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“Alles für den Song” mit Gitarrist Michi Schwiemann [010]

INHALT

“Ich spiele lieber einen guten Refrain, als ein Solo” - Mit diesem Zitat von Michi Schwiemann ist für diese Folge schon einiges gesagt. Marcel und Markus haben sich den Session-Gitarristen “vorgeknöpft”, natürlich im positiven Sinne ;) Der Wahl-Kölner spricht über das Band -und Tourleben mit seiner sehr erfolgreichen holländischen Band “Miss Montreal”, die aus seiner Hochschulzeit am Conservatorium Enschede entstanden ist. Michi gewährt uns tiefe Einblicke in die Produktions-Prozesse und teilt mit uns seine Erfahrungen in Tonstudios von Brüssel bis Nashville. Ein großes Thema in diesem Podcast ist auch das “kempern”, was die Spezialisten unter euch natürlich kennen werden. 

Also: Reingehört!


SHOWNOTES


TRANSKRIPT

Markus: Hallo und herzlich willkommen zum „rurtonproducing“-Podcasts „Reingetackert!“. Heute wieder unter Corona-Bedingungen mit einem Live-Gast zugeschaltet. Ich gebe mal direkt an meinen Buddy Marcel ab.

Marcel: Hi Markus, ich grüße dich. Unseren Podcast könnt ihr unterstützen, und zwar könnt ihr uns helfen, besser sichtbar zu sein, denn das ist sehr wichtig für uns, indem ihr uns bei iTunes ein Abo gibt oder uns eine Bewertung schreibt. Das hilft und freut uns auf jeden Fall sehr. Vielen Dank dafür.

Markus: In den Shownotes findest du auch heute wieder alle wichtigen Informationen zu unserer Folge, unseren Live-Gästen und andere Sachen, die wir erwähnen. Schau einfach mal rein.

Marcel: Wir sind heute zu zweit - Markus und Marcel aus dem rurtonstudio, hier zusammen mit einem ganz besonderen Gast, auf den ich mich auch echt total gefreut habe, weil wir uns schon seit Ewigkeiten nicht mehr gesehen haben: Michi Schwiemann, Session-Gitarrist, wohnt in Köln, war eine lange Zeit in Holland und ist da auch beruflich noch sehr aktiv - er ist nämlich der Gitarrist von „Miss Montreal“. Was Deutsche vielleicht nicht ahnen können, ist dass sie in Holland richtige Rockstars sind. Das ist ja ab und zu bei niederländischen Sachen so, dass die nochmal eine ganz eigene Kultur haben. Können wir vielleicht gleich nochmal darauf eingehen. Michi, ich bin total froh, dass du hier bist. Ich grüße dich.

Michi: Hallo zusammen, ich freue mich auch.

Markus: Hallo!

Marcel: Wie geht es dir gerade so - Betreuungs-aspekt und so? Du hast ja Kinder und jetzt ist die Corona-Zeit - was ist da los?

Michi: Gut geht es. Es ist schon viel Arbeit, jetzt wo die Kinder den ganzen Tag zu Hause sind. Meine Frau arbeitet halbtags und ich muss meine Sachen auch irgendwie geregelt bekommen, aber es geht uns gut. Es ist alles okay. Es könnte schlimmer sein.

Marcel: Das ist schön. Wir sitzen hier auch unter Corona-Bedingungen - haben gerade mal gemessen - mit 1,50 m Abstand. Das ist natürlich ein Branchen Bestimmendes Thema irgendwie gerade, aber klar, wir wollen heute nicht so sehr darauf eingehen, sondern wollen in dieser Folge über Gitarren-Recording und -producing reden und einfach mal die Erfahrungen von einem richtigen Session-Gitarristen und vor allem auch einem hervorragenden Live-Gitarristen mit euch teilen und hoffen, das mal wieder für “Hobby-Klempner” bis Profis im Tonstudio genug hinten überfällt. Ich schmeiß mal einfach das erste Thema rein. Michi, du selbst bist, glaube ich, Kemper Endorser, wenn ich das richtig verstanden habe?

Michi: Genau.

Marcel: Ziemlich cool. Wir nutzen auch einen Kemper. Ist es tatsächlich so, dass du auch die meiste Zeit mit dem Kemper im Studio arbeitest?

Michi: Ich spiele Kemper, aber ich spiele auch richtige Amps. Hier zu Hause im Studio spiele ich eigentlich nur mit dem Kemper, weil ich das technisch nicht besser hinbekomme. Ich habe hier noch Topteile, also echte Amps, stehen, die ich dann über eine Isobox und Mikrofonsimulation abnehmen kann, aber auf die Schnelle kriege ich nicht den gleichen Sound hin, wie mit einem Kemper.

Markus: Nutzt du ausschließlich deine eigenen Amps?

Michi: Nein, ich nehme “Michael Britt”-Profiles, die ich gekauft habe. Michael Britt ist so der Kemper-Profile-Typ und da habe ich so ein paar, die ich benutzte. Ich spiele ja in Holland bei „Miss Montreal“, da spiele ich live zwei AC30s, mittlerweile AC15 und AC30 - also normale VOX-Amps. Das fing dann damals an, als der Kemper dann irgendwann rauskam, und mit Radio und Fernsehen, schlepp da mal einen AC30 hin und dann ist das immer schwierig und laut und schwer.

Markus: Thema Mikrofonierung und Monitoring.

Marcel: Man muss glaube ich auch dazu sagen, dass das in Holland total gängig ist. Das habe ich, als ich dort studiert habe, nie so häufig gesehen, dass sie in Sachen Radio und Fernsehen ganz viel in dieser Hinsicht machen. Die sind da ganz anders kultiviert, als wir. Ich habe mich erst einmal gewundert, dass „The Voice“ und in sämtlichen Shows alle richtig mit Live-Bands herumhantieren. Viele meiner Kommilitonen, und du dann natürlich auch mit diesem Projekt, waren dann ja relativ viel in Radio-Shows unterwegs. Kannst du uns mal ganz kurz abholen, weil ich bin natürlich drin, aber ich versuche selber so ein bisschen nochmal raus zu zoomen für unsere Hörer. Wir sind uns ja in Enschede im Conservatorium über den Weg gelaufen und ich vermute mal, dass du da auch Sanne kennengelernt hast.

Michi: Genau. Ich habe ungefähr von 2005 bis 2009 in Enschede an der Popakademie, wie du auch, studiert. Sanne ist die Sängerin oder Künstlerin von „Miss Montreal“ und sie war in meinem Jahr. Wir hatten damals Bands zusammen. “Tweede Jaars Band”, kennst du auch noch, da war ich mit Sanne und auch mit meinen jetzigen Bandkollegen in einer Band. Dann hat sie irgendwann gesagt, was ich sehr witzig fand: „Wenn ich mal einen Deal bekomme, dann will ich euch als Band haben.“ Ein oder zwei Jahre später, 2008, hat sie den Plattenvertrag bekommen und dann hat sie mich gefragt, ob ich nicht in ihrer Band spielen möchte.

Marcel: Das ist krass.

Michi: Im Prinzip war das unsere Hochschulband. Das war die “Tweede Jaars Band”. Dann kam Kobus, unser Bassist, noch dazu, der war zwei Jahre über uns; Thijs am Schlagzeug und Peter am Klavier (der später dazu kam). Das war alles die gleiche Band - die Hochschulband quasi.

Marcel: Ich würde auch sagen, da hat sie sich sehr Gute ausgesucht, denn ich habe wirklich ein einschneidendes Erlebnis mit dir. Das wirst du überhaupt nicht wissen. Ich war am Tag der offenen Tür an der Popakademie und habe dich in der Session-Band, ich glaube mit Lena, gesehen. Die war, glaube ich auch bei dir im Jahr.

Michi: Ja, Lena Frank.

Marcel: Genau. Lena Frank.

Michi: Die heißt jetzt glaube ich anders.

Marcel: Ja, ich glaube auch, dass sie anders heißt.

Michi: Sie hat geheiratet.

