Folge mir:
Switch to:

Denis trifft auf Textdichter “Tobias Reitz” [015]

INHALT

Nach Markus ist nun auch Denis alleine Gastgeber und trifft in dieser “Solo”-Folge auf Tobias Reitz. Er ist Textdichter und hat unter anderem für Helene Fischer, Andrea Berg, Vanessa Mai und Florian Silbereisen geschrieben. Außerdem ist er Autor des Buches, beziehungsweise Ratgebers „Handbuch für Songtexter“, das er gemeinsam mit Edith Jeske verfasst hat. Mit ihr leitet er auch die Celler Schule in Münster, die sich um den Textdichter Nachwuchs kümmert.

Die beiden geben einen ganz tollen Einblick in den Bereich des Textdichtens.


SHOWNOTES


TRANSKRIPT

Denis: Hallo und herzlich willkommen zu einer neuen Ausgabe von „Reingetackert!“. Am Mikrofon ist Denis Sarp vom rurtonproducing-Team, heute mit einer besonderen Folge, ohne meine beiden Buddies Marcel und Markus. Ich vermisse euch jetzt schon, aber dafür freue ich mich wie Bolle auf einen Gast, mit dem ich heute sprechen darf. Er ist Textdichter, aber nicht irgendeiner, sondern ein sehr erfolgreicher. Er hat unter anderem für Helene Fischer, Andrea Berg, Vanessa Mai und Florian Silbereisen geschrieben. Er ist frischgebackener Preisträger des Fred-Jay-Preises. Was das genau ist, wird er uns sicher gleich mal kurz erzählen. Ich bin ein Riesenfan seines Buches, beziehungsweise Ratgebers, könnte man sagen, „Handbuch für Songtexter“, das er gemeinsam mit Edith Jeske verfasst hat. Das hat mich unglaublich inspiriert und mich quasi selber zum Textdichter in gewisser Weise gemacht. Mit Edith Jeske leitet er auch die Celler Schule, die sich um den Textdichter Nachwuchs kümmert. Er hat Germanistik und Musikwissenschaften studiert und ist später dann zum Textdichten gekommen. Wie? Werden wir auch sicher gleich hören. Ich habe so unglaublich viele Fragen und freue mich tierisch auf den Austausch, also lasst uns einfach loslegen. Ich darf vorstellen meine Traumbesetzung zum Thema Songtexten auf der anderen Seite der Leitung, Tobias Reitz. Hi!

Tobias: Hallo, Denis! Ich grüße dich. Danke für die schöne Einleitung und Begrüßung. Im Grunde genommen ist alles gesagt.

Denis: Gut, dann können wir hier ja auch schon Schluss machen.

Tobias: Ja, es war schön. Einen schönen Tag noch! Tschüss!

Denis: Ja, super! Ich freue mich echt tierisch. Und direkt die erste Frage an dich, hast du heute schon einen Song geschrieben?

Tobias: Nee, aber wenn es dich tröstet, ich bin schon mit dem Hund gegangen, ich habe auch was gegessen und ich habe viel Büro gemacht und auch ein bisschen Arbeit für den deutschen Textdichter-Verband, den ich mit leite mit meinem lieben Kollegen Frank Ramond. Und ja, genau, also es... ich war berufsständisch unterwegs, aber ich habe noch keinen Song geschrieben, nein.

Denis: Okay, dann wird es gleich Zeit. Vielleicht können wir das zusammen…

Tobias: Es wird Zeit. Ja, lass uns das hier kurz halten, weil es ist auch ein bisschen Druck im Hinterkopf.

Denis: Natürlich.

Tobias: Natürlich.

Denis: Ja, super! Weil es aber so gerade aktuell ist und du gerade einen Preis abgeräumt hast, nämlich den Fred-Jay-Preis, sag uns doch mal kurz, und den Hörern, wofür du da ausgezeichnet wurdest und was das für dich bedeutet.

Tobias: Im Grunde haben sie sich zeitlich ein bisschen vertan mit dem Lebenswerk. Ich bin 41 und, nein, es ist tatsächlich ein Preis sozusagen wirklich fürs Gesamtschaffen. Der Fred-Jay-Preis, den gibt es seit 1989. Man muss dazu sagen, Fred Jay war ein sehr honoriger und wirklich sehr toller Textdichter, der schon in ganz frühen Jahren wirklich ein Evergreen geschrieben hat. Das würde jedenfalls später ein Evergreen geworden, „Danke Schön, Es War Bezaubernd“. Das war dann immer das Schlusslied in der Peter Alexander Show. Die Älteren werden sich erinnern. Er ist dann nach Amerika ausgewandert, hat da Welthits geschrieben für Ray Charles, Percy Sledge, kam nach Deutschland zurück und wurde dann einer der wirklich erfolgreichsten und, ich möchte wirklich sagen, auch besten Textdichter in den 70er Jahren. Der hat Hits geschrieben wie „Eine Neue Liebe Ist Wie Ein Neues Leben“, “Deine Spuren Im Sand”, “Nachts, Wenn Alles Schläft“, „Es fährt ein Zug Nach Nirgendwo“. Genau, und als ich geboren wurde – das war im Oktober 1979 – da stand auf Platz 1 in den Charts tatsächlich ein Song von ihm, nämlich „El Lute“ von Boney M. Für die hatte er auch sehr viel geschrieben und hat wirklich Welterfolge gehabt. So, und als er starb 1988, da hat sich seine Familie überlegt, dass man mit dem Fred-Jay-Preis Textdichter auszeichnet und ihnen aber auch Ansporn geben will. Also, der Preis wird seitdem vergeben, unterschiedliche Schwerpunkte mal an Nachwuchsautoren, mal an Leute, die schon lange und sehr erfolgreich auf der Bühne stehen. Also, vor mir zum Beispiel waren die Preisträger Die Fantastischen Vier und Inga Humpe und Johannes Oerding und Mark Forster, also wirklich...

Denis: Wow!

Tobias: Tolle...

Denis: Da hast du dich aber schon eingereiht.

Tobias: Ja, ich erwähne die auch nicht ganz ohne Stolz und Prahlerei, weil irgendwie, wenn man die vier Namen liest und dann steht dahinter Tobias Reitz, denkt man sich schon so, hä, wer ist das denn? Wer hat denn den hier eingelassen? Ja, dessen bin ich mir vollkommen bewusst. Ich bin tatsächlich jetzt der erste in der über 30-jährigen Geschichte, der diesen Preis bekommt für seine Texte, der ausschließlich hinter den Kulissen tätig ist. Und das rührt und freut mich sehr und das ist tatsächlich auch sehr im Sinne des Stifters, weil auch Fred Jay war ja Schlagertexter, genau wie ich.

Denis: Ja, genau. Da kommen wir auch gleich noch kurz drauf zu sprechen. Ja, ist auf jeden Fall eine super Sache. Textdichten ist dein Hauptberuf und bei dir muss man quasi ja nicht die Frage stellen, kann man davon leben, sondern eher wie hast du es geschafft, davon zu leben? Und alles hat ja irgendwie angefangen, meines Wissens, mit der Celler Schule. Ist das richtig?

Tobias: Genau. Das ist jetzt 20 Jahre her. Also, ich habe jetzt in diesem Jahr sozusagen mein 20-jähriges Jubiläum in der Branche. 2001 war ich in der Celler Schule. Die Celler Schule ist eine Förderklasse, eine Master Class für sehr talentierte aber noch nicht in der Branche etablierte Textdichter und Textdichterinnen. So, und das hieß damals auch „Förderseminar für Textschaffende in der deutschen Unterhaltungsmusik“ und unter dem Namen lief das ziemlich unter dem Radar und keiner kannte das. Ich bin durch eine Kollegin darauf aufmerksam gemacht worden, die mich sozusagen entdeckt hat, und da habe ich Edith Jeske kennengelernt. Edith Jeske ist eine der… ist sozusagen die Coach... Coachin... Coach... Ich weiß bis heute nicht, wie die feminine Form von Coach... Denis, was sagt man da? Die Dozentin.

