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Wert kreativer Arbeit - Teil 2: Wie du den Job definieren könntest

Es geht um den Wert kreativer Arbeit. In meinem letzten Artikel zu diesem Thema hab ich eine Geschichte erzählt, die mir sehr geholfen hat und in meinem Kopf einiges verändert hat. Die gute Erkenntnis an dieser Geschichte ist, dass es einen Weg gibt den “Kunden” dazu zu bringen den Wert kreativer Arbeit zu erfassen. Die schlechte Erkenntnis ist, dass das natürlich nicht auf alle Jobs anwendbar ist. Darum schauen wir uns heute mal ein anderes Beispiel an. Im Anschluss habe ich meine Herangehensweisen mal in vier voneinander getrennten Bewertungen zusammengefasst. Ich hoffe dass dir das weiterhilft.


GROSSES PROJEKT - ODER: DIE TOTALE VERAUSGABUNG

Vor ein paar Jahren wurde ich gefragt ob ich ein neues Musical Stück mit entwerfen und produzieren will. Erst ging es nur um die Studio Produktion, also das Anfertigen der Song Layouts für die Bühne. Diese sollte dann aber ein Nebenprodukt werden, und die Qualität einer vernünftigen Produktion haben. Außerdem handelte es sich im Kern um einen Verein der nicht die Mittel hatte wochenlang mit Live-Musikern zu proben oder aufzutreten. Darum sollte die Studio-Produktion auch als Playback für die Bühne dienen. Es häuften sich immer mehr Lücken an, das Netzwerk fehlte, die Mittel waren sehr begrenzt.

Der Auftraggeber brauchte immer mehr, ein paar Beispiele:

  • Es fehlten noch zwei Songs
  • Daraus wurden 17 (inkl. ein paar szenischen Kompositionen)
  • Es fehlten Sänger und Darsteller

Es offenbarten sich immer mehr Lücken...

  • keine SängerInnen für die Produktion im Studio
  • keine SängerInnen für die Bühne
  • keinen Vocalcoach
  • keine gute Planung (Deadlines, Zeitpläne)
  • keine gute Kommunikation im Team (whatsapp, Telefon, jeder mit jedem durcheinander, keiner weiß was Sache ist)
  • keine Projektstruktur (Zuständigkeiten, Hierarchie)

So waren meine Rollen am Ende:

  • Produzent (Studio)
  • Songwriter/Komponist
  • Studiomusiker
  • Sänger (Studio)
  • Koordination des ganzen Netzwerkes an Musikern
  • Musikalische Leitung
  • Vocalcoach
  • Teamleading

Jetzt kann man natürlich hingehen und sagen: Warum machst du das denn dann mit? Eine Antwort ist sicherlich Idealismus. Die andere ist, dass man natürlich auch helfen will und Probleme oder Möglichkeiten sieht, wo sie die Amateure mitunter nicht sehen. Wenige Menschen halten schlussendlich die Sache am Leben, was grundsätzlich okay ist! Nur gerät das in Schräglage wenn die Schwierigkeiten von der anderen Seite (Auftraggeber) nicht mal gesehen werden.

Zusammenfassend kann man sagen:

  1. Es gab viel zu viele Baustellen für viel zu wenig Mittel/Kräfte
  2. Es gab viel zu wenig Kommunikation zwischen Technik, Regie, Musik, Choreographie
  3. Die Pläne wurden nicht eingehalten und willkürlich geändert
  4. Es gab keine Struktur, auch nicht unter den “Leitern”.
  5. Auf die wenigen Profis im Team wurde nicht gehört.

Was resultiert daraus? Stress, Unmut, Ärger. Unnötig, vermeidbar, kraftraubend.


WARUM MACHST DU DAS ALLES MIT?

Komplexe Frage. Ich war ja durch die fehlenden Stücke - von denen ich ursprünglich nichts wusste - nun einer der Urheber des Stückes und wollte dass es gut wird, denn mein Name hing schon längst in der Sache mit drin. Hier und da habe ich auch Rollen übernommen weil ich mir dachte, dass es für den Moment besser ist, wenn es überhaupt jemand macht.

