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Gesangsaufnahme [005]

INHALT

In dieser Folge sprechen wir über Gesangsaufnahmen im Tonstudio. Ein technisches Thema für unseren Markus, könnte man meinen, doch auch der Blickwinkel von Sänger und Vocalcoach Marcel und unserem Text-Experten Denis sind interessant. Neben der Technik spielen nämlich auch, Ausdruck, Gefühl, Attitude und Kommunikation eine große Rolle. Wie so oft macht die Mischung am Ende eine gute Gesangsaufnahme aus.


SHOWNOTES


TRANSKRIPT

Markus: „Reingetackert!“ - Herzlich Willkommen zum Audio-Podcast vom “rurtonproducing”-Team. Heute haben wir uns mal gedacht, es geht um Gesangsaufnahmen. Wir wollen einfach mal so ein bisschen beleuchten, wie jeder so die Gesangsaufnahmen in unserem Team erlebt und was da jedem so wichtig ist und wie das dann kombiniert zu einem richtig coolen Ergebnis führt, wenn wir drei das eben zusammen machen. Vorstellen möchte ich auch heute wieder in der Runde als erstes Marcel:

Marcel: Ja, hallo, Marcel hier. Ich freu mich wieder da zu sein!

Markus: Ja cool und auch Denis ist wieder am Start:

Denis: Hallihallo, ich freu mich!

Markus: Ja, ich würde sagen wir gehen direkt rein. Bei mir ist es so, wenn Gesangsaufnahmen anstehen, dann heißt das für mich erstmal im Aufnahmeraum eine „Pressekonferenz“ aufzubauen, so nenn ich das immer. Das heißt, eine Auswahl der Mikrofone zu präsentieren, von denen ich denke, die halt irgendwie cool sind. Das heißt, möglichst verschiedene. Also nicht irgendwie vier, fünf Kondensatormikrofone, sondern vielleicht ein Kondensatormikrofon „Niere“ oder ein Kleinmembran Kondensatormikrofon, dann vielleicht ein Röhrenmikrofon mit einer Röhrenvorstufe, vielleicht ein dynamisches Mikrofon. Da stehen dann gerne mal vier, fünf Mikrofone, die jage ich dann alle auch über das Pult. Also nicht auf einen speziellen Preamp erstmal und auch erstmal ohne Poppschutz, aus dem einfachen Grund: das richte ich erst dann ein wenn man sich für ein Mikrofon entschieden hat. Das ist halt mein Start und dann lass ich den Sänger eine Strophe oder mal einen Teil singen und im nächsten Schritt hören wir uns das dann zusammen in der Regie an und versuchen zusammen zu entscheiden was da wirklich cool ist.

Marcel: Läuft das in dieser Phase schon über verschiedene „Preamps“?

Markus: Das Problem ist, die würden dann „färben“. Würde ich ein Mikrofon schon auf meinen Lieblings-Preamp schicken, dann macht der ja schon wieder was anderes. Also ich gehe eigentlich hin und leg die alle aufs Pult. Da weiß ich die Preamps sind gleich, da habe ich die gleichen Voraussetzungen.

Marcel: Cool.

Markus: Wenn du dann die fünf verschiedenen Mikrofone in der „DAW“ liegen hast, dann muss man einfach mal schön „A-B-Hören“ und dich für eins entscheiden. Bei mir geht das halt viel nach: „Ok, wo wollen wir hin, passt das zum Song, passt das zur Stimme?“. Also wie seht ihr das? Wie entscheidet ihr da? Mehr aus dem Bauch heraus?

Marcel: Total. Interessant eigentlich auch die Blickwinkel. Der Stil der Musik ist natürlich von entscheidender Bedeutung für den Sound, den man dann haben will. Aber wenn ich mir jetzt vorstelle, wenn ich als Sänger wieder in die Regie rein käme, wonach würde ich denn dann entscheiden? Dann würde ich wahrscheinlich in dem Moment denken…

Markus: Nach Optik?

Marcel: … (lachend) Ja genau, das würde ich sowieso machen. Wenn ich als Sänger in die Regie zurückkäme, würde ich wahrscheinlich das nehmen, was in dem Moment „solo“ am „fettesten“ klingt. Das wär total befangen zum Beispiel.