Denis: Dozentin, ja. Coacherin vielleicht, weiß ich auch nicht genau.

Tobias: Also, sie ist meine Mentorin und die Mentorin von vielen, vielen Musikschaffenden, Singern, Songwritern in Deutschland, und sie hat mir den Beruf Textdichter nähergebracht. Sie hat mir erklärt, was dazu gehört. Sie hat mir auch ein moralisches, ethisches Rüstzeug mitgegeben. Sie hat mich gelehrt, wie man Blockaden überwindet und so weiter. Also, da ging es für mich los. Und mit dieser Qualifikation habe ich mich dann bei Komponisten beworben.

Denis: Ja?

Tobias: Und… genau, das war der Anfang meines Wegs und dann brauchte ich viel Sitzfleisch und dickes Fell.

Denis: Genau, denn bis du dich dann sozusagen etabliert hast, ist ja sicher auch eine Zeit vergangen. Und ja, irgendwann war es dann sozusagen soweit, dass du für andere Künstler dann, auch große Künstler, ja, wie ich vorhin schon erwähnt habe, geschrieben hast. Wie muss man sich das vorstellen? Also, wie kommt sowas zustande? Also, ruft dann jemand plötzlich? Klingt dann das Telefon bei dir und hi, hier ist Helene Fischer, kannst du mir mal was schreiben? Oder wie muss man sich das vorstellen?

Tobias: Nee, also es war tatsächlich bei mir ein bisschen anders. Und auch, wenn du gerade sagst, irgendwie irgendwann konnte man dann für große Künstler schreiben, es war bei mir tatsächlich so ein bisschen anders. Ich habe am Anfang ein paar wenige Veröffentlichungen gehabt und die waren aber schon relativ gut auf den Punkt, also so dieses normalerweise man schreibt für Indie-Projekte oder für lokale Bands oder steht vielleicht selbst mit einer Band auf der Bühne und irgendwann werden die Künstler größer oder sowas, das ist normalerweise so. Und bei mir war es komischerweise nicht so, sondern ich wurde für die Branche dann... Also, ich habe drei Entdecker, einmal die Kollegin, die mich zur Celler Schule gebracht hat, die Heike Fransecky, dann Edith Jeske selbst und der dritte im Bunde – den muss ich unbedingt erwähnen – ist Jean Frankfurter.

Denis: Ja.

Tobias: Musikproduzent, riesig erfolgreich über Jahrzehnte, also hat angefangen mit Songs wie „Butterfly“, „Michaela“, „Anita“ und solchen Songs in den 70er Jahren und der war mein Entdecker. Der hat mich als Textdichter entdeckt und vier Jahre später die Helene Fischer als Sängerin.

Denis: Okay.

Tobias: Und das war der große Glücksfall. Als ich zu ihm kam, ich habe mich tatsächlich einfach bei ihm beworben, habe ihn meine Texte geschickt und habe ihn gefragt, ob wir nicht mal einen Versuch wagen können, und ihm gefiel das. Er wollte mir irgendwie da so ein bisschen Starthilfe geben.

Denis: Ach, cool!

Tobias: Und die erste Veröffentlichung…

Denis: Eine Art Mentor….

Tobias: Ja, genau, du brauchst jemanden, der an dich glaubt. Und die erste Veröffentlichung, die wir hatten, war ein Urlaubsschlager für eine Band. Die hieß Fernando Express. Das war so ein bisschen wie Flippers, nur mit einer Frau.

Denis: Okay.

Tobias: Und der Song hieß „Santo Domingo, Die Sterne Und Du“ und das war einer der erfolgreichsten Schlager des Jahres direkt 2002. Und dann gab es noch ein zweites Projekt. Michael Morgen hieß der Sänger. Dann das dritte Projekt, wo ich dann drin war mit einem anderen Produzenten, war tatsächlich ein Song für Andrea Berg. Und mit diesen – das waren dann fünf Songs, die ich insgesamt hatte – habe ich mich bei der GEMA angemeldet als neuer Autor. Und da weiß ich noch, dass die GEMA-Mitarbeiterin am Telefon sagte, ja, aber das sind jetzt nicht Ihre ersten, und ich sagte, doch, das sind meine ersten. Sie sagt, okay, das hatte ich so auch noch nicht. Und ich muss... Also, es ging geil los und ich musste mich eigentlich dann erst im nächsten Schritt dran gewöhnen, dass es dann so vier-fünf Jahre erstmal wieder ruhiger wurde und ich dann nicht... dass mir da nicht die Branche und der Himmel offen stand, sondern dass ich mich erstmal damit abfinden musste, okay, es ging stark los und jetzt beginnt das Klinkenputzen, jetzt beginnt das Sich-beweisen und das Immer-wieder-probieren und so. Und das hielt dann wirklich an bis... ja, bis Helene kam und bis wir dann zusammen für sie arbeiten konnten.

Denis: Ja, Wahnsinn! Sehr interessant! Wie ist das dann heutzutage nachdem du natürlich das alles erlebt hast? Schreibst du jetzt nach... ins Blaue hinein sozusagen und sagst, hey, ich habe einen neuen Text. Schau mal hier, Helene! Schau mal, Andrea Berg, oder Vanessa Mai, oder wer auch immer, ich habe hier was! Oder ist das eher, die rufen dich an?

Tobias: Also, ich sage immer, wenn ich heute junge MusikerInnen unterrichte, dass eigentlich nur 20% meines Jobs Textdichten sind und 80% sind Kommunikation. Und das beantwortet vielleicht ein bisschen deine Frage.

Denis: Interessant!

Tobias: Ja, die rufen mich an oder ich putze da die Klinken. In jedem Fall ist es aber so, dass wir zuerst mal checken, wer braucht gerade einen Song, wer wünscht sich, dass wir ihm einen Song schreiben – also wir, meine Komponisten und ich – wer hat für wen eine gute Idee. Und dann wird erstmal gecheckt, was wünscht sich eigentlich der Künstler oder die Künstlerin oder die Band, was sagt das Management, was sagt die Plattenfirma, was für ein Stil wird gebraucht, wer ist das Publikum von denen. Also, über solche Sachen mache ich mir im Vorfeld Gedanken.

Denis: Ja?

Tobias: Und dann fange ich an zu schreiben. Und da kommt es natürlich trotzdem vor, dass dann auch Songs mal nicht ins Ziel treffen. Das ist sogar bei ungefähr 50% der Songs, die ich schreibe, so. Und das heißt, dann liegen da eben auch Songs, die du für jemand anderen dann jetzt vielleicht zum Anbieten hast. Also, nur weil ein Song abgelehnt wurde, heißt es ja nicht, dass der Song automatisch schlecht ist, sondern, hey, „Verdammt, Ich Lieb Dich“ war auch mal geschrieben worden für Jürgen Drews, nicht von mir, sondern von Matthias Reim.

Denis: Ja, absolut!

Tobias: Und Jürgen Drews hat gesagt, das ist ja viel zu rockig, das kann ich nicht machen für mein Publikum. Und dann sagte ihm Matthias Reim, gut, dann mache ich eben selber. Und so gibt es halt ganz, ganz viele Geschichten, dass Songs ursprünglich mal für was ganz anderes geplant waren. Oder andere Grand-Prix-Erfolge, „Rise Like A Phoenix“ war kein... da gab es Conchita Wurst als Künstlerin noch gar nicht, sondern das war für ein ganz anderes Projekt geschrieben. Das ist nicht so unüblich, dass Songs auch mal ganz woanders landen als wo man sie ursprünglich vorgesehen hatte.

Denis: Ja, ja, total interessant. Das heißt, man stellt sich das dann eher so vor wie ein Songwriting Camp, wenn man so will. Da ist ein Komponist, da ist ein Textdichter, oder mehrere auch. Das heißt, da kommen auch einige Leute immer zusammen. Und dann auch der Künstler selber, also je nachdem, kommt er ja wahrscheinlich auch dazu, weil es geht ja auch darum, der muss das ja am Ende sozusagen verkaufen und muss das Ding singen und muss das auch fühlen. Richtig?