Marcel: Ich weiß nur, dass sie tief in der Gospel-Szene ist. Viele meiner Gesangsschüler kamen tatsächlich mit Tracks an und ich habe die Stimme wiedererkannt. Ich habe mich dann total gefreut. Die erste Band, also das Erste, was ich an Musikern von der Popakademie dann live gesehen hatte, an diesem Tag der offenen Tür, warst du und Lena, weshalb ich da das erste Mal Kontakt mit ihr hatte und überhaupt mal einen Sänger ausquetschen konnte, wie es da so läuft. Ich wusste ja nicht, dass du ein Deutscher bist, sonst hätte ich dich auch noch in die Zange genommen. Damals waren wir alle große Fans von Anouk und haben ziemlich viel von ihr gehört. Ich weiß jetzt nicht, ob es der Sache gerecht wird, die du damals da so abgeliefert hast, aber ich habe dich da ziemlich in diese Richtung gesehen, mit dem Lennart Haagsma. Der war ja auch mal hier bei uns Gast-Dozent, den fand ich mordsmäßig, auch damals schon.

Michi: Lenhardt ist mega.

Marcel: Da habe ich gedacht „Ja, genau so muss man auf der Bühne Gitarre zocken“.

Michi: Das ist sehr lieb, danke.

Marcel: Da war ich dann quasi noch nicht an der Schule, da warst du schon am Studieren. Ach ja, ist schön. Da hat sich diese Band formiert und im Grunde genommen seid ihr jetzt auf jeden Fall ein richtiger Major-Act. Das ist glaube ich das, was man hier mal erklären muss.

Michi: Also wir haben 2008, als sie den Plattenvertrag bekommen hat, angefangen. 2009 haben wir das erste Album aufgenommen. Dann haben wir auf großen Festivals gespielt und es wurde immer größer. Dann haben wir den Support für Coldplay gemacht. Mittlerweile haben wir auf allen Festivals in Holland gespielt - auch auf allen Main Stages. Bei Pinkpop auch Main Stage vor den foo Fighters. Wir haben ganz viele Singles rausgebracht und wir haben ein Album in Amerika aufgenommen. Das war crazy! Das war echt eine coole Erfahrung. Es ist schon eine große Band oder ein großer Künstler. Ich bin Bandmitglied, ich bin Session-Musiker, also ich spiele für die Künstlerin „Miss Montreal“. Wir sind zwar so intern eine Band, aber es ist die Künstlerin Sanne Hans. Sanne war jetzt viermal bei „The Voice“ in der Jury, jetzt macht sie „The Voice Kids“ und hat noch eine eigene Sendung. Das ist schon so in dieser Größenordnung unterwegs. Und das ist ein toller Job.

Markus: Hast du das Gefühl, dass Musik grundsätzlich in den Niederlanden anders bewertet wird? Ich meine einfach in Richtung Live-Musik, dass es einfach viel mehr auf allen Medien stattfindet, als hier? Ich finde das so verrückt, weil das so nah eigentlich ist und der, der sich nicht dafür interessiert, es nicht unbedingt mitbekommt und dass es so komplett anders ist, als in Deutschland. Woran liegt das? Liegt das an den Unis, die das fokussieren? Liegt das an den Medien?

Michi: Der Grund, warum ich nach Holland gegangen bin - das ging zwar über einen Freund von mir - aber, weil ich Popmusik machen wollte. Ich wollte das Handwerk lernen, was ich später an Musik machen möchte. Ich möchte nicht Jazzgitarrist studieren und dann Popgitarrist machen, sondern ich möchte wirklich das lernen, was ich da mache. Wobei sich das natürlich überschneidet, mit dem Jazz natürlich auch. Und das konnte man damals in Deutschland noch nicht. Es gab eine Popakademie in Mannheim…

Marcel: Die war aber nicht akkreditiert. Ich hatte nämlich dasselbe Problem.

Michi: Da habe ich mich darauf beworben und in dem Jahr, wo ich mich beworben habe, waren über 1000 Bewerber. Das habe ich auch im Fernsehen gesehen. Es gibt da so Dokumentationen darüber und da haben sich tausende beworben. Da gab es dann auch nur vielleicht 4 - 5 Gitarren-Plätze und da wurde ich nicht genommen. Dann wollte ich erst einmal pausieren und wusste nicht so richtig, was ich machen will. Über einen Freund, der sich dann in Holland beworben hat, bin ich dann nach Enschede gekommen und habe dann seine Aufnahmeprüfung gespielt und selber auch für mich meine und wurde dann da angenommen. Das war in Deutschland so nicht möglich. Ich glaube, das ist auch ähnlich wie mit der Live-Musik da. Ich habe in Holland das Gefühl, dass auch kleinere Bands eine Möglichkeit haben sich zu präsentieren. Es gibt viel mehr Pop-Podias, wo man spielen kann. Du kommst ins Radio, auch wenn du keinen Major-Deal hast. Da spielst du vielleicht abends oder nachts in einer Radiosendung, aber du hast eine Möglichkeit.

Markus: Also würdest du beschreiben, dass die Unis anders aufgestellt sind…

Michi: Ich habe nicht den genauen Vergleich, weil ich nie in Deutschland studiert habe. Aber ich habe das Gefühl, dass Holland so ein bisschen offener ist, was Musik angeht.

Markus: Ein wichtiges Thema ist ja, dass die Medienlandschaft das anders bewertet oder…

Michi: Auch. Du hast ja nicht nur „The Voice“ da. Bei uns im Jahrgang waren ein paar Sänger, auch in dieser A-Cappella-Show, da gab es dasselbe noch einmal mit A-Cappella-Truppen. Ich meine, das wäre in Deutschland undenkbar. Das würde sich gar keiner angucken. Und so habe ich die Holländer eigentlich auch kennengelernt. Wenn du in Holland gefragt wirst, was du machst, und du sagst, dass du Gesang studierst, dann sagt der Niederländer: „Ach das ist ja schön!“

Markus: Wertschätzend.

Marcel: Wenn du in Deutschland sagst, dass du Gesang studierst, dann fragt der gegenüber: „Hä? Kannst du damit Geld verdienen?“

Markus: Ja, das ist direkt die erste Frage.

Marcel: Da sind wir, glaube ich, wirklich echt ein bisschen anders kultiviert hier.

Markus: Schade.

Michi: Kann sein. Weiß ich nicht.

Marcel: Wir sind ja hier im „urtonstudio nicht weit entfernt von der niederländischen Grenze.

Markus: Nicht weit. Also maximal 30-40 km.

Michi: Es ist abgefahren, wie das keiner auf dem Schirm hat. Das sind, keine Ahnung, 100 km nach links fahren und dann ist da die Grenze.

Markus: Das ist auch nicht gefühlt, das ist wirklich eine Grenze. Das ist komisch.

Michi: Alles was da hinten passiert, kriegt man nicht mit und es ist gar nicht so weit weg.

Marcel: Abgefahren.

Michi: Ja, ich bin ein riesen Holland-Fan, auch unabhängig von der Band. Ich mag die Offenheit der Menschen sehr. Und man ist schnell am Meer - das ist auch gut.

Markus: Ja absolut. Das ist ja auch hier so. Selbst von meiner Jugend an, wenn man ans Meer wollte, fuhr man dann direkt nach Holland.

Marcel: Ja das stimmt. Wahnsinn. Danke für diesen Grobüberblick zu „Miss Montreal“ und deinen Session-Jobs. Das ist wirklich beneidenswert. Du sagtest gerade, dass es ein guter Job ist und dass es Spaß macht - ich meine, das ist ja das, was wir alle anstreben. Wahnsinn.

Michi: Ich bin da immer ein bisschen nüchtern. Aber ich bin da sehr dankbar für. Es ist ein sehr schöner Job.

Marcel: Ich finde das sehr sympathisch, ehrlich gesagt. Hast du auch so ein richtiges Tour-Leben in Holland? Bist du dann wochenlang unterwegs gewesen mal am Stück?

Michi: Ich habe ein Tour-Leben in Holland, weil ich in Deutschland wohne. Da das Zurück manchmal zeitlich nicht möglich oder zu aufwendig ist, bleibe ich in Holland. Die Holländer selber haben kein Tour-Leben, weil es sowas wie Nightliner nicht in Holland gibt.