Markus: Was bei mir immer lustig ist. Es wird oft nicht das Mikrofon, was ich denke. Oder es wird nicht das teuerste Mikrofon. Also das kann man ja schon mal sagen. Es ist ja nicht die Lösung: „Ok, du hast 50 Mikrofone, nimm dein teuerstes, stell es hin und dann ist gut“. Das ist ja nie so, weil das Mikrofon ja zum Sänger passen muss und das, was es aufnimmt halt total zum Song.

Marcel: Gehen wir mal total durcheinander, Denis. Gib mal einen deiner Fokus-Punkte bei einer Gesangsaufnahme.

Denis: Bei mir is total wichtig, in erster Linie Ausdruck und Gefühl. Mir ist total egal durch welches Mikro da gesungen wird und was das für ne „Nummer“ ist oder was für ne Marke. Das spielt überhaupt keine Rolle. Hauptsache, es kommt drüben an in der Regie. Und zwar mit einem sehr starken Ausdruck am Liebsten mit einem Gefühl, das transportiert wird, wo ich irgendwie direkt „andocken“ kann, so nenne ich das immer. „Ja, ich verstehe, was du da sagst, was du da singst“ und ich fühle mit mitgenommen, rein in dein Gefühl, das ist total wichtig für mich.

Marcel: Finde ich auch interessant, weil das ja nicht unbedingt am Anfang passieren können muss. Also ist ja auch ne spannende Frage, wann geht’s damit los? Weil, es gibt ja auch Sänger, die dann irgendwie den Film im Kopf noch nicht anhaben. Ist bei mir auch oft so, ich brauche viel Vorlaufzeit bis es irgendwie cool ist.

Markus: Da muss der Raum ja auch für gegeben werden. Also wenn ich als Techniker da die ganze Zeit „rum honke“, dann passiert erstmal gar nichts. Das ist für mich dann auch immer schwierig, „wieviel machst du da, wie lange brauchst du dafür?“ Eigentlich weiß ich, ich muss mich beeilen, dass du jetzt nicht stundenlang da Technikkram machst, weil dann kann der Sänger auch wieder nach Hause gehen, dann ist der Tag gelaufen.

Marcel: Das erinnert mich total an Live-Soundchecks, Denis, wo der Tontechniker vom FOH sagt: „Spielt schon mal einen, Monitoring machen wir nachher.“

Markus: Guter Ansatz.

Marcel: Da stehst du als Sänger da und sagst: „Nee, ist gut, da ballert ein Schlagzeuger mit 100 Dezibel hinter dir, die komplette Band legt los und ich soll da drüber schreien?

Denis: Perfekter Ansatz, sollten wir mal überlegen, ob wir das im Studio auch machen.

Markus: Da hast ja schon das nächste: „Monitoring“. Das ist auch so ein heikles Ding, finde ich, weil die meisten Sänger können dir ja gar nicht sagen, was falsch ist, oder wann er sich wohl fühlt. Deswegen ist das auch so ein bisschen ein zweischneidiges Schwert. Wir haben ja im Studio dieses System, wo du dich selber mischen kannst, das setzt aber auch einen Sänger voraus, der das auch schon oft gemacht hat. Wenn du da einen hinstellst, der das nicht kennt. Erstens hat der keinen Nerv das zu machen, also für ihn ist das kein Vorteil, dass er da selber Verhältnisse mischen kann. Dem musst du dann von der Regie aus einen Mix machen, wo du sicher bist, ok damit kann der jetzt cool singen. Da ist ein bisschen Raum drauf, er hört sich genug selbst. Und da auch wieder direkt in Kombination, vielleicht muss er auch mal den Kopfhörer wegnehmen, vielleicht hört er sich selbst dann zu viel über den Kopfhörer. Also Monitoring ist ein riesen Thema.