Tobias: Genau. Songwriting Camps sind sozusagen eine Art von Branchenveranstaltung. Also, das heißt, da sagen dann Verlage, oder Plattenfirmen, oder auch Künstler, die sagen, es geht jetzt hier um mich. Die trommeln Autorinnen und Autoren zusammen und dann sitzt man tatsächlich jeden Tag in einem neuen Team und schreibt für ein neues Projekt. Und im besten Fall ist tatsächlich der Künstler oder die Künstlerin dabei.

Denis: Klar!

Tobias: Dann checkt man eben tatsächlich, geht das hier in die richtige Richtung? Und das Ziel ist pro Tag pro Team ein Song. Und das hat sehr viel für sich so zu arbeiten. Es heißt aber natürlich auch, du hast nicht so viel Bedenk- und Schleifzeit, wie du vielleicht zu Hause gerne hättest. Also, solche Teams, solche Camps, die hat es in den letzten drei-vier-fünf Jahren sehr, sehr viel gegeben.

Denis: Ja?

Tobias: Und dann kam Corona und dann gab’s die halt mit einem Schlag sozusagen gar nicht mehr. Und für viele Autoren war das problematisch. Für mich war es ein Glücksfall.

Denis: Okay.

Tobias: Ich war es früher gewohnt... Ich bin so ein bisschen zu meiner Arbeitsweise der ersten Stunde zurückgekommen, nämlich ich bin Textdichter, ich habe meine Komponisten. Die schicken mir einen Song, den texte ich, oder ich habe einen Text, den schicke ich den, oder ich habe eine Idee, die gebe ich ihnen zum Vertonen und dann machen wir eben unsere Arbeit so im Ping-Pong-Verfahren, aber wir haben nicht diesen Druck, du musst jetzt an einem Tag einen Song fertig kriegen. Das kann total inspirierend sein. Manchmal arbeitet man auch gut unter Druck.

Denis: Auf jeden Fall!

Tobias: Aber es kann halt auch irgendwie echt nervig sein, wenn du das Gefühl hast von, oh, ich müsste meine Idee eigentlich erstmal noch reifen lassen. Und dann hast du aber auch drei Leute im Raum und dann heißt das auch, du hast drei Meinungen im Raum.

Denis: Voll!

Tobias: Und die können unter anderem unter Umständen halt auch sein irgendwie dein zartes Pflänzchen von Idee, wo du so denkst, da muss ich erstmal... das muss ich selber noch... da muss man ein bisschen mit schwanger gehen, und die sagen, nee, schmeiß weg, ist doch Scheiße. Das ist für die Seele gar nicht so gut manchmal.

Denis: Nee, absolut! Ich habe da…

Tobias: Ich weiss nicht ob du verstehst was ich meine?

Denis: Ja, total! Ich habe genau die gleiche Situation bei uns im Studio dann oft, wenn wir dann zu viele Leute da sind. Und ich bin dann immer derjenige, also das wird mir auch dann immer nachgesagt, ja, der muss mal wieder darüber nachdenken und so. Der braucht seine Zeit. Also, das ist… das kann ich voll nachvollziehen, dass man da erstmal... man muss ja auch sacken lassen und dann dieses Rewriting sozusagen auch mal dann zulassen oft.

Tobias: Aber, Denis, genau diese Zeit, die braucht man eben auch. Das ist halt ein kreativer Prozess und Kreativität bedeutet natürlich auch es hat etwas Kindliches, es hat etwas Emotionales. Man wird dünnhäutiger dabei. Das heißt, man wird auch verletzlicher. Es ist nie ganz frei von Ego. Also, wir geben uns immer Mühe. Ich gebe mir immer Mühe, das Ego an der Kasse abzugeben, wenn ich mit Leuten in einen Raum komme und so weiter. Nichtsdestotrotz ist es natürlich immer etwas sehr Persönliches, was man da aus Papier bringt, sonst ist es auch uninteressant. So, und ich habe da mal gelesen in einem sehr interessanten Buch. Frank Berzbach heißt der Autor.

Denis: Ja?

Tobias: Und das Buch heißt „Die Kunst, Ein Kreatives Leben Zu Führen“. Und da schreibt Frank Berzbach, er stellt sich vor, im kreativen Menschen wohnen zwei Wesen, eine Muse und ein Redakteur. Und die Blockade entsteht sehr häufig dann, wenn der Redakteur versucht der Muse vorschnell ins Handwerk zu pfuschen. Denn wer ist die Muse? Die Muse ist das Schöngeistige, das Feminine, das zarte, verspielte Wesen, was durch die Räume tanzt und Blüten öffnet und Glitzer über alles streut und neugierig ist. Es ist neugierig, es will spielen, es will entdecken, es will spüren. So, und dann was will der Redakteur? Der Redakteur sagt, ja/nein, gut/schlecht, Scheiße/brauchbar.

Denis: Megatron, du kannst es nicht!

Tobias: Du kannst es... Ja, der Redakteur ist der Wertende.

Denis: Ja.

Tobias: Und der Entscheidende. Und Sammeln und Entscheiden, Sammeln und Auswerten und Werten, das sind ganz unterschiedliche Prozesse. Es sind sogar in unserem Hirn ganz unterschiedliche Prozesse und die brauchen... Ich will den Redakteur gar nicht verteufeln. Er ist wichtig, aber diese Wesen brauchen eben beide ihre Zeit. Und wenn du das jetzt... also, wenn du diese Erfahrung mit Songwriting Camps auch kennst… Gott, ich rede mit dir als wäre ich dein Vater! Entschuldige! Aber wenn du diese Erfahrung auch schon mal gemacht hast... Entschuldige!

Denis: Mach das gerne! Mach das gerne! Alles gut!

Tobias: Was willst du denn noch trinken? Nee, dann weißt du das eben auch, man hat eben in so einem Camp, wenn da viele Leute zusammensitzen, dann hast du halt auch die Gefahr, dass da mehrere Redakteure sitzen und mehrere Leute vorschnell anfangen zu werten und zu entscheiden während du eigentlich noch sammeln willst.

Denis: Ja, absolut!

Tobias: Es kann weh tun.

Denis: Ja, voll! Und ja, es gibt auch mal diesen interessanten Zeitpunkt, den ich ganz oft habe, wenn ich dann Texte und die dann am nächsten Tag oder zwei Tage später lese und denke, hä, was ist das denn hier? Weg damit beziehungsweise anders. Das kommt also total oft vor, weil man ist dann… diese Betriebsblindheit, sage ich mal, die kommt dann echt oft vor.

Tobias: Der… ich habe den Namen vorhin ja schon erwähnt, weil ich ihn sowohl menschlich aber auch vor allem künstlerisch sehr mag, Frank Ramond.

Denis: Ja.

Tobias: Der Textdichter. Der ist der Mann, der sozusagen den Stil von Annett Louisan, Roger Cicero, Barbara Schöneberger und Ina Mueller erfunden hat. Und Frank ist wahnsinnig vergesslich, wie ich auch, wie auch Edith Jeske. Also, ganz viele Textdichter sind sehr, sehr, sehr vergesslich. Und Frank hat... sagt dann zum Beispiel, der Blick von außen, ja, den habe ich in dem Moment, wo ich nach zwei Tagen mal wieder drauf schaue und keine Ahnung mehr habe, was ich vor zwei Tagen geschrieben habe, weil es ist alles weg und ich lasse mich einfach von dem überraschen, was da auf dem Papier steht, und denke, ach, guck, was hat der vor zwei Tagen sich denn da ausgedacht? Und das fand ich total süß, wie er das erzählt hat, weil genau so ist das. Man kriegt diesen Abstand schon auch selbst.

Denis: Ja.