Marcel: Ist ja auch alles innerhalb einer halben Stunde erreichbar.

Michi: Ja, in drei Stunden bist du einmal durch das Land gefahren. Das Weiteste, was wir in Holland gefahren sind, waren glaube ich dreieinhalb Stunden. Von unten links, von Vlissingen, hochgefahren nach Groningen oder so. Da bist du einmal durchs Land gefahren. Wir haben jetzt einen Fahrer, der fährt uns dann rum und wenn die Gigs zu spät sind, bleibe ich meist bei Sanne. Sie hat ein Haus, da habe ich ein Gästezimmer und muss nicht immer in das Hotel gehen und da habe ich dann mein Räumchen und dann bin ich bei ihr zu Hause.

Marcel: Also ich finde das echt auch beneidenswert, dass ihr mit dieser Truppe noch so zusammenhängt.

Michi: Ja. Es ist natürlich alles durch die „Arbeit“ verbunden. Ich habe die jetzt, durch Corona, seit Oktober nicht mehr gesehen. Natürlich haben wir uns ab und zu mal geschrieben. Aber man ist schon durch den Beruf verbunden. Normalerweise sehe ich die Band und Sanne zwei-drei Tage in der Woche. Dann ist die Distanz auch nicht so wild, für eine Freundschaft. Man sieht sich dann bei der Arbeit quasi und ist befreundet. Dann fahre ich zurück nach Hause und habe hier meinen “Papa-Leben”. Ich finde die Trennung auch ganz cool.

Markus: Um daran mal anzuknüpfen: Wie viele Shows hast du sonst im Schnitt so gespielt und wie viele hast du letztes Jahr nur gespielt? „Nur“, weil ich davon ausgehe, dass es wesentlich weniger waren.

Michi: Sonst immer so ungefähr 100-120 im Jahr.

Marcel: Wow.

Michi: Nicht nur mit Sanne, sondern auch mit anderen dazwischen. Einen Großteil mit Sanne, also mit „Miss Montreal“. Und nebenher dann Cover-Bands und andere Bands. Das sind dann immer so 100-120. Also viel, aber nicht zu viel. Es gibt ja Leute, die machen 200-300 Shows im Jahr - das möchte ich nicht, hat sich bei mir auch nicht so ergeben und mit Kindern ist das sowieso eine Katastrophe. Wenn ich das ganze Jahr weg wäre, das geht nicht. Letztes Jahr waren es vielleicht 15-20 - sowas. Wir haben Mitte des Jahres ein paar unter “Corona-Bedingung” machen können - dann Radio; ich zähle Radio-Gigs und sowas auch als Gig. Das haben wir ein paar machen können. Anfang des Jahres war ja noch kein Corona letztes Jahr - also 15 Shows ungefähr. Läuft - nicht.

Markus: Produziert ihr gerade aktuell oder macht jeder für sich quasi ein bisschen was Songwriting angeht oder wie nutzt ihr die Zeit?

Michi: Also das Songwriting bei „Miss Montreal“ ist so: Sanne schreibt die Songs und wir haben so ein bisschen den Deal mit der Plattenfirma oder auch mit Sanne, dass wir das als Band einspielen. Bei „The Voice“ fing das an - als sie das erste Mal bei „The Voice“ war - mussten wir eine neue Single rausbringen und dann sind das vorgefertigte Sachen. Das wurde dann schon eingespielt oder ein Produzent hat es gemacht und das alles auf die Schnelle. Mittlerweile ist es so, dass wir wieder zurück zum Anfang sind. Aufgrund des kreativen Input, den wir als Band leisten können und des Zusammenspiels, spielen wir als Band die Songs ein, weil wir jetzt seit 12-13 Jahren zusammenspielen. Das merkt man schon so.

Markus: Dieser Riesen Wert.

Michi: Und den Sound. Wir haben schon einen bestimmten Sound als Band. Gerade im Studio weiß ich, was unser Keyboarder spielt und das bevor er es spielt. Er weiß auch, was ich mache. Von daher ist es im Vorfeld schon so eingespielt und das Gleiche hat unser Bassist mit unserem Schlagzeuger auch. Wir können das blind. Und deshalb geht diese Arbeitsweise sehr zügig und ist sehr gut. Unabhängig von diesem finanziellen Aspekt, wenn man Lieder einspielt, die dann im Radio laufen und in den Charts sind, war mir immer sehr wichtig, dass ich die Songs einspiele, weil das so mein einziger Kreativinput ist, in diesem Konstrukt “Miss Montreal”. In dem Sinne, Sanne schreibt den Song und ich schreibe dazu quasi meine Gitarren-Parts und Sanne segnet mir das dann ab und sagt: „Ja, das ist nicht so cool. Mach was anderes.“ - aber ich denke es mir selber aus. Das habe ich aus dem Grund, weil ich meine Gitarre oder meine Ideen live spielen möchte und nicht von wem anders, die mir nicht gefallen, die ich nicht spielen kann oder die ich vom Stil her nicht so mag. Das wird dann schnell eine Cover-Band. So bist du noch in diesem Prozess mit Schreiben mit dabei so ein bisschen. Wobei die Hauptidee natürlich von Sanne kommt.

Markus: So ein bisschen, wir nennen das immer “Arrangen”. Egal ob es Gitarren sind oder die Keys oder so. Die Kreativ-Arbeit, wie du es eben schon beschrieben hast - ist nicht zu unterschätzen. Vor allem der Wert des “Rückkoppelns”, wenn man zusammen live irgendwie in einem Aufnahmeraum stehen kann und als Band agieren darf. Das unterschätzen viele. Aber das ist halt so cool. Mehrwert.

Michi: Ja die Energie ist schon ein Unterschied.

Marcel: Ja und das ist ein Qualitätsmerkmal. Ich meine, das ist ein Level, wo man hinwill. Du hast in der Pop-Produktion vielleicht eher so den Produzenten dasitzen, der was zusammenbaut, aber hier geht es ja um den Charakter von…

Michi: Ja es kommt immer auf den Stil und die Musik darauf an. Es gibt auch viele Sachen, die produziert genauso gut sind oder besser funktionieren, aber in dem Fall ist das schon cool, dass wir das als Band machen und unsere Energie und der Sound - das hört man auch.

Marcel: Genau. Und darauf wollte ich eigentlich hinaus, dass ich das so schön finde, dass bei euch halt diese Band-Sache noch so wirklich eingefangen wird. Arbeitet ihr, seit ihr das erste Album produziert habt, mit einem festen Produzenten?

Michi: Das hat gewechselt. Es waren unterschiedliche. Der letzte Produzent ist der Gordon Groothedde. Marco Borsato macht der und alle Großen. Der hat jetzt, glaube ich, die letzten drei oder vier Platten gemacht. Der ist super und mega cool. Er spielt auch Gitarre und er weiß, was man technisch macht und ist ein super netter Typ. Der macht das mega!

Markus: Das heißt, du würdest für dich so eine Entwicklung sehen? Also ich frage mich, was sind die Gründe, dass man wechselt? Jetzt seid ihr ja länger bei ihm und das ist schon so, dass man sich als Band den Produzenten sucht, mit dem man gut zu dem Ergebnis kommt, was man möchte wahrscheinlich und mit den man gut zusammenarbeiten kann.

Michi: Ja, das muss menschlich passen, das muss natürlich auch vom Sound her passen und von der Arbeitsweise, die der jeweilige Produzent fährt. Sanne oder die Plattenfirma entscheiden das, wer das wird und wie das gemacht wird. Und mit Gordon funktioniert das ganz gut - menschlich und auch von der Qualität her - wie er arbeitet und wie Sanne arbeitet, das passt ganz gut.

Marcel: Interessant. Darf ich mal fragen, weil es mich auch selbst brennend interessiert. Willst du uns ein paar kleine Einblicke in diese Prozesse geben? Wie läuft das ab? Ist es wirklich zu Ende gedacht? Hat die Band geprobt und es wird eigentlich getrackt und den Sound gemacht? Oder sagen wir mal, hat Sanne mit dem Produzenten jetzt ein “Songwriter-Layout” angelegt und es werden Sachen ersetzt und es wird rumexperimentiert? Kannst du uns da ein paar Einblicke geben?