Marcel: Oh ja. Von entscheidender Bedeutung auch, was für ein Part ist. Also, wenn ich jetzt so einen „Linkin Park-Refrain“ singen wollen würde, dann würde ich keine Kopfhörer wollen, sondern ne fette Monitorbox, die mich anschreit und am Liebsten ein Mikrofon, in das ich reinschreien kann. Rein technisch kann ich da gerade reinwerfen ist es super oft so, du sagst es ja gerade selber, also was das Monitoring angeht, erfordert ja schon Reflektion. Also man muss ja schon wissen, man muss ja Referenzwerte haben. Hab ich das so und so schon erlebt, um überhaupt mal zu wissen: „Ach ja, jetzt ist ein fetter Rock Song, jetzt ist mein Monitoring was leiser, damit ich meinen „Edge“, sozusagen mein Schreien so ein bisschen mit da reinkriege. Das ist auch immer so ein Trick, den man da anwendet. Oder ist es jetzt hier ein Pop-Song, ne ruhige Strophe, wo immense Präzision dann irgendwie gebraucht wird. Und ich kann von meiner Warte aus auf jeden Fall nur sagen, dass ich sogar wenn ich nicht darauf achte, wenn das so viele verschiedene Faktoren sind, z.B. Interpretation, Hören, Machen, Tun und natürlich noch auf euch hören und am besten noch den Text richtig machen und noch alles fühlen, dann kann es ganz oft schon mal auch so sein, dass man technisch in dem Moment Mist macht, weil man sich viel zu viel darauf versteift: „Ok ich will jetzt, dass es fett ist“.

Markus: Ja, und dann wird es definitiv nicht cool. Diese Umgebung zu schaffen, dass alles so ist, dass der Sänger sich wohlfühlt und dass er überhaupt ne Performance liefern kann, die, wie Denis eben schon sagte, die einen abholt, die wirklich toll ist.

Denis: Ja, ich denke, das was ich gesagt habe ist wirklich erstmal Schritt Zwei.

Marcel: Weiß ich nicht, es kommt vielleicht auf den Sänger an.

Markus: Die Technik muss halt irgendwann in den Hintergrund. Das sind natürlich die ersten “Steps”, aber letztendlich muss ich wachen Auges bei der Aufnahme sein und alles richtig machen, aber es sind andere Faktoren, die nachher das Gefühl dann ausmachen. Also z.B. wenn das Mikrofon steht und klar ist, damit nehmen wir jetzt auf dann ist ja so ein Ding: „Komm lass mal pegeln“. Vielleicht nimmt man nen anderen „Preamp“ und muss halt wirklich nochmal pegeln, und der Klassiker, ich mein das gilt ja nicht nur für Sänger, das ist auch bei Musikern und Instrumentalisten so. „Ja spiel mal an“- und es wird natürlich viel leiser sein, als es bei der Aufnahme dann ist. Man muss immer „Headroom“ lassen. Und das kann ich euch auf den Weg mitgeben, pegelt in der DAW niemals so hoch, dass da noch 6 dB „Headroom“ sind, beim Einpegeln. Und ein „Clipping“ in der DAW ist einfach der Tod. Dann ist es zerstört mit heutigen DAWs, wo man mit 24 bit aufnimmt gibt es eigentlich keinen Grund da so wenig „Headroom“ zu lassen. Lass da noch 6 oder lass 12, oder lass 16 dB, ist egal, da entsteht ja kein Rauschen. Ihr müsst dann auch den „Pre-Amp“ sauber pegeln, aber in der DAW ist das völlig irrelevant. Ich seh das oft bei Leuten, dass das „Peakmeter“ schön da oben zappelt, aber das ist gerade bei ner Gesangsaufnahme nicht cool. Weil der Moment, das wird Marcel ja kennen, „Ja das war es jetzt“. Und ich denk mir: „Ja super, das ist aber leider nicht mehr zu gebrauchen, weil es ist verkackt, es ist nicht ordentlich gepegelt, es übersteuert“.

