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Vocals aufnehmen - mit oder ohne Kompressor

Gesang oder Sprache aufzunehmen gehört sicherlich mit zu den Königsdisziplinen im Bereich der Audioproduktion. Ich möchte hier aber vor allen Dingen auf die Gesangsaufnahme eingehen.

Sehr viele Faktoren während der Aufnahme bestimmen die technische und musikalische Qualität dessen was nachher auf “Platte” ist. Das sind auf der technischen Seite die Qualität der gesamten Signalkette, vom Raum über das Mikrofon bis hin zum Kabel, Preamp und dem Wandler, sowie die Abhörsituation des Produzenten oder Tontechnikers. Auf der inhaltlichen Seite bestimmen die Erfahrung des Sängers und die “Social Skills”, das Einfühlungsvermögen des Produzenten oder Technikers und auch die gesamte räumliche Situation während der Aufnahme, die spätere Qualität.

Du siehst schon, die konkrete technische Fragestellung “Vocals aufnehmen - mit oder ohne Kompressor” ist schon sehr detailliert und nur ein klitzekleiner Baustein im ganz großen Rahmen von Gesangsaufnahmen.


FRAGESTELLUNG

Zu den allseits bekannten „Audioproduktions-Wahrheiten“, aus dem reichhaltigen Fundus des Internets, gesellt sich ja auch der Satz:

„Bei Aufnahmen sollte man grundsätzlich auf einen Kompressor verzichten, damit man sich nichts bei der Nachbearbeitung verbaut und noch alle Möglichkeiten hat!“

Ja, was denn nun? Sollte man also nun einen Kompressor während der Aufnahme nutzen und diesen damit auch mit aufzeichnen oder sollte man davon eher Abstand nehmen und darauf verzichten? Oder gibt es vielleicht Abstufungen und hat das mal wieder nicht so eine Allgemeingültigkeit?

Ich möchte diese Frage von allen Seiten beleuchten und die einzelnen Punkte für ein Pro und ein Contra zusammenstellen und Dir vielleicht auch einen Rat oder Vorschlag als „Best Practice“ mit auf den Weg geben.


PRO

Es gibt natürlich historische Gründe für den Einsatz eines Kompressors oder Limiters während der Aufnahme, nämilch die Dynamik einzuschränken, da ein Band oder ein Wandler nicht zu „heiß“ angefahren werden soll. Der fällt heute natürlich, mit hochwertigen AD Wandlern und DAWs gar nicht mehr ins Gewicht.

Aber Sound ist natürlich ein ganz wichtiger Punkt, denn ein Kompressor bestimmt genauso den Sound einer Aufnahme wie ein Preamp oder ein EQ in der Signalkette, auch in Nullstellung und wenn er vielleicht gar nichts wirklich „macht“!

Wenn man das ganze dann mal nicht so technisch denkt, sondern musikalisch, wird man feststellen dass Sänger, die in ihrer Stimme vielleicht wegen fehlender Kontrollfähigkeit oder aus Stil-Gründen dynamische Sprünge drin haben, die ausserhalb der richtigen Betonungunslinien stehen und deshalb zu einem eher unregelmäßigen und holprigen Gesang führen, und das selbst dann, wenn der Sänger „in-Time“ unterwegs ist, mit dem Einsatz von einem Kompressor während der Aufnahme ganz andere Ergebnisse liefern würden.

Die Arbeit des Kompressors gibt also direkt ein Feedback auf den Gesang und wird zu einem besseren Timing, Ausdruck und Sound führen.

Da ist natürlich die Frage, ob man den Kompressor nur im Monitoring Weg nutzen würde, ich würde davon aber absehen und es auch direkt so aufzeichnen wie der Sänger und ich es während der Aufnahme gehört haben.


CONTRA

Man könnte sagen über allem „hängt“ die Entscheidungsfreiheit bis zum Mix. Aber es gibt ja auch andere Gründe, die gegen den Einsatz eines Kompressors sprechen.

Wenn du zum Beispiel nicht genau weisst wo du hin möchtest oder noch keine oder wenig Erfahrung hast, solltest du darauf verzichten, denn vielleicht machst du dir ja sonst deine Aufnahme nur „kaputt“ und hast später keine Chance mehr auf ein Ausbessern.

Bei unserer heute verfügbaren Dynamik bei Wandlern mit 24Bit und mehr braucht man aus technischer Sicht heute keine Beschränkung der Dynamik mehr und auch Bandmaschinen mit vielleicht geringerem Rauschabstand gehören quasi der Vergangenheit an und besetzen mit dem „Vintage“ Stempel nur noch eine Nische!


EMPFEHLUNG

Ich würde also jedem empfehlen, der genau weiss wo er sound-technisch und -ästhetisch hin möchte und genügend Erfahrung besitzt, einen Kompressor (oder mehrere) gleich beim Tracking mit aufzuzeichnen.

Gerade in Zeiten der Einstellung „Das kann man dann alles später machen und entscheiden!” bin ich hingegen großer Freund vom Entscheidungen treffen während der Aufnahme, denn die heutigen Möglichkeiten sind, meiner Meinung nach, eher Fluch als Segen. Wer kennt es nicht hunderte Takes aus einem Vocal Tracking ohne eine klare erkennbare Richtung? Wenn ich eins aus jahrelanger Aufnahme-Erfahrung gelernt habe, ist es Aufnahmen auch „wegzuschmeißen“!

Ich mache es so, ein bisschen, oder auch mehr, Kompression, abhängig vom Stil, bei der Aufnahme und auch ein bisschen bei der Mischung. Denn ich finde es musikalisch gedacht sehr sinnvoll, fernab von technischen Diskussionen über Headroom oder Pegelspitzen.

Es gibt natürlich auch noch den berühmten „Mittelweg“, du kannst dich auch dafür entscheiden den Kompressor nur in den Abhörweg einzufügen, so dass er dem Sänger hilft, aber nicht aufzunehmen. Ich finde das aber nicht sinnvoll.

Das hier ist also mein Plädoyer für einen Kompressor in der Vocal Aufnahmekette!

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© rurton              

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