Michi: Ja klar. Bei der ersten Platte war das so, wie man sich das so vorstellt oder wie man das so kennt, von Bands, die man hat. Man geht in den Proberaum, einer hat einen Song geschrieben - in unserem Fall war das Sanne natürlich - und wir denken uns halt alle dann unser Zeug dazu aus. Wir probieren das rum und proben mehrfach die Woche immer im “Atak” in Enschede und spielen die ersten Shows. Das war die erste Platte - 2008/2009. Da haben wir jede Woche paar Mal geprobt und meine Gitarren habe ich mir dazu ausgedacht und die anderen auch, wir haben Sachen geklärt, dann haben wir Live-Shows gespielt damit und erst dann haben wir das Ding erst aufgenommen. Das fand ich ganz cool, weil du merkst, wenn du eine Live-Show spielst: Live spielen ist was anderes, als im Studio oder bei der Probe. Du merkst, was Live funktioniert. Nicht nur musikalisch, also was du spielst, sondern auch vom Arrangement her. Der Part ist zu lang, dann wird er zweimal gespielt nd solche Sachen - wenn du den Song davor mal live gespielt hast. Ich habe das häufig so oder hatte das häufig: wir nehmen Sachen auf, spielen die dann erst Live und so nach einem oder zwei Monaten habe ich eine andere Idee und denke „Ach das wäre auch ganz cool“. Manchmal sind die Live-Sachen ein bisschen anders als auf Platte was ich cool finde. Solange der Chef das absegnet, aber das ist meistens kein Problem. Von daher spiele ich dann manch andere Sachen. Das war bei der ersten Platte so, dass wir das quasi wie eine Band entwickelt haben. Mittlerweile ist das so, dass ich keine iPhone-Sprachnachrichten mehr bekomme - das sind jetzt produzierte Sachen. Sie hat jetzt sowieso Songwriting-Sessions mit verschiedensten Songwritern und auch mit unserem Produzenten. Dann fliegt sie nach London und schreibt da mit Leuten und hat auch in Holland Leute, mit denen sie dann schreibt. Es wird dann „vorproduziert“. Ich habe jetzt Songs bekommen, da ist die BPM-Zahl drauf und sie spielt Akustik-Gitarre und singt dazu. Kann ich gleich mal anmachen. Und das bekomme ich dann zugeschickt. Dann wird ein Termin gemacht, wo alle können und dann gehen wir ins Studio.

Markus: Wenn ich es richtig deute, wie wir es immer so ein bisschen nennen, das Songwriter-Demo, das heißt es gibt die Melodie, die irgendwie vom Klavier oder von der Gitarre begleitet wird.

Michi: Genau, das war früher so eine schäbige iPhone-Aufnahme und jetzt ist das schon ein bisschen professioneller. Wir haben nur die Aufnahme, wo sie die Akkorde spielt und wo sie die Melodie dazu singt. Der Text ist an vielen Stellen noch nicht fertig, aber die Form, die Akkordfolge und die Melodie steht. Damit gehen wir dann in das Studio und nehmen auf. Das heißt, dass ich mir ein Leadsheet schreibe, damit ich die Form und die Akkorde habe und überlege mir zu Hause dann mein Gitarrenpart. Und das macht jeder aus der Band. Und dann gehen wir ins Studio und spielen das ein, ohne dass wir das einmal zusammen gespielt haben. Das heißt, das erste Mal spielen wir das zusammen, wenn wir im Studio sind. Das ist natürlich extrem hilfreich, wenn man so lange schon zusammen spielt, weil ich im Vorfeld weiß, was Peter, unser Keyboarder, spielen wird und ich weiß, was Sanne von der Gitarre haben möchte. Das heißt, ich kann mir zu Hause schon Sachen zurechtlegen. Wichtig ist, dass ich mir viele Sachen zurecht lege und dass ich Alternativen anbieten kann, weil nicht wirklich Zeit ist im Studio rum zu probieren. Wir spielen das ein, zweimal durch und dann nehmen wir das auf. Klar arbeitet man mit Gitarren als Overdubs, das heißt, ich spiele eine Gitarre Live ein und die anderen Gitarren mache ich später als Overdub drüber, das heißt, ich habe ein bisschen Zeit mir was zu überlegen.

Markus: Aber für den Moment des Live-Feelings musst du quasi schon die Alternativen im Kopf haben und vorbereitet sein?

Michi: Genau. Im Studio ist das so: Wir sind alle in einem Raum, meine Amps sind draußen, Sanne ist in der Regie, spielt die Akustik-Gitarre und singt - so als Guide, damit wir wissen, wo wir sind. Wir spielen das dann gemeinsam ein - Schlagzeug, Bass, Keyboard und Gitarre. Das machen wir als Band zusammen in einem Raum. Es geht erstmal um Schlagzeug und Bass. Weil Keyboard und Gitarre können noch nachträglich drüber gemacht werden. Es geht aber um das Live-Feeling und um die Energie und deshalb spielen wir das alle zusammen ein. Was gut ist, dass kann bleiben und der Rest wird dann nachträglich drüber gespielt. So ist eigentlich quasi die Zusammensetzung. Das heißt, die Basis vom Song ist ein Live-Recording. Vor allem das Schlagzeug und Bass zusammen einspielen, dass die zusammen sind und wir auch mit im selben Raum sind, das ist mir auch sehr wichtig. Ich muss neben dem Schlagzeuger stehen. Ich kann auf dem Klick spielen, aber ich spiele lieber mit einem Drumset.

Markus: Was wir gut nachvollziehen können. Weil wir das auch immer feststellen, dass es einfach total schön ist - Bass, Schlagzeug, Gitarre.

Michi: Du brauchst die Energie des Zusammenspiels.

Markus: Total. Aber wie du gesagt hast, es kommt halt voll auf die Musik an, aber in dem Grunde, wo wir unterwegs sind, ist das einfach cool.

Marcel: Er hat es ja gerade nochmal kurz rein geworfen. Der Musiker wird ja auch wahnsinnig durch alle Entscheidungen im Produktionsprozess beeinflusst - wer mit ihm spielt, wie das Monitoring ist - all solche Sachen. Aber ich finde das total schön, das auch nochmal so dann zu hören. Viele Leute kommen dazu, ich denke, es wird ziemlich viel Zeit auch in Songwriting investiert, du meintest Songwriting-Sessions, hat sie auch viele, Produzenten.... Also Leute denken mit, Spezialisten, und es ist halt eben weit verbreiteter Irrglaube unter vielen Bands, die halt so das erste Mal ins Studio gehen und das man sich einfach von vorne bis hinten einfach mal austobt. Man holt sich drei Wochen Studiozeit und dann wird halt ein bisschen herum geballert. Es ist ein bisschen so die Frage, wo du hinwillst. Ihr seid ja wirklich ein Major-Pop-Rock-Act und da ist ja schon auch der Adressat klar. Es wird ja auch darauf gezielt, Singles zu schreiben.

Michi: Ja! Bei der ersten Platte war das so, dass wir uns auch ausgetobt haben. Das war das erste Mal in einem großen Studio. Davor haben wir mit anderen Bands und auch in der Schule Sachen aufgenommen. Aber alles eher so Homerecording-mäßig oder ein bisschen größer. Das erste Mal mit Sanne im Studio war in den ICP Studios in Belgien. Da waren wir, glaube ich, drei Wochen am Stück. Das war mega abgefahren. Riesen Studio - Studio A, Studio B, Studio C. Dann war da noch die ganze Zeit eine englische Band in einem kleinen Studio. Es gab da ein riesiges Lager mit hunderten Amps, auch alten Sachen, die da stehen. Ganz viele Effektgeräte und Gitarren. Ein Swimmingpool war da drin...

Marcel: Schickst du den Praktikanten da mit einem Ikea-Wagen los: „Hol mal zwei VOX AC30 und bring noch einen Tubescreamer mit.“

Markus: Aus dem Baujahr.