Tobias: Und man lernt auch im Lauf der Jahre, sich selber ein guter Redakteur zu sein. Irgendwann sagt auch der Bauch, so und so ist es richtig, finde ich. Also...

Denis: Ja, total! Voll, ja, ja! In den Jahren, wo ich jetzt auch mich näher damit beschäftigt habe mit den Texten, ist das... kam das auch auf jeden Fall immer wieder vor und jetzt auch in der Teamarbeit mit meinem Buddy und Songwriter beziehungsweise Komponist. Wir machen... lassen uns echt dann oft wieder Zeit, gucken neu drauf und schauen, ob das besser machen können und sehen Dinge, die nicht funktionieren.

Tobias: Ja, und du warst auch bei Edith Jeske, wenn ich das richtig im Kopf...

Denis: Genau, genau. Wir haben damals, zu der Zeit, unsere Band Die Versenker, mit dem schönen Namen, haben wir…

Tobias: Das konnte ja nur gut gehen.

Denis: Das konnte nur gut gehen, ja. Ja, mit dem Namen hat mir schon… ja, da fingen schon die ersten Fragezeichen an, sage ich mal, gelinde gesagt. Na ja, jedenfalls, um das… um da mal kurz auszubrechen, haben wir, ja, man könnte sagen, so eine einjährige Produzententour quasi gemacht, wenn man so will, in Studios in Deutschland überall mal unsere Nase reingehalten und uns ausgetauscht und so und auch wirklich... Also, ich hatte so ein bisschen die Aufgabe, die Leute auszusuchen, und habe dann einfach... wer ist erfolgreich, wer hat das gemacht, wer hat dies gemacht, wer hat Revolverheld, wer hat Rosen, wer hat… Also, wir waren so ein bisschen auf dem, sagen wir mal, Deutschrock oder deutschsprachigen Rock unterwegs, etc. Ja, und nach einem Austauschen mit Sebastian Wagner von Kasalla, dem Bassisten, haben... hat er uns…

Tobias: Sebi!

Denis: Ja, genau. Hat er uns empfohlen, hey, klopft doch mal bei der Celler Schule an. Ja, und dann habe ich mit Edith gesprochen und dann haben wir die kennengelernt und haben uns auch drei, ich glaube drei-vier Sessions hatten wir. Und damit, ja, kam ein ganz neuer Stein ins Rollen für mich und meine Mindset was Textdichten angeht. Ja, so fing das so ein bisschen alles an. Und zu der Zeit waren wir noch bei Vincent Sorg im Studio, der Die Hosen dann gemacht hat und hier so „Tage Wie Diese“ und so geschrieben hatte, und der hat uns dann auch noch mal auf links gedreht, was unsere Texte anging. Und ja, das war so ein bisschen der Anfang.

Tobias: Und was würdest du sagen? Also, ich bekomme ja sehr häufig die… ich werde sehr häufig mit der Frage konfrontiert, wenn die Leute erfahren, ich bin auch Coach für Songtexten und Songtexter und Songtexterinnen, kann man das lernen? Wie weit würdest du sagen... nach deiner Erfahrung, wie weit ist es lernbar?

Denis: Voll! Also, ich bin der Meinung, das kann man lernen. Das ist Handwerk im Prinzip. Also, ich bin ja gelernter Schlagzeuger. Ich habe mein Handwerk auch gelernt. Ich habe das studiert. Man kann natürlich auch ohne jetzt auf einer Hochschule das zu machen, da irgendwie über die Runden kommen, sagen wir mal.

Tobias: Absolut!

Denis: Das ist halt immer so. Ich glaube das ist beim Songtexten wahrscheinlich ähnlich, aber also für mich jetzt persönlich – wie gesagt, ich kann nur von mir sprechen – hat das ganz andere Welten noch geöffnet und nochmal ganz anderes Mindset. Also, von daher würde ich das jetzt erstmal bejahen.

Tobias: Ja, ich sage dann tatsächlich immer, ich kann natürlich den Leuten kein Talent beibringen. Also, man hat eine Neigung dazu, man hat ein Interesse dafür. Du musst auch so ein bisschen... Ich habe da immer das Schlagwort „besessen und bescheuert sein“. Das muss man, glaube ich, weil diese Branche halt einfach was für Bekloppte ist. Und wenn du nicht selber ein bisschen bekloppt bist, dann wird es ganz, ganz schwierig, da stabilen Boden unter den Füßen zu behalten. Und das ist… Wenn mich jemand bekloppt nennt, oder ein Spinner nennt, oder sowas, sage ich, ja, prima. Das ist ein Kompliment, weil ohne das würde es nicht gehen. Aber wenn es nicht lernbar wäre, dann würde das ja streng genommen heißen, ich wäre heute noch auf dem Stand von vor 20 Jahren, mit dem ich mich sozusagen bei Komponisten beworben habe und bei der Celler Schule beworben habe und so weiter. Ich würde aber... ich könnte die Sachen, die ich in der Zwischenzeit geschrieben habe, die hätte ich nicht mit dem Wissensstand von vor 20 Jahren schreiben können. Also, du kannst im Grunde genommen mit solchen Fortbildungsangeboten tatsächlich auch Prozesse beschleunigen. Du kannst natürlich Leuten dabei helfen, wie sie Blockaden bewältigen, wie sie ihre Angst vor dem weißen Blatt Papier überwinden, wie sie ins Schreiben kommen, auch wenn sie keine Idee haben. Du kannst ihnen natürlich beibringen, was einen guten Reim von einem schlechten Reim unterscheidet, was metrisches Texten ist, wie die GEMA funktioniert und all solche Sachen, und wie man sich vermarktet, wie man gut kommuniziert, wie man mit Künstlern kommuniziert. Das ist ein sehr eigener Schlag Menschen an dem man auch durchaus verzweifeln kann. Und manchen will man nicht nachts im Dunkeln begegnen. No offence und ich nenne keine Namen.

Denis: Ja, klar!

Tobias: Nein, aber du weißt, was ich meine.

Denis: Ja.

Tobias: Es sind eben alle solche Dinge, und dann eben ganz, ganz viel, wie du es eben gerade sagst, Handwerk. Und da muss ich tatsächlich sagen Edith Jeske, Edith Jeske, Edith Jeske. Niemand in der deutschen Songtexter-Welt bringt anderen kreativen Menschen so gut Handwerk bei wie sie, auch ich nicht. Das ist überhaupt nicht meine Spezialität. Sie macht das wirklich... Also, da ist sie die absolute Spezialistin.

Denis: Ja, und deswegen bin ich auch mega froh, dass sich das irgendwie so zugetragen hat, dass ich ihr begegnet bin und sie auch tatsächlich mal hier bei mir zu Hause war und wir an einem schönen Kaffeetisch getextet haben. Das… ja, tolle…

Tobias: Das sollte so sein.

Denis: Tolle Erinnerung auf jeden Fall, ja, absolut. Das war super schön. Ich wollte mit dir etwas reinhören, was du geschrieben hast. Hast du Lust?

Tobias: Um Gottes Willen! Ja, ich sage mal ja. Ich bin gespannt was kommt.

Denis: Ja, keine Angst, ist nur ein großer Hit. Kennst du vielleicht?

Tobias: Flüchtig.

[Musik 00:25:20 - 00:26:00]

Denis: Oh, yeah! It’s party time!

Tobias: Ich sagte ja.

Denis: Auf jeden Fall!

Tobias: Merkst auch?

Denis: Bitte?

Tobias: Merkst auch, man kommt kaum drum rum.

Denis: Ja. Nee, absolut! Und ich war tatsächlich auch auf einem Konzert von Helene Fischer mit meiner Frau.

Tobias: Wirklich?

Denis: Ja, im Stadion in Köln.

Tobias: Bist du freiwillig mitgegangen?

Denis: Ja, sie hat mich da hin geschleift, aber ich war trotzdem sehr dankbar, weil ist ja immer so, man lernt auch aus vielen Sachen und man sieht Sachen, die man… wovon man nicht geglaubt hätte, dass man die sieht. Und die Show war absolut wunderbar und, ja, Wahnsinn einfach. Ich würde sagen, Helene liefert ab, genau wie du.

