für mich selbst. In einem Team veröffentliche ich Musik. Klingt erstmal cool und einfach, wenn es um Geld geht war es das aber nicht immer. Über die Jahre bin ich wirklich sehr oft in Situationen gekommen, in denen es Ärger gab oder ich mich selbst wahnsinnig geärgert habe. Es geht nämlich um die Definition von Wert deiner kreativen Arbeit, und schließlich darum auch bezahlt zu werden. Das zu definieren ist gar nicht so einfach.


PROBLEME

  • Man kann es nicht definieren. Es ist genauso nichts wie unermesslich viel wert.
  • Künstler und Perfektionismus? Gute Falle! Wo ziehst du die Grenze?
  • Dein Gegenüber hat höchstwahrscheinlich keine Ahnung von deinem Job und den Kosten oder dem Aufwand.

Generell ist das Herzblut welches du in eine kreative Arbeit steckst sowieso nicht zu bezahlen. Auch ist es kaum möglich den “impact” deiner Arbeit auf Leben oder Business eines Menschen oder deines Kunden zu messen. Ich will dennoch ein paar Gedanken mit dir teilen, die mir sehr geholfen haben die Thematik in meinem Kopf aufzuräumen. Bevor ich das tue, möchte ich aber eine Geschichte erzählen, die das Ende meines “Dauer-struggles” mit dem Thema Geld als Musiker war.


DIE GESCHICHTE MIT DEM DESIGNER

Ein älterer und echt cleverer Bekannter von mir hat mehrere Werbeagenturen, ist Künstler und zeichnet. Als wir über dieses Thema ins Gespräch kamen, antwortete er auf die Problematik mit einer Geschichte.

Ein Bekannter hatte ihn mit dem Design eines Logos beauftragt. Nach ein paar Tagen setzten sie sich zusammen und er präsentierte seine Arbeit. Ungefähr folgender Dialog muss sich abgespielt haben.

Kunde: “Wow, das ist wirklich cool!” 

Designer: “Danke, freut mich!”

Kunde: “Wie viel kostet mich das nun?”

Designer: “800 EUR.”

Kunde: “Was?! Ich meine, das sind nur ein paar Striche…?!”

Designer: “Das ist mein Beitrag zum Erfolg deines Unternehmens.”

Kunde: “Aber, mal ernsthaft, zwei Farben, ein Wort, ein paar…”

Ihr kennt das vielleicht. Nun wird der Wert der kreativen Arbeit infrage gestellt. Diesem Menschen ist nicht bewusst, dass...

  1. er das nicht hätte tun können, sonst hätte er ihn nicht beauftragt
  2. Konzept und Idee vermutlich wichtiger sind als die Striche
  3. jahrelange Erfahrung und Reflexion überhaupt erst zu diesem guten Ergebnissen führen
  4. auch jemand, der diese kreativen Aufgaben erledigt, überleben muss.

Der Dialog geht ungefähr so weiter:

Designer: “Ok, lassen wir das. Ich schenke es dir.”

Kunde: “Wie jetzt?!”

Designer: “Du verstehst den Wert der Arbeit nicht, behalte es.”

Und er ging. Was ich beeindruckend fand. Womit ich nicht gerechnet hätte ist, dass der Kunde sich offenbar im Anschluß doch Gedanken darüber gemacht hatte, was der Wert dieser Arbeit war. Die Geschichte endet damit dass ein Briefumschlag mit 800 EUR im Briefkasten des Designers lag mit ein paar warmen Worten und einem Dankeschön.

Diese Geschichte hat es für mich alles verändert. Ich kann mir die Empörung über die “Unverschämtheit der Kunden” sparen, wenn - und das ist ein großes “wenn” - ich eine klare Position zu meiner Arbeit beziehe, so wie der gute Mann hier.