Marcel: Genau.

Michi: Ich hatte damals mein ganzes Zeug - ein kleines Pedalboard, drei Gitarren und einen Amp - dann komme ich da an und denke mir so „Das brauche ich alles gar nicht. Es gibt so viel mehr“.

Marcel: „Es gibt so viel mehr“ ist auch gut.

Michi: Pedalboard-Schränke. Ich weiß nicht, zwanzig Meter lange Wand nur Pedale, also alle Pedale, die man sich vorstellen kann. Wirklich alles gab es da. Und dann auch alte Amps aus den 60ern, ganz alte Topteile. Alte Combos, VOX-Amps, Marshall-Amps, Fender-Amps. Du bist das erste Mal in so einem riesigen Studio, wo die Rolling Stones aufgenommen haben und dann stehst du da und fragt er mich, was ich für einen Amp spielen möchte.

Markus: Erstmal die Überforderung.

Michi: Dann gehen wir in das Lager und da stehen viele Drumsets mit Snares. Weiß nicht, 50 Snares. Ganz viele Verstärker. Alte Vintage-Gitarren. Das ist immer noch so, wenn wir in Holland im Studio sind, im Wisseloord Studio nehmen wir viel auf, die haben auch eine Vintage-Kollektion. Da bin ich auch wieder ein Kind im Süßwarenladen.

Marcel: Ich finde das total spannend, weil ich mir auch die Frage stelle, und die knüpft übrigens gleich an eine Hörerfrage an, die wir auch mit einem anderen Gitarristen diskutiert haben, was ich sehr spannend finde - eine gute Frage: Es geht so ein bisschen darum, wenn du so viel Auswahl hast, auch als Produzent, das finde ich echt abgefahren, Entscheidungen zu treffen. Ich frage mich echt, was passiert, wenn ich zwanzig Drums jetzt da habe - denkt man dann wirklich von Nummer zu Nummer? Das ist echt super spannend. Aber ich möchte dich trotzdem ganz kurz mal mit der Frage von einem Podcast-Hörer konfrontieren: Kemper versus Kreativität? Und die Frage finde ich wirklich gut! Es ging nämlich darum, dass der Kemper-Amp vielleicht ja auch dieses individuelle „Ich finde meinen Sound“ ein bisschen verhindert. Weil du halt einfach alle Möglichkeiten hast.

Markus: Und du hattest so ein schönes Beispiel diese Flut von Presets “so ein bisschen wie Netflix ist das” hast du gesagt.

Marcel: Ja genau. So „On-Demand“ quasi. Dann nehmen wir quasi mal einen „Pink Floyd“-Sound, da brauchen wir jetzt mal dies und das und jenes. Die meisten Gitarristen, wie jetzt Michi oder Felix Tersteegen, Leuten, denen ich gerne zuhöre, wo ich denke, ja cool, die bestechen meistens auf der Bühne selbst in Cover-Bands. Da merkst du, dass jemand eine eigene Stilistik und einen eigenen Sound hat. Das finde ich irgendwie total spannend an der Frage. Würdest du sagen, dass so eine Entwicklung von individuellem Sound, durch so ein Gerät, auch mitunter, vielleicht auch für zukünftige Generationen Gitarristen, gebremst wird?

Michi: Ja. Jein. Ja. Ich finde, es ist eine gute Frage. Ich finde schon, dass es schwierig ist mit einem Kemper einen eigenen Sound zu fahren, weil er alles kann. Ich habe drei Gitarren-Kollegen die, die gleichen Profile spielen. Das heißt, man gleicht sich so ein bisschen an. Ich habe ihn gehört und fand seinen Sound mega und er hat mir dann irgendwann das Profile geschickt vial Mail und das spiele ich jetzt. Es funktioniert gut und klingt gut, es muss immer passen, aber es ist schon sehr einheitlich, was da passiert mit dem Kemper oder mit den Profiles. Ich bin ein großer Kemper-Fan, ich bin Kemper Endorser auch, aber es ist schon so, dass das so eine Individualität schwierig ist, gerade bei Leuten, die nicht da nicht ganz so viel Ahnung haben und einfach Knöpfe drücken.

Marcel: Und es ist eine Lösung. Irgendwie geht auch so ein bisschen das technische Handwerk flöten. Ich möchte das gar nicht bewerten, aber du kannst sagen „Das ist geil. Das nehme ich mir jetzt“ und hast dir im Grunde hast du dir den Sound von jemanden genommen, eigentlich. Das geht natürlich nicht für Leute auf deinem Niveau, weil die Spielweise sich nochmal so krass individualisiert alles.

Michi: In der Basis stimmt das schon, dass der Sound irgendwie bei vielen gleich ist. Die Art und Weise, wie man einen Kemper nutzt, ist dann auch anders. Ich nutze den anders, als jetzt der typische Kemper-Spieler. Ich bin sehr an meine Pedale gebunden. Ich habe zum Beispiel kein Flooarboard vom Kemper, auf dem ich live spiele. Ich nutze für live meistens nur ein Profil und das ist clean beziehungsweise halb kurz vor dem “Break-up” heißt das, wenn man reinhaut und es wird leicht angezerrt. Meine Pedale schalte ich davor. Das heißt, ich nutze den Kemper quasi live, wie ein lautloser, cleaner Verstärker.

Marcel: Ach das ist interessant.

Michi: Den Grund, warum ich damals einen Kemper gekauft habe war, weil ich immer mehr Shows gespielt habe, wo kein Amp auf der Bühne war. Es darf nicht laut sein. Im Fernsehen und im Radio ist ein großer Amp schwierig und da ist keine Zeit zum Mikrofonieren.

Markus: Ich wollte gerade sagen. Um die Sicherheit zu haben, dass du immer ein sauberes Signal lieferst. Da ist vielleicht keine Zeit für Mikrofonierung oder nicht die richtigen Mikrofone.

Michi: Genau und da habe ich dann angefangen, als ich mehr solche Shows gespielt habe, mir dann einen Kemper zu kaufen. Den gab es ein paar Jahre und ich habe mich ein bisschen gewehrt, weil alles, was mehr als drei Knöpfe hat, für mich schwierig ist.

Markus: Das kann ich gut nachvollziehen, weil der Kemper sieht ja auch tatsächlich mehr aus wie ein Synthesizer als wenn man jetzt nur die Front sieht.

Michi: Ja nur das Design. Du merkst schon, dass der Kemper aus dem Keyboard kommt.

Markus: Genau. Absolut. Auch die Menüführung und alles. Ich will es ja auch gar nicht schmälern. Wir haben ihn ja auch hier und nutzen ihn auch wirklich viel. Ich schätze ihn auch.

Michi: Am meisten nutze ich den Kemper an meinen Amps. Außer Live auf großen Bühnen, spiele ich meine Amps nicht mehr.

Markus: Du hast es eigentlich schön beschrieben, was die Vorteile halt sind. Uns geht es halt so - in Produktionen, ist es vielleicht was anderes, aber wenn wir so Demos machen oder Auftragsarbeit, wo wir vielleicht auch sehr viele verschiedene Gitarren-Sounds benutzen, sind wir einfach dahin gekommen, dass das super praktisch ist. Wir haben dann irgendwann auch natürlich unseren Gitarren-Sound oder Marcels Gitarren-Sound dann auch darein selber Profiles gemacht. Das ist oft einfach ein Zeit-Ding.

Michi: Es geht schnell und die Qualität ist trotzdem mega in der Geschwindigkeit.

Markus: Genau. Und auch zum ersten Mal, damals, ist jetzt auch schon lange her, 4/5 Jahre, alles, was bis dahin da war, ich bin jetzt kein Gitarrist, aber produktionstechnisch fand ich halt alles fürchterlich. Line6, ElevenRack, usw. - alles, was es so gab.

Michi: Die ziehen jetzt alle nach, also die Qualität wird besser, Produkte, die gibt es jetzt auch, aber ich bin trotzdem immer noch Kemper - ist halt unschlagbar.