Marcel: Kannst ja in dem Moment nichts dran machen und das zeigt eigentlich die Vielschichtigkeit dieses Problems, das ist ne interessante Frage, jetzt wo ich so drüber nachdenke hier mit euch das erste Mal aktiv, ob es überhaupt gut ist dem Sänger diese Möglichkeit zu geben, darauf am Anfang Einfluss zu nehmen. Da kommen natürlich noch ganz andere Faktoren hinzu. Einer der mir einfällt, nicht nur als ausführender Sänger, sondern auch oft dann hinten in der Regie als Gesang Produzent ist halt so diese „Mindset-Frage“, weil Gesang, Team, kennt der Sänger das Team, kennt der Sänger die Leute, die in der Regie sind oder andersrum, was gibt’s für Erwartungen, was gibt’s auch für Ängste? Es gibt ja Leistungsdruck, es gibt „nicht vorbereitet sein“, „Handy in der Hand“, es gibt „Die Musik nicht verstehen“. Wir haben ja schon vielerlei Sachen erlebt, es gibt die tollsten Sachen, wo wir uns so aufeinander eingelassen haben innerhalb von Produktionen, dass, Markus das hast du selber schon erlebt, dass die Tränchen geflossen sind bei einem Song, weil man es einfach total fühlen konnte. Und es gab auch schon den Fall, da erinner ich mich dran, der Klassiker, Genres prallen aufeinander in einer Musical-Gesangs-Produktion, war ne klassische Sängerin, die so offensiv mit der Situation nicht umgehen konnte, dass es dann der Song Schuld war. „Also das ist ja alles nicht zuende gedacht, so kann ich nicht arbeiten- mäßig. Also man kann auf unterschiedliche Ebenen da prallen und es ist sehr sehr spannend, wie man dann qualitativ was rausholt.

Markus: Ja, beim Mindset kann ich auch anknüpfen, da finde ich immer auch ein Ding: das Handling vom Talkback-Button, also ich versuche den immer gedrückt zu halten, um nicht diese Wand da zu haben. Ich meine, es gibt ja nichts Schlimmeres, als wenn der Sänger oder die Sängerin da steht, die hat gerade nen Take abgeliefert und wir hören uns den an und vielleicht ist hinten in der Regie gerade jemand, der ein Späßchen macht, was ja völlig in Ordnung ist, aber das kann der Sänger im Raum ja überhaupt nicht einordnen und das ist natürlich nicht schön. Ich versuch das immer, bis der Finger dann irgendwann einschläft. Ich denke es ist nicht schön, das nicht mitzukriegen, das hilft ja nicht ein gutes Mindset zu kriegen oder ein gutes Gefühl da zu bekommen.

Marcel: Genau, du versuchst ja diese Dinge zu erfüllen und du bist ja auch von der Energie, die von der anderen Seite kommt, abhängig. Bei mir ist das so, ich weiß nicht. Es mag vielleicht Sänger geben, die das nicht interessiert oder unterschiedliche Niveaus der Reflektion.

Denis: Ich denke mal, das ist individuell halt verschieden. Ich glaub darin besteht auch so ein bisschen die Kunst, dass wenn wir da in der Regie hocken, der Gegenüber da gerade versucht sein größtes Gefühl „ever“ rauszuhauen gesanglich, dass wir ihm einfach einen guten Raum, ein gutes Gefühl ihm geben und nicht, je nachdem was es ist, die ganze Zeit unsere Späßchen machen und jetzt sing mal.

Markus: Das zu ertasten und dabei zu sein.

Denis: Klar, wenn wir ne Stimmung brauchen, nen Partysong, „mach mal den hier“, kommt halt immer darauf an.

Marcel: Ja oder es wird zu verkrampft, kann ja auch mal sein.

Markus: Genau, dann brauchst du auch etwas, was gerade auflockert. Was mir gerade noch einfällt wieder, bei so Voraussetzungen. Ich seh immer bei so Aufnahmen diese klassischen Notenpulte oder Ständer am Mikrofon stehen. Halte ich auch gar nichts von. So aus meiner Erfahrung, ich hab ja auch viel Sprache aufgenommen und das Ding ist halt auch nicht zu unterschätzen, es ist einfach auch eine Reflektionsfläche und wenn du da zwei DIN A4-Seiten plus da drunter nochmal diesen Halter da stehen hast, das ist nicht cool. Das verfärbt das Mikrofonsignal, das steht ja immer so nah am Mikrofon, dass es auf jeden Fall etwas ausmacht am Sound. Also ich, kann Denis vielleicht was zu sagen, ich find es halt cool, wenn man einen Text aufhängt, vielleicht ist es aber oft einfach besser, wenn man seinen Text kennt und den nicht mal mehr aufhängen muss und nicht ablesen muss.