Tobias: Zweifellos.

Denis: Genau, wie du bei diesem Text. Ich wollte mal ein bisschen in die Materie rein gehen beziehungsweise einfach mal nochmal dich in die Lage versetzen als dieser Song irgendwie entstanden ist.

Tobias: Ja.

Denis: Was war zuerst da? Zum Beispiel, also was ich zum Beispiel sehr oft mache, ist mit dem Refrain anfangen. Muss man ja nicht, aber macht man öfter. Wie war's bei diesem Song zum Beispiel?

Tobias: Bei diesem Song gibt es einen Menschen, dem ich extrem dankbar bin konkret für diesen Song, wie auch für meine ganze Karrieregeschichte. Ich erwähne den Namen gerne nochmal – Jean Frankfurter, der Komponist und Produzent des Songs und auch der Ideenlieferant dafür. Der Jean hat Helene sehr umfassend musikalisch betreut. Also, er hat mit ihr die Gespräche darüber geführt, worüber... worum es im neuen Album gehen soll und was sie sich wünscht. Und er hatte ein Team von… waren immer nur eine Handvoll Textdichter, Textdichterinnen, meistens war ein Dreierteam, drei Texter pro Album. Ich war ab dem zweiten Album immer mit dabei. Und dann gab es also dieses Album „Farbenspiel“ – das war in der Vorbereitung – und er hatte sich eben in das Wort „fehlerfrei“ verliebt. Und ich glaube, was er gemacht hat, was er sehr häufig gemacht hat, war, er hat solche Worte, so Schlagworte, gesammelt, die man in der Presse häufig mit Helene assoziiert hat. Also, zum Beispiel hat man oft gesagt, sie ist ein Phänomen, sie ist Mrs Fehlerfrei, sie macht Marathon-Shows, oder irgendsowas in der Richtung. So, und dann hat er Songs gehabt wie „Phänomen“, „Fehlerfrei“, „Marathon“, aber er hat Helene nie singen lassen „ich bin Mrs Marathon“, oder sonst irgendwas, sondern „mein Herz schlägt Marathon, wenn ich in deine Nähe komm“, oder „du bist ein Phänomen“, oder hier „keiner ist fehlerfrei“. Das war tatsächlich seine Idee und ich fand diese Idee toll. Er hat also sozusagen die Zeile geliefert und die Musik geliefert und dann habe ich darauf angefangen zu texten. Und dann gefiel ihnen der Refraintext, und die Strophen gefielen ihnen nicht.

Denis: Ja?

Tobias: Und der Refrain gefiel ihnen so gut. Das ist der Refrain, den du jetzt auch kennst und gerade angespielt hast. Also, der ist von der ersten Version an durch die mindestens 15 Versionen, die es gab am Schluss. Also, die Plattenfirma mochte irgendwie keinen meiner Texte. Ich glaube ich habe sechs Texte geschrieben dafür.

Denis: Okay.

Tobias: Und der A&R, also der Artist- and Repertoire-Manager – das ist der bei der Plattenfirma, der sozusagen die Songs sammelt – der fand keinen der Texte gut und der hat dann all aber Himmel und Welt damit beauftragt, neue Strophentexte zu schreiben bis am Schluss, nachdem irgendwie so 15 Texte da waren vom, ich hoffe ich darf das sagen, der Graf von Unheilig, Peter Plate. Alle möglichen Leute haben diesen Auftrag bekommen bis dann am Schluss Helene, „she put her foot down“. Sie sagte dann, okay, basta! Was macht ihr hier? Das ist doch mein Textdichter! Der hat so viele gute Sachen für mich geschrieben. Und diese Version, die er hier gemacht hat, die ist doch super, mit „verplant und verpeilt, daneben gestylt“ und sowas. Weil es wäre langweilig, wenn Helene über Perfektion singt. Das wäre eitel, das wäre unglaublich, das wäre unsäglich. Das braucht keiner. Spannend ist es, wenn Helene über die Unperfektion singt, wenn sie über das singt, was man ihr nicht unterstellen würde. Wenn man sagt „verpeilt, daneben gestylt“, what? Das ist doch nicht Helene Fischer! Fußnote dazu, im Privaten oder so persönlich, ist Helene durchaus verplant und verpeilt, also Helene hat auch kein gutes Talent dafür, sich Namen zu merken oder solche Dinge. Nein, also sie hat da ganz normal... sie hat da genauso ihre schusseligen Züge, wie wir die alle haben. Und da habe ich gedacht, das ist super, das ist natürlich nichts, was irgendwie in der Öffentlichkeit groß diskutiert wird. Jetzt mit ein bisschen Abstand kann man das sicherlich sagen, ohne dass sie es verübeln würde, wenn sie es wüsste, oder wenn sie das hier irgendwann mal hört. Nee, ich fand sie einfach immer ganz liebenswert und ich fand einfach diese Macken, die man an ihr auch hinter den Kulissen dann mal mitgekriegt hat, die immer liebenswert waren, die fand ich einfach auch total charmant. Ja, und es war die Zeile „wir feiern die Schwächen“.

Denis: Ja.

Tobias: Die den Song gerettet hat am Schluss.

Denis: Ach, okay. Ja, ist auch eine super Zeile. Und ja...

Tobias: Es war so noch nie gesagt worden im Schlager. Und das fand man eben gut.

Denis: Ja, genau.

Tobias: „Lasst uns versprechen.“

Denis: Verstehe.

Tobias: Oder „Spinner und Spieler, Träumer und Fühler“. Das Wort „Spinner“ war schon im ersten Text drin, den ich je geschrieben habe, und dann ich habe den öfter mal versucht, dieses Wort, weil ich das Wort irgendwie süß finde. Ich mag das. Ich finde... Ich nenne mich halt auch selber Spinner.

Denis: Ja.

Tobias: Und mir wurde das immer wieder gestrichen. Mir wurde immer wieder gesagt, das Wort ist viel zu hart.

Denis: Okay.

Tobias: Und am Schluss war es dann in meinem... hat es dann einen schönen Platz bekommen, eine schöne Nische, in meinem erfolgreichsten Lied.

Denis: Auf jeden Fall! Es gibt auch...

Tobias: Das war eine Gerechtigkeit.

Denis: Ja. Revolverheld hat ja auch einen Song, der einfach „Spinner“ heißt. Fällt mir gerade dazu ein, aber das nur nebenbei. Ich fand...

Tobias: Auch ein schöner Song.

Denis: Ja, absolut! Ich fand das wirklich ein hervorragender Türöffner dieses „verplant und verpeilt, daneben gestylt“, also deswegen hat es mich das jetzt total gewundert, dass das irgendwie durch keine Ahnung welche Instanzen dann ging und dann wieder zurückkam. Das ist eine crazy Geschichte auf jeden Fall und...

Tobias: Das war aber tatsächlich erst in der in der sechsten…

Denis: Ja.

Tobias: Sechsten Version kam das.

Denis: Ja, okay.

Tobias: Also, das hat tatsächlich viel, viel Gefriemel gebraucht.

Denis: Auf jeden Fall. Ja, aber passt. Passt super. Und wenn wir jetzt mal so ein bisschen bei der Struktur bleiben, was ja auch für mich auch immer unglaublich, unglaublich wichtig ist, für dich wahrscheinlich auch, dass der Türöffner, der muss halt sitzen, sonst ist halt irgendwie dieses typische Phänomen, oh, Gott, ich habe keinen Bock auf den Song oder auf den Text, weg damit direkt nach zwei Zahlen. Also, da muss was kommen, was irgendwie... wo du sagt, okay, lass mich die Geschichte weiter hören, was du da erzählst. Und das ist bei diesem Text auf jeden Fall auch so. Und was auch immer, glaube ich, wichtig ist – also, ich sage das jetzt einfach so auch für unsere Hörer draußen, und korrigiere mich auf jeden Fall, wenn du es anders siehst – der Zusammenhang zwischen Strophe und Refrain, der muss halt immer gegeben sein. Das heißt quasi, nach „verplant und verpeilt, daneben gestylt“ müsste eigentlich direkt die Zeile kommen „keiner ist fehlerfrei“ im Prinzip. Das ist also auch harmoniert damit, richtig?