Markus: Das kann sein. Mein Gefühl war damals zumindest so, dass alles cool klang, solange du das alleine gehört hast oder solo, aber in einer Produktion ist alles abgekackt.

Michi: Das ist halt mit dem Digitalen, ich merk das immer live, wenn ich irgendwelche Effektgeräte benutze. Ich tendiere zum Analogen, weil sich das irgendwie besser im Live-Mix durchsetzt. Im Studio und zu Hause sowieso, nehme ich nur den Kemper, weil das technisch einfach auf dem Niveau ist, wo ich analoge Amps aufnehmen kann. Wenn wir zum Beispiel im Studio sind, mache ich eine Mischung aus beidem. Diese Basic-Sounds, wo wir eben darüber gesprochen haben, wenn wir alle in einem Raum sind und gleichzeitig aufnehmen, das mache ich mit meinen echten Amps. Die stehen dann in einem anderen Raum. Marshall-Amp, Fender-Amp, aber Hauptsache immer meinen VOX-Amp, weil es irgendwie mein Sound ist, dieses “Shiny”-VOX-Ding. Das setzt sich auch sehr gut durch mit verschiedensten Gitarren. Den Basic-Sound, den Grund-Sound, den nehmen wir, wie gesagt, mit meinen echten Sachen auf - mit den analogen Sachen. Um ein bisschen dieses Eigenständige beizubehalten. Klar, kannst du das auch mit einem Kemper profilen. Dafür nehme ich die echten Amps.

Markus: Was ja auch zu einem Live-Gedanken passt, finde ich.

Michi: Im Studio habe ich immer im Hinterkopf, dass wenn ich hier zehn Gitarren aufnehme, möchte ich nicht, dass bei jedem Track was mitläuft oder irgendwelche Gitarren mitlaufen. Ich denke mir dann auch im Studio, wenn ich die verschiedensten Sachen einspiele, wie ich das Live mache. Das ist ein bisschen Kreativ mäßig limitiert, weil du sollst eigentlich nur an den Song denken und überlegen, was dem Song gut tut. Ich arrangiere das auch, weil ich will, dass wir das auch Live spielen können.

Marcel: Ich wollte gerade sagen, weil es ist einfach auch ein geiler Anspruch, es auf die Bühne zu transportieren.

Michi: Es ist so ein auspendeln, man macht hier und da Kompromisse. Der Basic-Sound ist, wie gesagt, meine Live-AMPs, die spiele ich, damit der Grundsound irgendwie immer der Gleiche ist. Wenn ich Overdubs mache, mache ich das im Regie-Raum, weil ich den persönlichen Kontakt mag. Du kannst schnell hantieren und das mit einem Kemper. Dann gehen wir Profiles durch, die passen. Wir probieren halt den Sound für den Song aus und dann spiele ich Amps, die ich normalerweise nie spielen würde. Aber für den Song passt dieser Sound an Amp. Und das kann der Kemper halt mega. Du hast die Idee und hast den passenden Sound und spielst das schnell ein und die Idee ist nicht sofort weg.

Markus: Ich glaube, das können wir gut adaptieren, weil wir das auch so oft machen.

Michi: Klar, wenn du in so einem riesigen Studio bist, die haben all diese Profiles, auch als echte Amps dastehen. „Lass uns mal den Diezel ausprobieren“ und dann dauert es eine halbe Stunde, bis er ge-miked ist. Und das geht halt mit einem Kemper mega, dass man da die Profiles durch spielt und guckt, was zum Song passt, als Overdub zu meiner normalen Gitarre. So benutze ich den. Und hier bei mir halt nur den Kemper. Für Sessions, im Sinne von Cover-Band oder sonst irgendwelchen Sachen, nehme ich auch den Kemper mit. Früher habe ich sehr lange einen normalen Amp mitgenommen, aber es ist mittlerweile eh alles mit In-Ears und da ist der Kemper einfach besser. Es funktioniert immer besser. Wobei ich würde jetzt nicht, wenn ich in einer Kneipe spielen würde, ein Blues-Gig zu Dritt, da würde ich auch keine In-Ears spielen und da würde ich auch keinen Kemper spielen. Je nach Anwendungsbereich hat das ein oder andere Vorzüge.

Marcel: Michi, was mich interessieren würde: „Miss Montreal“ - ihr habt ein Riesen-Brett hingelegt und man kann nur noch mal erwähnen, auch gerade für die Deutschen Hörer unseres Podcasts, hört euch „Miss Montreal“ unbedingt mal an, weil es ist wirklich nur ein paar Kilometer vom rurtonstudio entfernt und da spielen sie auf den größten Festivals, auf den größten Bühnen. Das ist wirklich unglaublich. Schaut es euch mal an. Wo war so der Knackpunkt, in eurer „Sanne/Miss Montreal’s“-Karriere, wo es so richtig derbe abging.

Michi: Das war, als sie angefangen hat mit Fernsehen. Das Medium Fernsehen ist immer noch eines der Stärksten, muss man sagen. Ich weiß noch, vorher war das so, dass wir eine Tour in den mittelgroßen Sälen gemacht haben, die auch immer ausverkauft waren - das hat halt ein bisschen gedauert. Nach der ersten Staffel „The Voice“, wo sie in der Jury saß, war das so, dass wir dann geswitcht sind zu den großen Sälen. Und die waren dann nach ein paar Tagen ausverkauft. Die Zuhörerschaft hat sich deutlich geändert. Ob das besser oder schlechter ist, sei dahingestellt. Aber früher war das so, dass nur Musikfans, also die Fans der Band, dahin gekommen sind, die Leute, die die Songs kannten und mitgesungen haben. Dann hat sich das geändert, dass die Zuschauerzahl explodiert ist. Leute sind dahin gekommen, die gar keine Musik von Sanne kannten. Sie kannten sie nur aus dem Fernsehen und Fans von Sanne und ihrer Art waren. Sanne ist ja auch nicht auf den Mund gefallen und sie sagt, was sie denkt.

Marcel: Allerdings. So habe ich sie auch kennengelernt.

Michi: Sehr unterhaltsam und sehr besonders. In ihrer ganzen Art ist sie sehr besonders und eine super Songwriterin.

Marcel: Total. Um da nochmal den Kreis zu schließen: Da war ich ja ein Jahr unter dir am Conservatorium und da kristallisierte sich auch eigentlich schon raus, dass sie “special” ist und auf jeden Fall auch was zu sagen hat. Super cool. Ich möchte nochmal ganz kurz jetzt ins Detail gehen, bei einer Sache. Wir spielen euch jetzt mal kurz einen Sound-File von Sanne ab, wo ihr sozusagen eine Demo zu hören bekommt.

Musik (45:12-46:35)

Marcel: Michi, sag doch mal ganz kurz, wenn du so ein Sound-File oder eine Songwriter-Demo bekommst, ist für unsere Hörer glaube ich total spannend, was passiert in deinem Kopf? Was tust du? Was sind die Schritte? Wie arrangierst du? Was machst du jetzt? Jetzt springt die “Maschine” an

Michi: Wenn ich Musik höre, passiert immer das Gleiche. Was passiert, wenn ich ein Lied höre? Das mache ich auch, wenn ich im Auto sitze und ein Lied höre und das ist sehr anstrengend oder nervig. Ich mache ein Leadsheet in meinem Kopf. Also, ich baue mir ein Konstrukt. Ich werde das nicht los. Ich kann nicht mehr normal einen Song hören. Ich denke mir immer in Patterns - egal, was ich höre. Das ist fürchterlich. Aber ist halt in dem Fall praktisch. Wenn ich einen Song von Sanne bekomme, wie eben zu hören, da ist dann Gesang und Akustikgitarre drauf. Das heißt, ich habe die Akkorde und kann mir selber erstmal so einen Überblick verschaffen, was passiert. Dann schreibe ich mir ein Sheet und dann habe ich die Akkorde und da drüber baue ich dann eine Gitarre. Die Akkord-Gitarre, die dann gespielt wird, die die unterstützt. Weil meine Arbeit ist quasi nicht nur einen Song zu bauen, sondern wenn ich live spiele, der, der da vorne steht, muss glänzen. Ich stehe in der zweiten Reihe und muss dafür sorgen, dass der vorne sich wohlfühlt und glänzen kann. Meine Gitarren-Parts müssen im Song dienen und das besser machen. Dass der Song besser wird und der Sänger vorne es einfacher hat. Darum geht es mir. Ich bin zum Beispiel nicht so der Fan von Gitarrensolos zum Beispiel.