Denis: Ja absolut. Mein Lieblings-Thema „Gefühl“ bei den Gesangsaufnahmen. Da kommt dieses Thema natürlich auch genau da rein. Weil man kann einfach nicht besser ein Gefühl transportieren, als wenn du „frei“ bist sozusagen. Also sobald ich irgendwas ablese bin ich sofort leicht abgelenkt, da glaub ich schon dran, dass das ein Unterschied ist, das hörst du einfach „drüben“. Ich mein wie oft haben wir schon gesagt: „Das hast du aber jetzt abgelesen“ oder? So nach dem Motto.

Marcel: Oder, „Pack das Handy mal weg“, das war eigentlich das Schlimmste.

Markus: Ja gut, das ist natürlich noch schlimmer, das finde ich auch todes nervend, wenn einer auf 10 x 4 cm seinen Text da ablesen muss und dann noch scrollen muss, während der Aufnahme, da krieg ich natürlich nen „Föhn“ und ganz ehrlich die Haltung, das wird Marcel bestimmt bestätigen, ist natürlich die Beste, wenn man so ein Handy vor sich hält.

Denis: Deswegen auch nochmal die Frage an Marcel, wie ist das denn wirklich mit dieser Haltung, wenn du wirklich dieses Handy da vorne hast. Ist ja wahrscheinlich nicht optimal, oder?

Marcel: Nee, gar nicht. Du gibst ja sofort ne Spannung. Man sagt ja irgendwie: „Jede Verspannung oder jede Tension, die man irgendwie verringern kann macht ja Kapazitäten frei. Und „langer Nacken“, „sich groß machen“, da gibt’s so viele Faktoren, die man jetzt erwähnen könnte, die ne gute Atemtechnik und Stütze dann wiederum machen. Aber wir wissen natürlich auch, dass das genre abhängig ist. Also wenn man sich gerade die Popmusik anguckt, das ist kein Phänomen, was irgendwie die letzten drei Jahre erst vorherrscht, sondern schon Ewigkeiten, dann war Stimmcharakter, also der individuelle Fehler geht eigentlich manchmal tatsächlich über Gesangstechnik. Also manchmal ist es ja so, siehe Christina Stürmer oder so, die hat ja dieses „Sprachfehler“ ne, mit dem „ch“, vielleicht wäre das ja auch lösbar, ich weiß es ja nicht, logopädisch, oder sonst irgendwas. Und da ist halt interessant, was nimmst du für Musik auf, denn in der Klassik oder Musical oder sonst was, da hat das nichts verloren. Punkt. Da geht es um ne saubere Technik. Das ist ja genau so wie Denis, wenn du ne Fusion-Nummer trommelst, da geht es um andere Dinge, vermute ich mal.

Denis: Ja, kann man tatsächlich so vergleichen.

Marcel: Hör dir diesen Groove an von Blur „Song 2“ aus dem Intro. Hat der nicht sogar, war das nicht diese Story, wo der Gitarrist oder Produzent selber getrommelt hat oder so?

Denis: Oh, weiß ich gar nicht genau.

Marcel: Sei es drum, ob es jetzt der “Blur”-Drummer war, es ist ein Punk Drummer. Es ist einfach legendär, wenn man diesen Sound hört und ich glaube nicht, dass darüber nachgedacht wurde „Ist es jetzt cool gespielt“ sondern „It is what it is“

Denis: Und auch da wieder kommt dieses Gefühl, was dieser Schlagzeuger hatte rüber. Bestes Beispiel ist auch Dave Grohl, also Schlagzeuger Dave Grohl, da weißt du einfach, der braucht keine vielen Noten spielen.