Tobias: Ja, also es ist… ich würde es mal so übersetzen, wenn du ein… der Refrain muss zu jedem sonstigen Versatzstück des Songs und zu jedem sonstigen Bestandteil passen. Es ist zwingend notwendig.

Denis: Ja.

Tobias: Und das ist dann eben auch ganz häufig das Problem, gerade auch bei jungen Songwritern, Songwriterinnen, dass wenn sie mit der ersten Strophe anfangen und dann den Refrain schreiben, dann stehen sie häufig vor der Frage, und was erzähle ich jetzt noch in der zweiten Strophe? Das ist mit das häufigste Problem, das Second-Verse-Dilemma. Du hast einfach mit der ersten Strophe und dem Refrain alles erzählt, was es zu erzählen gab.

Denis: Ja.

Tobias: Und dann noch mal was zu finden, was die Energie hält, wo sie dir nicht verloren geht, was trotzdem noch mal irgendwie einen guten neuen Spirit irgendwie in den Song reinbringt, was den Song irgendwie interessant hält, das ist verdammt schwierig. Deshalb finde ich das, was du vorhin vorgeschlagen hast, mit dem Refrain anzufangen, in unserem Fall erst die Zeile, dann der Refrain, also erst die Hook-Line…

Denis: Ja.

Tobias: „Keiner ist fehlerfrei“, dann kommt der Refrain und dann habe ich eben diese Bilder in den Strophen gesammelt. So vorzugehen ist häufig sinnvoll.

Denis: Ja, absolut! Eine andere Frage, warum glauben Leute, dass Schlager... also, das hört man, glaube ich, oft, dass Schlagertexte irgendwie einfach wären zu schreiben. Was glaubst du, dass das irgendwie... ja, ich nehme ein bisschen Herz, ein bisschen Traum, ein bisschen dies und das und dann ist der Schlagertext schon fertig.

Tobias: Also, es ist ja mein großes Glück, dass das ganz viele glauben.

Denis: Genau.

Tobias: Weil wenn man sich so einfach macht, also viel Spaß beim Versuch, das Publikum damit zu erreichen. So kann natürlich auch mal ein Text gelingen, ja. Ob man wirklich darauf eine Karriere aufbauen kann, weiß ich nicht. Also, ich finde es ist doch irgendwie ein paar Überlegungen wert, warum ein Publikum dieses Genre oder sich Lieder aus diesem Genre gerne anhört. Und darüber finde ich den Schlager auch besser zu definieren als über irgendwie musikalische Merkmale. Also, ich glaube Menschen hören den Schlager, weil er bestimmte Sehnsüchte artikuliert, weil er zum Ausdruck bringt, was in den Menschen sozusagen schon als Gefühl oder als Sehnsucht angelegt ist, aber was die vielleicht selbst nicht so artikulieren könnten oder würden. Der Schlager ist Trost. Um bei diesem Beispiel zu bleiben, „keiner ist fehlerfrei“, also wir strugglen ja alle mit unserem Anspruch an uns selbst. Und wenn wir dann eine sehen, die sozusagen alle Ansprüche nicht nur erfüllt, sondern übererfüllen würde nach unseren Maßstäben, nämlich Miss Fisher, und genau die offenbart sich zu ihren eigenen Schwächen und Macken und genau die sagt, hey, aber keiner ist fehlerfrei, also, hey, entspannen wir uns doch einfach mal ein kleines bisschen, das ist doch gar nicht das Wesentliche, das ist tröstlich.

Denis: Voll!

Tobias: Genauso ist es tröstlich, wenn Thomas Anders und Florian Silbereisen singen „Sie Sagte Doch Sie Liebt Mich“ und, hey, jetzt sind wir irgendwie beide die Looser, oder wenn sie singen „Versuch's Nochmal Mit Mir“, wo es dann irgendwie um eine Beziehung geht, die sich anfühlt als stünde sie vor dem Aus. Und dann kriegen wir aber halt Fanpost von Leuten, die sagen, ich habe meinem Mann das Ganze beim Autofahren vorgespielt und wir haben dazu gesungen und das Lied hat zum Ausdruck gebracht, was wir uns selber nicht ins Gesicht sagen konnten, aber wenn man das Lied mitsingt, dann das war unser Brückenbauer.

Denis: Dann hat es… ja, genau. Dann hat es irgendwie funktioniert oder man hat sich überwunden. Ja, crazy!

Tobias: Ja, und ganz ehrlich, wenn du solche Reaktion bekommst von den Leuten, dann ist es im Grunde genommen auch egal, ob andere denken, es ist einfach zu schreiben oder sowas. Ich schreibe das ja nicht für Kritiker oder für andere Autoren, die meinen irgendwie... vor denen man sich da jetzt beweisen muss, sondern, hey, es sind irgendwie die Leute da draußen, die das hören und von denen sehr viele vor vielen Herausforderungen im Leben stehen. Also, ganz viele von denen haben harte Jobs, sind Fließbandarbeiter, sitzen an der Supermarktkasse, haben eintönige Jobs, haben... strugglen mit irgendwelchen Themen im Leben, und wenn du der Woche da irgendwie eine Farbe geben müsstest, dann wäre die Woche halt wahrscheinlich vielfach auch grau und dann ist eben Schlager bunt. Der bringt einfach ein bisschen Farbe in Grau.

Denis: Absolut! Und es gibt ja auch quasi so in der allgemeinen Wahrnehmung ist der Schlager ja meistens Friede-Freude-Eierkuchen-Welt und aber es ist nicht immer so. Also, ich habe mich auch mal ein bisschen näher damit beschäftigt. Und ganz allen voran, Udo Jürgens zum Beispiel hat ja... ist da auch mal ein bisschen kritischer an diverse Sachen ran gegangen oder hat man auch den Finger in die Wunde gelegt. Ist das... gibt's auch so ein, ich sage mal, ein Udo 2021? Was würdest du sagen, gibt es jemand, der auch ein bisschen kritischer mit den Sachen umgeht?

Tobias: Ich glaube am nächsten dran ist Roland Kaiser, wobei er nicht so konsequent Finger in die Wunde legt, sondern der ist natürlich immer noch auch mit... er ist immer noch der Erotomane des Schlagers, also der bei dem es knistert. Aber er ist auf jeden Fall ein Statement-Sänger. Und es gibt heute eine andere Art von Schlagern mit Haltung. Also, wer ich finde... wer zum Beispiel Schlager mit Haltung macht, ist, obwohl sie mit Udo Jürgens nichts gemeinsam hat, aber ist Kerstin Ott, die...

Denis: Ja, stimmt.

Tobias: So ganz... also, alleine schon dadurch, dass sie eben so als erste Schlager-Dyke nach draußen geht und sagt, okay, ich mache mich jetzt nicht femininer, ich mache mich nicht klischeehaft schöner, das ist nicht das, worum es bei mir geht. Und auch Maite Kelly, die als Type natürlich auch sagt, ich gehe irgendwie... okay, Mädels, wir kriegen das alles unter einen Hut, wir können Karriere machen und Babys kriegen und wir kriegen irgendwie... wir schreiben unsere eigene Story und so weiter, also die so ganz starke Sprachrohrfunktion haben. Udo Jürgens stand eher so ein bisschen als Elder-Statement so auf dem Podest und hat gesprochen und hat auch ein bisschen mehr den Zeigefinger gezeigt mit Songs wie „Ein Ehrenwertes Haus“, oder auch mit zynischen Mitteln wie „Aber Bitte Mit Sahne“, aber es war unglaublich. Es war unglaublich gut, was er gemacht hat. Es war grenzkritisch. Es war nicht purer Schlager.