Marcel: Ich finde, das was du da gerade sagst, total sympathisch. Du stellst dich in den Dienst der Sache, wahrscheinlich auch viel beim Produzieren auf der Bühne. Ich denke auch so und ich finde, die sind auch super wichtig - diese Musiker in Teams. Wie du es gerade beschrieben hast, mit diesem Songwriting und Pattern-Denken, das ist natürlich genau typisch für so jemanden, aus deiner Gattung. Nämlich: Verstehen, was passiert und was ist jetzt hier meine Rolle. So, jetzt hast du also eine unterstützende Gitarre gebaut und hast dich jetzt in das Live-Ding, sag ich mal, rollenmäßig reingedacht. Überlegst du dir auch schon, fängst du schon mit Overdubs, mit Effekt-Sachen an.

Michi: Genau. Und das ist dann so ein Ausarbeiten von Melodien, die der echten Melodie, helfen, die da raus zu bringen oder ich übernehme irgendwas aus dem Gesang. Da bastle ich dann. Das Schwierigste ist wirklich am Anfang die Entscheidung zu treffen, welche Chords und welche Melodie kommt. Wenn ich aber dieses Konstrukt habe, darüber meine Gitarre zu spielen, fällt mir das recht leicht, weil ich das schon so lange mache und das kann ich auch gut. Das ist ein einfacherer Schritt, als Songwriting. Ich finde Songwriting extrem schwierig, weil das pur nach Geschmack geht. Klar, gibt es da auch handwerkliche Tricks, aber eine Gitarre dazuzuschreiben oder zu zubauen, für etwas, was schon besteht, ist eher ein Handwerk.

Markus: Vielleicht ein bisschen definierter. Wie du sagst, da kannst du dein Handwerk abrufen, was du hast.

Michi: Ja genau. Es ist vorgegeben. Natürlich ist es auch kreativ. Ich muss mir Ideen machen, aber die Basis ist gegeben, auf der ich dann meine Sachen bauen kann. Das fällt mir nicht schwer, das zu machen.

Marcel: Und hauchst den Sachen auch Leben ein, das sollte man hier an der Stelle vielleicht auch nochmal deutlich betonen. Ich finde das immer vergleichbar mit: Wenn ich Songwriting-Layouts mache, arbeite ich gerne mit diesem Drummer, die sind cool. Die haben so Namen. “Kyle” spielt eher so Punkrock-Stufs. Das ist ja auch super wichtig so, dass ein Musiker, der seine Rolle in diesem Moment erfüllt, in dem Song funktioniert. Das ist wahnsinnig cool und spannend für unsere Hörer auch mal deine Denkweise zu verstehen.

Michi: Und ich mag Lieder spielen. Ich finde Lieder spielen cool. Gitarre spielen auch, aber ich finde es sehr interessant oder immer noch toll. Ich bin großer „John Mayer“-Fan. Ich finde „Continuum" ist eins der besten Alben überhaupt. Aber das davor finde ich aus Gitarren-Sicht noch cooler. Weil er haut nicht von vorne heraus, sondern das sind coole Popsongs und die Gitarre ist extrem schwierig und extrem clever da drin eingebaut. Das finde ich sehr interessant sowas. Das spricht mich mehr an, als dieses Extrovertierte „Ich spiele jetzt ein abgefahrenes Gitarrensolo“, sondern eher dieses clevere „Ich habe hier einen Popsong und wenn du genau hörst, das ist eine coole Gitarre und die ist extrem schwierig und erfüllt extrem ihren Sinn innerhalb des Songs.“ - sowas finde ich total stark.

Marcel: Da bin ich voll bei dir. Das ist so intelligentes “Play”.

Michi: Wenn du hörst, dass jemand sein Handwerk kann.

Marcel: Und das es nicht so um den “Show-Off” geht. Das ist so wichtig.

Michi: Musikalisches Handwerk das find ich extrem gut.

Marcel: Das finde ich auch extrem wichtig. Und bei Bands - ich meine das nicht despektierlich - aber, als ich am Conservatorium anfing mit anderen Leuten zusammenzuspielen, rückten diese Sachen auch zunehmend in den Hintergrund. Du hattest oft, vorher zum Beispiel, in so einer Coverband, in der Vorstudium-Phase, Gitarristen neben dir stehen, der konnte einen Van Halen-Solo runter rotzen, konnte aber kein Rhythmus geradeaus spielen. Das ist auch so diese Sache. Ich vergleiche das immer ganz gerne, weil ich das echt witzig fand. Ich habe nochmal als Erwachsener Fußball gespielt und da kam ein Typ zu uns, der hatte auch irgendwie mit der Jugendnationalmannschaft trainiert und der war recht weit. Und das krasse ist, wenn du dir so einen Typen auf dem Fußballplatz anguckst - die machen gar keine Tricks. Die spielen den krassen Pass, der aber zu dem Tor führt. Worauf ich hinaus will, es geht jetzt nicht um Fußball, aber ein intelligenter Spieler im Team, bringt halt das Gesamtkonzept wahnsinnig mit nach vorne.

Michi: Es kommt immer auf die Musikrichtung an. Es gibt Musikarten, die mehr technisches Können erfordern. Aber ich finde Technik sollte immer nur Mittel zum Zweck sein, wenn man musikalisch etwas ausdrücken möchte. Manchmal muss man das, indem man schnell und viel spielt und da hilft dann diese gute Technik. Aber das sollte nicht der Inhalt sein von Musik machen. Es sollte immer um das Lied gehen. Musik ist kein Sport. Musik ist kein Fußball.

Marcel: Nein das stimmt. Aber wir sind uns natürlich auch alle einig, dass es eine Adressaten-Frage ist. In einer Jazz-Combo würde jeder Musiker sagen „Ihr spinnt doch wohl, ihr Drei!“. Das hat natürlich auch immer damit zu tun. Das mag ich auch so sehr. Deswegen kann ich das auch so gut verstehen und fühle mich da auch voll abgeholt, von dem, was du sagst, weil ich das auch sehr mag, Songs zu spielen. Auch als Band. Mich macht das auch an, wenn eine Band einen Song geil spielt.

Michi: Und ich spiele lieber einen guten Refrain, als ein Solo.

Marcel: Das kann ich nachvollziehen.

Michi: Das darf ich als Gitarrist nicht so laut sagen, aber ich finde Solo ist hier und da ganz gut, aber wenn es kein Slash-Solo ist und es nicht besser als der Refrain ist, dann spiele ich besser den Track.

Marcel: Schön gesagt. Wir haben noch ein Thema. Markus, das ist, glaube ich etwas für dich.

Markus: Ja genau. Du hast am Anfang erzählt, dass ihr auch schon einmal tatsächlich in den USA im Studio wart. Vielleicht kannst du kurz mal in ein paar Sätzen deine Eindrücke da beschreiben oder auch den Vergleich ziehen, zu eurer Studioarbeit bisher oder in den Niederlanden.