HOCHZEITEN - DER AUSLÖSER

Gelernt hab ich viel darüber in einem Teil von meinem Job, den ich zum Glück nicht mehr machen muss: Hochzeiten! Als selbstständiger Sänger und Musiker ist es naheliegend - wenn auch aus heutiger Sicht nicht zielführend - “schnelles Geld” mitzunehmen und hier und da mal ne Hochzeitsmesse zu singen. Du kannst dir vorstellen, dass ich ähnliche Geschichten erlebt habe.

Gagen runterhandeln, aber das 5-fache für den Fotografen ausgeben. Ne mobile Cocktailbar vor der Kirche aufbauen, aber nen Künstler für einen wirklich unvergesslichen Moment nicht anständig bezahlen. Sieht denn keiner dass ich probe, mich selbst und völlig live begleite (Das kann ja auch erstmal nicht jeder)? Dass ich ein Künstler mit Profil bin und kein drittklassiger Coverbandsänger der alles von seinem ipad abliest? Checkt denn niemand von denen dass ich ein studierter Sänger bin und ein ganz anderes Niveau liefern werde?

Mal ehrlich: Das meiste davon ist mein Problem. Ja, sie wissen das nicht. Und da ich individuelle Dienste biete und individuelle Anforderungen bzw. Einschränkungen habe (kein Orchester unterm Ärmel, begleite mich selbst, usw…) habe ich irgendwann eine ganz andere Taktik angewendet.

Statt also hinzugehen und mir 700 EUR zu fragen, für Probezeit, Anlage, Anreise, E-Piano und Gitarre zu nem Gig mit drei Songs schleppen, usw… Mich dann über das Runterhandeln aufzuregen, und auch den Kunden ein schlechtes Gefühl zu geben, entschied ich mich für ein neues Konzept...


DIE ANDERE SICHTWEISE

Ihr sucht euch aus meinen Lieblings-Songs (große Liste) ein paar Lieder aus. Ich optimiere meine Vorbereitung und das Equipment und somit meinen Gesamtaufwand. Ich berechne euch gar nichts. Ihr gebt mir am Ende, irgendwann nach diesem Tag, was ihr für richtig haltet. Und das tut ihr dann, wenn ihr irgendwann den Kopf frei habt und daran zurückdenkt.

 

DIE ÜBERRASCHUNG

Nicht selten hatte ich 500 EUR in nem Umschlag, eine (ernstgemeinte und nicht vorbereitete) Dankeskarte mit rührenden Worten und auch gern mal richtig coole FC Tickets oder ähnliches obendrein…


WARUM?

Ich glaube dass die Menschen in diesem Fall nach ihrem besonderen Tag anfingen darüber zu reflektieren, wie wertvoll ihnen dieser Moment war. Und dadurch hatten sie vermutlich verstanden dass auch ich leben muss, dass ich das lange Zeit entwickeln musste um so zu werden wie sie mich erlebten.


WAS KANN MAN DARAUS FÜR DEN BERUFLICHEN ALTAG LERNEN?

Wenn man bedenkt dass gerade kreative Arbeit irgendwie nicht wirklich messbar ist, muss man, so glaube ich, folgendes anwenden:

  1. Ist es ein knallhart definierter Job? Dann definiere einen knallhart kalkulierten Preis
  2. Ist es ein großes Projekt? Dann definiere deine Tagessätze anhand des Budgets und schaue, ab wie vielen Tagen es wirklich “weh tut” am Projekt zu arbeiten. Heißt: Sei vorher fertig.
  3. Ist es ein individueller Dienst der eine wirklich kreative Leistung erfordert? Dann probiere es doch vielleicht mal mit dem System “Was ist es dir wert?” Diese Variante kann ich ganz besonders empfehlen, wenn es um Bekannte gibt, die dich eben für ihre Hochzeit fragen. Sicherlich passiert sowas auch Fotografen, Grafikern und anderen Kreativen.

In meinem nächsten Artikel werden ich diese drei Möglichkeiten noch mal versuchen zu veranschaulichen, anhand von drei Beispielen.

Zunächst mal hoffe ich, ich konnte den Blick auf die Thematik etwas erweitern und vielleicht eine Erfahrung mit dir teilen, die dir weiterhilft. 

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