Denis: Ja, und auch zum Beispiel „Griechischer Wein“, also ist ja noch…

Tobias: Genau, „Griechischer Wein“ ist ein wahnsinnig berührendes Lied, wenn man...

Denis: Absolut!

Tobias: Einmal bewusst macht, worüber da erzählt wird und sich auch diese Situation der Gastarbeiter vielleicht ein bisschen mehr vor Augen führt. Also, mich hat „Griechischer Wein“ richtig erwischt bei... als ich es im Musical gesehen habe und als dann… Ich weiß nicht, hast du das Musical gesehen wahrscheinlich?

Denis: Nee!

Tobias: Nee? Okay. Also, da ist der Song eben eingebettet. Da gibt es die Geschichte eines schwulen Paares und es wird dann irgendwann zurück geblendet. Also, die haben natürlich mit, sagen wir mal, Skepsis innerhalb der eigenen Familie zu tun, Repressalien, dann auch der andere Kulturkreis, und die müssen sozusagen permanent ihre Liebe behaupten. Und irgendwann kommen sie dann halt an dem Punkt in dem Musical, wo es darum ging, wo sie einfach nur gefragt werden, und wie habt ihr euch denn eigentlich gefunden? Und dann fängt eben der Deutsche… Also, es ist ein Deutscher und ein Grieche.

Denis: Ja.

Tobias: Die da zusammen sind. Und dann fängt eben der Deutsche an zu erzählen, es war schon dunkel als ich durch Vorstadtstraßen heimwärts ging. Und es schnürte mir wirklich die Kehle zu, weil es auf einmal so stark bebildert wurde. Und ich bin nicht in dieser... ich habe da noch nicht gelebt 1974 als das Lied aufkam und ich habe eben noch nicht diesen Gastarbeiter-Spirit... also, der war mir einfach relativ fremd. Ich kannte diese Geschichte nicht aus dem eigenen Leben, aber als ich das dann so bebildert vor mir sah, da schnürte mir die Kehle zu. Und das ist heute noch, wenn ich davon erzähle oder wenn heute dieses Lied läuft, ich kriege dieses Gefühl, dieses sehr konkrete Gefühl nicht mehr aus mir raus seit damals.

Denis: Ja, krass! Wahnsinn! Und auch in diesen Texten sind auch oft ganze... Ich wollte eigentlich genau diese Textzeile, die du gerade gesagt hast, wollte ich in einer kleinen Challenge, dir... ja...

Tobias: Es tut mir leid.

Denis: Ist nicht schlimm, alles gut.

Tobias: Ich habe dir den Tag verdorben.

Denis: Ich habe noch andere Textzeilen, keine Angst.

Tobias: Denis? Okay, dann mach mal. Mach mal. Das Spiel ist cool.

Denis: Genauso, weil, ja, als Texter ist ja immer irgendwie auf der Suche nach starken Textzeilen. Und es gibt so viele gute Sachen und die auch einfach hängen bleiben und wo man immer wieder drüber stolpert. Dann sag mir nochmal, woher die Textzeile stammt „statt Pech und Schwefel plötzlich nur noch Gletscher und Geröll“.

Tobias: „Dein Ist Mein Ganzes Herz“ von Heinz Rudolf Kunze.

Denis: Hervorragend!

Tobias: „Wir haben so viel Glück auf dem Gewissen.“ Es ist sehr, sehr schön.

Denis: Sehr, sehr gut. Ein Klassiker – das brauche ich dir wahrscheinlich nicht erklären – „sein Aftershave liegt in der Luft, warum hat er nicht gleich mein benutzt“.

Tobias: „Was Soll Das“ von Herbert Grönemeyer dürfte das sein.

Denis: Natürlich, klar!

Tobias: Läuft das hier noch unter Schlager?

Denis: Das läuft…

Tobias: Inzwischen wahrscheinlich...

Denis: Nee, nee, es läuft… ich habe nicht gesagt, dass es nur Schlager ist.

Tobias: Natürlich, natürlich.

Denis: Dann noch eins aus der deutschen Pop-Welt – „hey, sei nicht so hart zu dir selbst“. Weißt du, wer das ist?

Tobias: Das ist von Andreas Bourani und das heißt einfach nur „Hey“.

Denis: Genau, sehr gut! Topp!

Tobias: „Sei nicht so hart zu dir selbst, es ist okay, wenn du fällst.“

Denis: Ja.

Tobias: Schöner Song.

Denis: Sehr, sehr schön. „Die Plörre von der Tanke schmeckt wie Kaffee auf Hawaii.“

Tobias: Nee, sagt nichts aus.

Denis: Sagt dir nichts?

Tobias: „Die Plörre von der Tanke schmeckt wie Kaffee auf Hawaii“, also das ist nicht mehr Schlager. Das ist...

Denis: Richtig.

Tobias: So ein bisschen... Geht das in Richtung Punk?

Denis: Nee, nee, nee! Es ist auch chart-tauglich und es ist von Namika tatsächlich.

Tobias: Das ist von Namika.

Denis: „Die Plörre von… Hallo, Lieblingsmensch!“

Tobias: Tatsächlich?

Denis: Ja.

Tobias: Na ja, hat mich so frustriert, weil „Lieblingsmensch“ war so ein Vote.

Denis: Ach, gut, ne?

Tobias: Was ich selbst… Es stand auf meiner… nee, es stand auf meiner Zeilenliste. Es gibt so… es gibt das natürlich... Roland Kaiser hat gerade eine Single, die heißt „Gegen Die Zeit“. Hatte ich auf meiner Zeilenliste. „Lieblingsmensch“ stand auf meiner Zeilenliste. Das ist einfach, wenn Songs dann irgendwie auch noch Singles werden und so groß werden. Ich habe einen Song geschrieben, der heißt „Achterbahn“. Den haben wir fertig geschrieben im Februar 2018. Haben ihn nicht schnell genug verdealt bekommen und im Mai kam Helenes Album und, zack, was war drauf? Die Single „Achterbahn“. Man kann es nicht planen. Manchmal es ist…

Denis: Ja, ja, auf jeden Fall. Klar! Und ja, umso schwieriger ist es dann auch immer wieder neue Sachen zu finden und neue Ideen auch. Hast du denn selbst manchmal irgendwie auch so ein bisschen Angst davor, dass mir die Ideen ausgehen, dass dir die Ideen ausgehen? Also, du hast ja vorhin auch davon erzählt wegen diesen Blockaden, etc. Ist das bei dir auch manchmal, oder wie gehst du dagegen vor?