Michi: Wir waren 2012, das war glaube ich die dritte Platte, „I Am Hunter“ von „Miss Montreal“ heißt die Platte. Dafür sind wir nach Nashville geflogen, weil das immer ein Traum war, sowohl von Sanne, als auch von uns. Ist halt auch die Music City. Da eine Platte aufzunehmen und die Möglichkeit zu bekommen, ist natürlich abgefahren. Das fing damit an, dass wir einen Co-Songwriter hatten, von der dritten Platte, der aus Amerika kam. Der wohnte zu der Zeit in Nashville. Der kam dann nach Holland und wir haben dann geprobt und ausgearbeitet und haben die Platte dann in Nashville aufgenommen. Weil er meinte immer „Ihr müsst mal nach Nashville kommen und es da aufnehmen!“ und irgendwann hat es dann geklappt. Dann sind wir als ganze Band da rüber. Ich hatte nur mein Pedalboard mitgenommen. Sonst nichts. Also musikalisch. Keine Gitarren und Verstärker sowieso nicht. Den Kemper hatte ich damals glaube ich noch nicht. Ich glaube, das gab es noch gar nicht. Also nur mein Pedalboard mitgenommen - was drei oder vier Tage im Zoll verschwunden war. Es war eine abgefahrene Erfahrung. Wir haben die ersten paar Probetage in einem riesigen Musikkomplex gemacht. Das kann man sich so vorstellen, dass das so große Räume waren, mit einer Bühne, einem Monitorplatz und vorne einem Front of House, ein Mischer - wie so ein kleiner Club eigentlich. Und da gab es ganz viel von solchen Dingern, wo man das mieten konnte. Dann konnte man da proben. An dem angeschlossen, war auch ein großes Lager an Verstärkern und an Instrumenten, die man sich dann leihen konnte. Das war schon abgefahren, dass ich da eine Liste ausgefüllt habe, mit ein paar Sachen aufgelistet, die ich da gerne hätte. Und dann kommen wir dahin und dann ist das alles aufgebaut und gestimmt. Dann komm ich dahin, dann steht da der Amp und die vier Gitarren, die ich mir aus der Liste ausgesucht habe. Dann waren wir fertig mit der Probe und ich so: „Wo kommt das hin? Was mache ich jetzt damit?“ und dann „Lass alles stehen - das wird gleich abgebaut!“

Marcel: Krass.

Michi: Habe ich auch noch nie so erfahren. Und dann stelle ich die Sachen dahin und wir sind dann gegangen und es wurde abgebaut. Am nächsten Tag kamen wir wieder zur Probe und dann stand es halt wieder.

Marcel: Wie cool.

Michi: Und wenn ich etwas anderes wollte, dann stand das da. Die Arbeitsweise in Amerika ist schon abgefahren. Ab einem gewissen Level oder so ist das schon crazy. Dann sind wir in ein Studio gegangen, das war das „House of Blues Studios“, in Nashville. Ein großes Studio und da wurden die Sachen auch geliefert. Die standen dann da im Studio aus der Probe. Dann haben wir das da aufgenommen. Das war schon abgefahren. Die Arbeitsweise ist da schon anders. Es war schon sehr…

Markus: Optimiert? Würdest du das so sagen?

Michi: Ja. Professioneller? Ab einem gewissen Punkt ist es irgendwie - du hast da mehr Hierarchien als hier. Du hast dann den, der dir deine Gitarre dahin stellt. Klar, auf der Bühne haben wir das auch, aber aus einem pragmatischen Grund, weil ich keine Zeit habe, Gitarre zu stimmen, weil der nächste Song kommt. Ich brauche eine Gitarre mit Kapo auf dem 4. bund, und dann krieg ich halt meine andere Gitarre und dann spiele ich weiter. Unser Guitar-Tech nimmt dann meine und stimmt sie dann für den nächsten Song. Das ist aus einem praktischen Grund. Es wäre bei einer Probe nicht nötig - da hat man ja Zeit. Trotzdem sind dann da die Leute, die dir dann die Sachen anreichen und die Sachen hinstellen. Solche Hierarchien merkst du in Amerika schon deutlicher als hier.

Markus: Hast du das auch auf der Seite von Engineering erlebt? Das, sagen wir mal, ein Produzent, Toningenieur, Tontechniker - gibt es da auch diese Abstufungen?

Michi: Ja das auch und die Arbeitsweise ist so ein bisschen professioneller. Ich weiß noch eine Situation, da haben wir einen Take nicht hinbekommen. Es hat irgendwie nicht gepasst und nicht geklappt. Es war irgendwie schwierig. Dann haben wir eine Pause gemacht, um mal einen Kaffee zu trinken. Und das hat unser Produzent damals, der Amerikaner ist, nicht verstanden, wie man jetzt eine Pause machen kann. Von wegen „Wir müssen weiter machen! Wir schaffen das!“ - „Lass uns erst 5 Minuten Pause machen und dann machen wir es nochmal!“. Dann waren wir am Rauchen und am Kaffee trinken und dann haben wir es nochmal gemacht und dann hat es auch irgendwie geklappt. Aber das hat der nicht verstanden. Von wegen „Arbeitsverweigerung“. Das war schon auffällig. Aber es war eine tolle Erfahrung in Nashville. Nashville ist mega. Wir waren in einem Hotel und abends in der Hotelbar unten, hat da eine Band gespielt - es waren drei Gäste in der Hotelbar. Der Gitarrist der Band hat alles fertig gemacht. Das war so ein abgefahren guter Gitarrist. Da kann jeder Gitarre spielen in Nashville, das ist der Wahnsinn, was es da für Leute gibt. Es war eine tolle Erfahrung.

Marcel: Wahnsinn.

Markus: Cool. Spannend.

Michi: Aber ich finde das schön, dass wir nicht mehr so weit weg aufnehmen. Ich glaube Sanne auch. Dass man schneller zu Hause ist, gerade mit Kindern finde ich, dass es ein Vorteil ist in Holland zu spielen. Weil im Notfall bin ich immer schnell zu Hause. Es ist nicht so weit weg und ich habe nicht dieses extreme touren. Bei so einer Band in Deutschland wäre ich drei Wochen im Nightliner unterwegs und würde dann ein paar Tage meine Kinder sehen und dann wieder weg - das habe ich in Holland gar nicht. Das Gleiche ist auch mit dem Aufnehmen. Wenn wir dann aufnehmen, ist es auch nicht so weit von der Grenze weg, wo das Studio von unserem Produzenten ist. Das ist schon ganz schön, dass man das verbinden kann mit dem familiären, weil normalerweise ist Musiker sein ab einem gewissen Punkt schon familiär vereinsamt, weil du immer unterwegs bist und immer weg bist. Alle die ich kenne, die zwei bis dreimal so viel spielen, wie ich und die wirklich sehr erfolgreich sind, die müssen privat Kompromisse machen. Und das möchte ich nicht mehr! Hat sich bei mir auch nicht so ergeben, aber das ist schön, dass ich das beides verbinden kann. Die Art wie ich Musik mache, dass zu meinem Beruf zu machen und trotzdem ein normales Leben führen mit Frau und Kindern. Dass das vereinbar ist, das finde ich super. Der Vorteil ist dann Holland.

Markus: Kann ich gut nachvollziehen. Das ist schön.

Marcel: Da haben wir gerade genau den Kreis geschlossen. Da haben wir in unserem Gespräch über Corona angefangen - Betreuungs-aspekte, was wir gerade machen und sind jetzt wieder da gelandet. Das ist doch wirklich ein beneidenswerter Weg, den Michi Schwiemann hier geht und wenn man das so, noch in Einklang mit seinen privaten Zielen bringen kann… Wow - was will man mehr?

Michi: Nur noch Gigs spielen dürfen.

Markus: Dann ist wieder alles gut. Dann sagen wir von unserer Seite aus: vielen Dank, dass du dir die Zeit genommen hast. Es war sehr cool. Es war sehr kurzweilig. Wir haben gerade eben auf die Uhr geschaut und haben gesehen, dass die Zeit so schnell vorbeigegangen ist. Es war cool und sehr angenehm. Dankeschön!

Michi: Sehr, sehr gerne.

Marcel: Wir sind immer offen für Anmerkungen, Kritik oder auch Ideen für unseren Podcast. Wenn du ein Thema hast - immer gerne her damit! Das kannst du uns gerne einfach über reingetackert@rurton.de zukommen lassen. Wir freuen uns, wie gesagt, über ein Abo oder Kommentare über iTunes, die helfen unserer Sichtbarkeit sehr. Da sind wir wirklich sehr dankbar für. Wenn du uns unterstützen möchtest: payaplrurton.de, auch hierzu findest du alle Infos in den Shownotes.

Markus: Dann bleibt es wieder mir übrig zu sagen: Vielen Dank auch heute wieder fürs Zuhören. Und jetzt heißt es wieder 3…2…1…

Alle: Reingetackert! 

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