Nun ist das sicherlich ein Extrembeispiel. Und klar, der ganze Unmut entlud sich nach der Premiere, Menschen schrien sich an, man konnte eigenartige Szenen beobachten. Sowas kenne ich aus professionellem Teamwork nicht.


DAS ERGEBNIS

Unterm Strich also eine Kraftleistung. Tolles Ergebnis, ne Menge toller Leute dabei, unglaubliche Leistung vieler Amateure und in ihren Bereichen weniger Profis. Aber auf der anderen Bilanzseite steht das oben beschriebene.

Mir ging es danach schlecht. Fragte ich mich doch einerseits (wie einige beteiligte Kollegen auch) was mir da die letzten 2,5 Jahre widerfahren war, und andererseits ob ich mich nicht professionell verhalten habe? Hab ich hier den Fehler gemacht? Was hätte ich noch tun können? Was hätte ich noch auffangen können? Hab ich nicht genug gegeben?

Nach etwas Abstand kann ich sagen: Alles okay, als Projekt in der Freizeit wenn man sowas denn möchte. Aber mein Lerneffekt ist dass ich in diesem Fall hätte gehen sollen. Die Finger davon lassen.


"VISION" ALLEIN REICHT NICHT: IST WIE DIE CHAMPIONS LEAGUE GEWINNEN

...nur ohne Mittel, Stadion, Mannschaft, Spieler. Es ist wirklich Wahnsinn was dieser Verein über die Jahre alles erreicht hat. Dafür gibt es meinen größten Respekt. Anders fällt mein Resümee beim Vorstand des Vereins aus: Ne tolle Idee haben und dafür brennen finde ich wirklich großartig. Nur mit Kraftleistungen entstehen tolle Dinge, das ist mir klar. Aber hier war für die Erwartung an das Ziel einfach nicht das Know-How und ebenso wenig die Mittel. Und so machte das mir am langen Ende keinen Spaß.

Wir immer hätte meiner Meinung nach gute Kommunikation hier einiges lösen können.

Was können wir nun aus dieser Erfahrung mitnehmen?


DIFFERENZIEREN LERNEN

Ich glaube dass man lernen muss zwischen diesen “Arten von Anfragen” zu differenzieren. In der Musikbranche ist Idealismus gefragt, keine Frage. Große Projekt wie das oben beschrieben werden ohne eine Kraftleistung nicht möglich sein. Aber das ist nicht dasselbe wie ein klar definierter Studio-Aufnahmetag oder ein Auftritt.


ICH SORTIERE IN MEINEM KOPF NACH DIESEM PRINZIP

1) Die “Hochzeitssänger-Taktik”

Ich löse es bei Auftritten auf Hochzeiten so, dass ich den Paaren nichts berechne und sie mir wenn sie den Kopf wieder frei haben einfach das geben sollen, was es ihnen wert war. Wie im letzten Artikel beschrieben, wurde ich schon oft überrascht!

2) Der ”Klar defnierte Job”

Ein Schulbuchverlag will ein Angebot über Komposition und Produktion eines Popsongs für sein Lehrwerk. Du schreibst ein Angebot, liegst hoffentlich richtig, machst den Job. Alles ist definiert.

3) Das “Mammut Projekt”

Ich soll ein Album produzieren? Gerne! Ich mache eine interne Kalkulation und rechne dann rückwärts. In wie vielen Tagen muss ich fertig sein damit ich einen Top-Tagessatz habe? In wie vielen Tagen, damit es noch ein guter Tagessatz ist. Und wie viele Tage habe ich bis zur Schmerzgrenze. Hat mir sehr geholfen schneller zu sein und auch mal kreative Baustellen eher als “fertig” ansehen zu können. (Sind sie nämlich eigentlich nie ;-))

4) Die “Herzensangelegenheit”

Jemand will, wie oben beschrieben, dein gesamtes Herzblut für ein “Projekt” (ich hasse dieses Wort wirklich) anzapfen? Es ist deine Entscheidung! Lust auf ein Hobby: do it! Keine Lust: Trenne es klar von deinem Job und lass es sein! 

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