Tobias: Manchmal muss man es tatsächlich aussitzen und aushalten und warten, dass der Gedanke vorübergeht, was schon mal die Teilfrage beantwortet, ob ich das auch habe. Ja, natürlich habe ich das. 2017/18 ungefähr war das. Da habe ich tatsächlich so ein bisschen eine Sinnkrise gehabt in Form von ich hatte das Gefühl, jetzt habe ich eigentlich alles, was ich im Schlager erzählen kann, einmal erzählt, und ich bin nicht gut genug in anderen Genres, um jetzt einfach zu switchen. Und die Branche hat sich verändert, die Verkäufe brachen noch mal weiter zusammen und Streaming wurde wichtiger und die Plattenfirmen fingen an, sich umzustellen und zu sagen, alles was wir jetzt veröffentlichen muss Streaming-tauglich sein und muss auch vornehmlich Streaming-geeignet sein. Ich habe gesagt, ja, gut, aber also es ist halt Schlager. Ja, ist egal, Streaming. So, und dann hat man eben darauf geguckt und dann festgestellt, ja, aber Streaming ist noch gar nicht so sehr beim Schlagerpublikum angekommen. Was mache ich denn jetzt? Also, erstens, ich habe gerade nichts Neues mehr zu erzählen und zweitens, selbst wenn ich was hätte, ich wüsste gar nicht für wen ich jetzt schreibe. Und es war eine Phase, die war nicht schön und sie ging vorbei. Und irgendwann stellst du fest, warte mal ganz kurz, aber hier rufen ja immer noch die ganze Zeit Künstler an, die sagen, wir hätten gerne deinen Stil und wir würden gerne mit dir arbeiten, weil du kannst dieses und jenes besonders gut. Vielleicht ist es jetzt gerade gar nicht das, was nach außen hin am stärksten gefragt wird. Also, ich bin wahrscheinlich immer noch nicht der modernste Schlagerautor überhaupt, der modernste Textautor – das muss ich auch gar nicht sein – aber mit dem, was mir zum Beispiel ganz wichtig ist, die Emotionalität, die Poesie, die Zeitlosigkeit, der Trost, die Sehnsüchte, dieses Artikulieren was ein Mensch... also, das ist mir einfach ganz, ganz wichtig und da habe ich das Gefühl, diese Quelle versiegt nicht, sondern mir wird immer wieder was einfallen, aber nichtsdestotrotz wird es diese Wellen geben. Ich bin immer in der Lage, was aus Papier zu kriegen, wenn jetzt nicht mich irgendwann mal eine handfeste Depression überfällt. Ich habe keine wirklich Veranlagung dafür, also zur Schwermut mal ja, aber nicht zur Depression, die einen so richtig handlungsunfähig macht. Also, so kann ja nur jedem empfehlen, sich mal anzuschauen, was Kurt Krömer und Torsten Sträter über Depressionen gesagt haben. Ich habe das im Umfeld. Es ist hart, das zu beobachten. Ganz so heftig ist es... also, so erlebe ich es selbst bei mir zum Glück nicht. Aber solange mich nicht so etwas mal überfällt, oder irgendwie ganz großer Kummer, werde ich immer was aus Papier kriegen und werde mich immer über solche Zeiten hinweg retten, glaube ich. Gut ist es dann aber auch wirklich mal zurückzutreten, mal eine Pause zu machen und zu sagen, okay, jetzt machen wir mal langsam. Ich hatte schon als Ausweichmechanismus tatsächlich mal auf den Jakobsweg zu gehen. Die Reise war gebucht mit Mama zusammen für Mai 2020.

Denis: Ja.

Tobias: Rechne dir aus, ob es stattgefunden hat oder nicht.

Denis: Eher nicht.

Tobias: Mich hat Corona gerettet. So albern wie das jetzt klingt und so zynisch wie das für ganz viele sicherlich klingt, die unter den Corona-Maßnahmen, oder überhaupt darunter, dass es die Krankheit gibt, extrem leiden – ich kann und will das um Gottes Willen nicht schmälern – bei mir war es anders. Mich hat es dazu gebracht zurückzutreten, von außen drauf zu schauen, wirklich mal auszuatmen, wirklich mal meinen liegengebliebenen Scheiß zu Hause zu sortieren. Alle Reisen fielen flach. Es war das, was ich schon längst mal gebraucht hätte und was ich selber nicht auf die Reihe gekriegt habe, mir selbst zu verordnen. Das haben wir die Umstände verordnet und mir ging es im letzten Jahr ausgesprochen gut. Und seid... Also, kurz vorher war es schon wieder so, dass ich gemerkt habe, okay, jetzt kommt wieder was, jetzt ist wieder... jetzt bin ich wieder ein bisschen mehr bei mir.

Denis: Ja, interessant. Also, ähnlich war es bei mir und bei uns auch. Wir haben auf eine andere Weise wir haben dann viel geschrieben einfach. Wir hatten die Zeit zu schreiben, zu texten, zu komponieren. Ich habe normalerweise, sagen wir mal, 50-60, wenn nicht sogar mehr, Gigs im Jahr. Die sind natürlich, ja, aus finanzieller Perspektive eine Katastrophe, dass sie ausgefallen sind, aber auf der anderen Seite hat man, ja, sich in andere neue Felder geschmissen und hat auch was Gutes für sich auf der anderen Seite, so schlimm wie auch dieser ganze Mist gerade ist. Ja, wir hoffen natürlich alle, dass es jetzt irgendwann…

Tobias: Es hilft ja irgendwie… Genau.

Denis: Vorbei ist.

Tobias: Es hilft ja irgendwie auch alles nichts.

Denis: Ja, genau.

Tobias: Also, wir stecken da drin, wir müssen dadurch. Es wird hoffentlich in Sachen Hilfsprogramme und so weiter noch sich vieles tun. Das kann man wirklich nur hoffen. Das hat noch nicht gereicht, was man sich bisher ausgedacht hat. Das war auch nicht schön für die vielen Kreativen und auch den…

Denis: Ja, voll!

Tobias: Die Menschen, die auf der Bühne tätig sind, sich so allein gelassen zu fühlen, Solidarität aus der Bevölkerung hin oder her. Aber ich hoffe einfach mal, das Gröbste ist überstanden.

Denis: Ja, absolut! Was hast du, als abschließende Frage, noch für Ziele? Was möchtest du noch erreichen? Gibt's irgendwas, ein Traum noch, für dich, ja, in berufliche Richtung?

Tobias: Ja, ich will wie Edith mal bei dir zum Kaffee vorbeikommen. Das wird...

Denis: Das hört sich hervorragend an.

Tobias: So, dass das mal klar ist. Nee!

Denis: Cool!

Tobias: Ich möchte sehr gerne… Ja, das ist jetzt sehr abgeschmackt und sehr klischeehaft. Ich möchte gerne gesund bleiben. Ich möchte, dass meine Liebsten gesund bleiben. Ich möchte, dass es noch ein bisschen so weitergeht. Ich bin ein fucking glücklicher Mensch. Ich bin… ich habe mit meinem Mann und meinem Hund meine Familie gefunden. Ich habe meine sonstige Familie, meinen Freundeskreis zu Hause. Ich freue mich, wenn meine Musik weiterhin Wertschätzung erfährt, wenn ich weiterhin Leuten ein bisschen auf dem Weg helfen kann. Ich bin wirklich gerade sehr mit diesem Gefühl gesegnet bei mir angekommen zu sein. Und wenn alles einfach ein bisschen so weitergeht, dann lassen wir es doch bitte einfach so weitergehen. Also, dass mehr... Das war gar kein gutes Deutsch, aber es ist gerade egal. Ich bin auch sehr froh.

Denis: Manchmal muss es auch nicht so hervorragendes Deutsch sein. Vielen lieben Dank!

Tobias: Ich neige zur Redundanz. Das heißt, ich sage alles zweimal.

Denis: Tobias, vielen, vielen lieben Dank. Es war wirklich mega sehr inspirierend und ich hoffe tatsächlich, dass wir uns mal auf einen Kaffee sehen. Das sollten wir fortführen dieses Gespräch. Wahnsinn! Ich freue mich sehr.

Tobias: Ich danke dir, Denis.

Denis: Und auch das Team freut sich, dass du dabei warst. Und ja, ich sage mal bis bald, bleib gesund und, hey, alles Gute!

Tobias: Alles Gute für dich! Danke, Denis! Tschau!

Denis: Tschau! Du unterstützt uns auf jeden Fall, um besser sichtbar zu sein, indem du uns bei iTunes abonnierst oder uns eine Bewertung schreibst. Das hilft und freut uns sehr. Du kannst dir sicher vorstellen, dass so ein Podcast viel Zeit und Geld kostet. Wenn du uns dabei unterstützen möchtest, kannst du das wie folgt tun – PayPal unter dem Betreff „Reingetackert!“ an den Account paypal@rurton.de. An dieser Stelle möchten wir uns bedanken für all die Unterstützer, die wir bereits haben. Das ist wahnsinnig toll und hilft uns sehr bei unserer Arbeit. In unseren Shownotes findest du alle wichtigen Infos zur Folge, unseren Gästen, oder anderen Sachen, die wir erwähnen.


Noch keine Kommentare vorhanden.

Was denkst du?


© rurton              

Newsletter? E-Mail eintragen: