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Klett "Colour Land 4" - Vom Herz, durch die Finger in die Videokonferenz?

VOM IDEENAUSTAUSCH

Es ist schon spannend mit jemandem Ideen auszutauschen. Als Vocalcoach und Songwriter ist es mir bestens bekannt wie intim sowas sein kann. Schon, wenn man voreinander sitzt. Einen neuen Songentwurf im Studio zu zeigen, oder selbst meiner Freundin vorzuspielen, verstetzt mich auch nach so vielen Jahren immer noch kurzzeitig ins Schwitzen. Auch bei mittlerweile an die 150 Songs, die ich veröffentlicht habe. Und das ist ja auch kein Wunder: Gedanken und Gefühle kommen ja schließlich aus uns selbst. Wenn man die Menschen, mit denen man Ideen teilt kennt, oder gar eine “perfekt ausgearbeitete Demo” an Fremde verschickt, ist das noch mal eine Sache… Aber einem neuen Redaktionsteam, welches ja hier auch als Vermittler zwischen Autorenteams und dem rurtonproducing-Team dient, ganz frische und nackte Entwürfe zu schicken, das ist dann wirklich noch mal was besonderes. Und so musste das dieses Mal! Denn da kam COVID-19...


WAS IST DENN HIER ÜBERHAUPT SCHON FIX?

Du musst dir das so vorstellen: Zum Zeitpunkt des ersten Layouts stehen weder Tonart, Tempo, Arrangement, noch die finale Stimme (da wir bei Schulbüchern ja auch gern Kinderstimmen anbieten). D.h. unser Auftraggeber hört als erstes meine Stimme und ne Akustikgitarre. Wir arbeiten so, weil die Erfahrung gezeigt hat, dass die ersten Ideen oft gekippt werden können. Oder dass beispielsweise Korrekturen des Textes oder der Aussprache kommen können. Es macht also keinen Sinn etwas komplett zu Ende zu arrangieren, zwei Kinder ins Studio zum Einsingen zu schicken… Also schicken wir die erste Akustikgitarren-Demo.

Das Anforderungsprofil des Readaktions- und Autorenteams ist aber zugleich derart vielschichtig spannend und songwriterisch eingeschränkt, was zu einem Haufen an Diskrepanzen im Kopf führen mag:

  • Songs müssen oft gekürzt werden und werden damit vielleicht aus ihrer natürlichen Form gebracht
  • Logische Metriken und “lines” müssen dem übergeordneten pädagogischem Text der Autoren weichen, hier gilt es auch deren Intention zu verstehen
  • Formen kommen oft nicht zustande oder es gibt sehr viele Wiederholungen, durch metrisch immer gleich Textbausteine, wie zum Beispiel hier…
“100 cookies hidden in a tin
Tommy takes ten 90 are still in”
(kannst du erraten wie viele Strophen dieser Song hat?)
  • Es soll dennoch mit einfachen, die Produktion nicht sprengenden Mitteln (also kein Orchester) versucht werden eine Klangwelt zu erzeugen. Und die muss eingängig bleiben, dazu später mehr. (z.B. soll ein Halloween Song nach Geistern, Nacht, und eben nach Halloween klingen…)

Das sind nur ein paar der Faktoren. Ich erspare dir an dieser Stelle den in Panik ausufernden Vortrag über die Sorgen eines Songwriters über kompositorische Ästhetik. Das muss hier einfach dem Pragmatismus weichen.


UND NATÜRLICH IST DAS ABSOLUT LOGISCH

Ich möchte hier keineswegs sagen, dass das nicht alles seine Berechtigung hat. Ganz klarer Fall: Wir sind Dienstleister, wir beraten, wir entscheiden nicht. Und ich verstehe die Ebenen unseres Auftraggebers absolut. Das pädagogische ist wichtiger! Aber wir könnten auch zu noch besseren oder mutigeren Ergebnissen kommen. Vielleicht hat Corona das verhindert, vielleicht liegt es auch in der Natur der Sache. In mir rattert es gerade wieder: Was kann ich tun? Alle Autoren treffen? Gitarre mitnehmen? Mehr Austausch? Weniger Optionen? Einfach zu Ende machen und von jedem Song den dritten Entwurf berechnen? Aber wo endet das bei einem Auftrag mit 12 Songs?!

Ich hab ja schon selbst mal ein paar Jahre vor Schülern gestanden. Und ich verstehe wie kurzlebig ein solcher Moment ist. Da gibt es keine Zeit für ausschweifende Intros. Und die Songs werden ja auch nicht alle von allen Lehrern benutzt. Es macht also auch keinen Sinn einen roten Faden und die ausgefallensten harmonischen Strukturen zu verwenden. Sowas funktioniert nur bei in sich geschlossenen Konzepten wie “Eule findet den Beat”, was ich in jeglicher Hinsicht toll finde und vor allem zu Ende gedacht ist. Jeder Song ist ein neuer Tag. Und somit halte ich mich meist an das Situative (Stadt, Halloween, Märchenwald, Zoo) und die Klangwelten und versuche diese weitestgehend in verständlichste Pop-Songs zu integrieren.

Und es scheint ja auch zu klappen: Lehrer schreiben uns ja sogar, um uns ihr positives Feedback mitzuteilen und die Noten zu den Songs zu erhalten :-) Was uns natürlich unglaublich freut!! Denn ihr seid an der Front und wisst wie der Hase läuft.

Apropos Hase: Ganz so einfach machen wir es übrigens nicht, wir versuchen zumindest alles in den Sound und die metrischen und harmonischen Gepflogenheiten der Neuzeit zu holen. Man mag darüber streiten ob wir dann mehr rappen müssten ;-)

Aber ihr wisst ja: Wir stehen für handgemachte Musik, Arrangements mit klassischen Pop-Band Instrumenten. Und dem wollen wir erstmal auch treu bleiben. Schließlich kann niemand von uns rappen oder krasse Beats (beatz?) schrauben.

Wenn du mal reinhören möchtest, spring einfach mal auf unsere Seite und scroll runter zum Player!


WAS IST NUN DIE DISKREPANZ?

Wir können durch das Verfahren mehrerer Layout Ebenen und unseren ausgeklügeltten Feedback-runden mit der Redaktion vor allem eines nicht:

Kreative Prozesse abbilden. Und das ist ein - bislang immer gelöstes, aber im Kopf eines Kreativen ein riesengroßes - kleines Problem: Ich frage mich ständig, was man für tolle Songs, ausgefallene und mutige Ideen hätte zusammen entwickeln können, wenn man die kommunikativen Schwierigkeiten nicht hätte. Es heißt also wie immer: Voneinander lernen und Ideen weiterentwickeln.


UND FÜR IDEEN MUS MAN EBEN AUCH MAL KÄMPFEN

Es erklärt sich nicht von selbst, dass man mal bei nem “Move your body”-Song so krass Richtung “Bruno Mars” gehen sollte, um es für die Kinder einfach fühlbar zu machen und sie viel mehr erreichen zu können wenn es für sie “ein Hit” ist (und sie in ihrem bevorzugten musikalischen Kontext abholt), wenn auf der anderen Seite ein Erwachsener Autor ein lateinamerikanisches 70er Jahre Arrangement mit nem Sprecher darüber im Kopf hat… Was ist nun besser? Das weiß ich nicht! Aber ich weiß eines, auch aus meiner Zeit in der Schule, in der ich ner 5. Klasse Cory Wong live Videos mit Bläsersatz und Backing-Sängerinnen gezeigt habe: Sie waren so begeistert davon “LIVE-Musik” zu verstehen, dass sie immer mehr davon wollten.

Check it! Nebenbei ein großartiges Video, in dem es viel zu Entdecken gibt!

Und deshalb glaube ich persönlich:

Kinder können mehr! Kinder fühlen mehr! Kinder verstehen mehr!
(...als wir ihnen manchmal in Schulbücher-Songs zumuten)

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