Marcel: Der setzt sich einfach in einen Radiosender und schreit einfach „The best of you“ raus und wir lieben ihn einfach dafür. Also das ist ja oft so, guck mal wie oft haben wir diese Debatte, keine Technokraten sein zu wollen, weil erklär dann mal Bob Dylan. Ein gelernter Musiker ist kein guter Musiker, auch ne schöne podcast-Folge vielleicht.

Marcel: Hat Bob Dylan Gesangsunterricht genommen?

Denis: Na ja, das müsste ich jetzt auch nochmal googlen.

Markus: Ja, das müssen wir nochmal festhalten und klären.

Marcel: Ich bin aber jetzt ziemlich sicher, dass Bob Dylan nicht an einem Konservatorium oder „Berklee School of Music“ nen Abschluss gemacht hat und Songwriter-Seminare bei zig verschiedenen Textern und Songtextern gehabt hat, sondern, dass er einfach da ist. Wir können uns jetzt darüber streiten, klammern wir den Faktor mal aus. Mir fehlt das heutzutage oft, „sei doch einfach mal, wie du bist“ und denk nicht „was kann ich hier anliefern“, insofern würde ich sagen Aussprache, Stimmfarbe und Technik sind ggf. je nach Genre, bleiben wir mal im Pop und Rock, dann sind sie auf jeden Fall nur bei Problemen relevant. Als Vocalcoach würde ich nur eingreifen, wenn ich höre: „Ok, du kriegst den Ton wirklich nicht, wir könnten das und das probieren, damit du ihn vielleicht kriegst. Und damit glaube ich, ist für mich zumindest, als partizipierenden Teil von ner Gesangsaufnahme die Sache in diesem Genre erledigt.

Markus: Aber auch interessant, wo du gerade bei Stimmfarbe bist. Ich finde auch ein riesen Thema technisch ist: Abstand. Kommt auch dann total aufs Genre und das Mikrofon an. Aber du kannst dann natürlich auch nem Sänger nicht sagen: „Guck mal, dass du immer diesen genauen Abstand hältst. Deswegen da immer mein Trick ein Poppschutz. Was auch immer für ein Abstand, aber den zu definieren halt mit nem Poppschutz. Also dem nicht zu sagen: „Ja komm ganz nah ran“. Der wird immer am Poppschutz “kleben”. Der Poppschutz ist da, mach den dahin, wo er hin soll. Wenn du weißt, das ist cool mit dem Mikrofon, dass er ein bisschen weiter weg bleibt, dann setz den einfach 13, 14, 15 cm weg den Poppschutz. Und dann ist das Thema auch gegessen, denn alles was ich immer in die Aufnahme reinschmeiße, diese technischen Dinge, die holen ihn ja sofort immer raus, d.h. mach das vorher, sei dir dessen bewusst und setz das Mikrofon dahin. Weil es gibt, also bei nem Kondensatormikrofon hast du dann oft ne „Bassanhebung“, wenn du zu nah bist und das möchte man nicht. Die kriegst du auch nur schwer raus. Deswegen, bisschen Abstand ist ja ganz gut. Poppschutz benutzen!

Marcel: Denis, du bist Schlagzeuger, Timing bei Sängern?

Denis: Ja das ist so ne Sache. Also ich stehe ja total auf Timing, ist ja klar. Als Schlagzeuger soll ja am liebsten alles „reingetackert“ sein, da haben wir es wieder. Da können wir jetzt auch darüber streiten, kommt halt ganz drauf an. Da könnt ihr auch mal gerne was zu sagen. Es kann ja auch mal sein, dass man leicht außerhalb der Time, leicht „laid back“ mal sein muss, leicht davor mal sein muss

Marcel: Oder es nicht weiß. Markus erklär mal das Phänomen mit dem „Einen Millimeter nach rechts verschieben“.

Markus: Ja das ist tatsächlich sehr oft, dass es nicht “laid back” ist, sondern „laid forward“.

Marcel: Was ja ok ist. Es gibt ja Songs, die das brauchen, aber es ist ja oft so, dass nicht so erfahrene Sänger dazu tendieren, so auf den Punkt zu singen, dass sie manchmal tatsächlich davor landen.

Markus: Ja, das fühlt sich dann unrund an.

Marcel: Nicht entspannt oft und wir machen dann oft diesen Trick, Markus erklär mal.

Markus: Ja dann sagt der Marcel manchmal: „Ja zieh mal ein Stückchen“. Und dann legt man das halt ein paar Samples zurück, dass es einfach mehr “drin” liegt. Und meistens merken es die Sänger gar nicht.

Marcel: Ja und da machst du ja wieder ein Fass auf und das sind Sachen, da hast du keine Zeit mehr für. Und du kannst ja nicht, sagen wir mal der Sänger müsste so timen und wüsste vielleicht nicht, was „laid back“ ist. Da kannst du ja nicht fünf Jahre Gesangserfahrung oder Bühnenerfahrung oder Feeling, oder Charakter des Sängers.

Markus: Da würdest du es wahrscheinlich auch kaputt machen in dem Moment, da kannst du direkt schon wieder abbrechen. Also das merke ich gerade, weil wir jetzt darüber sprechen, wie oft das passieren kann. Und ich glaube, dass ist auch so ein bisschen das „Sensible“, dass wir ganz viele unausgesprochenen Dinge wissen und auch eben so leben bei einer Aufnahme. Und ich glaube das führt dann zu einer guten Gesangsaufnahme, dass wir das alles im Kopf haben und zusammen da agieren. Ich glaube das ist so das Ding. Denis, was sagst du denn so zur Lautstärke und an die Grenze gehen und je nach Genre mal Vollgas geben?

Denis: Ja liebe ich. Es gibt für mich nichts Geileres, an so einem Gesangsaufnahme Tag, wenn derjenige richtig fertig ist, also körperlich fertig, wenn er da wieder rausgeht aus der Gesangskabine. Weil man dann weiß der Junge oder das Mädchen oder die Frau oder der Mann hat alles gegeben und ist an die Grenze wirklich gegangen, des Machbaren. Weil da glaube ich sind die letzten 20% zu holen, da passieren die besonderen Dinge auch meistens glaube ich. Und das lieb ich.

Markus: Da kann ich auch direkt wieder einklinken. Weil auch da ist oft das Thema, dass ich in dieser Zwickmühle bin, wenn es dann eben lauter wird. Will ich das jetzt schon bei der Aufnahme komprimieren? Oder wie viel komprimier ich? Das ist wieder so ein zweischneidiges Schwert. Also ich gehe einfach den Weg, ich komprimiere ein bisschen vor, also auf jeden Fall bei einer Rockproduktion, aber vielleicht auch nicht mit einem „zu färbenden“ Kompressor, als wirklich nur technisch ein bisschen. Also es kann ja auch sein, dass der Kompressor einen bestimmten Sound liefert und dass der Sänger dann anders reagiert oder anders singt, wenn er das hört. Ist gar nicht so zu unterschätzen. Wie siehst du das Marcel, hast du da schon mal bemerkt, dass das ein Unterschied ist?

Marcel: Also ganz ehrlich nicht. Ich verlass mich da drauf was da passiert. Wahrscheinlich würde ich hören, wenn es pumpt. Wenn es hart auf hart kommt, reiss ich den Kopfhörer wahrscheinlich doch auf, dass jeder andere denken würde: „Was soll das?“ Da sind wir wieder in der Genre-Sache, laut ist halt nicht immer besser, aber das ist halt genre abhängig die Grenze. Schönes Beispiel ist, nimm mal so ein ruhigen Jazz-Sänger, oder nimm mal so einen John Mayer, der in so einem Mittelbereich singt und uns trotzdem alle kriegt damit.

Markus: Denis hast du denn noch was, was du reinhauen könntest?

Denis: Ich könnte nochmal aus „Textersicht“ nochmal die Sache beleuchten, die Gesangsaufnahme. Ich bin ja meistens derjenige, wie alle anderen auch, die mit nem Text da sitzen und sich das anschauen, was da wirklich gesungen wird textlich, wir begleiten das natürlich und müssen ja auch schnell reagieren oder korrigieren, wenn etwas falsch ist. Denn man kann ja nicht einfach irgendwelche Worte weglassen, wenn es nicht nötig ist, kommt natürlich auch wiederum ganz drauf an. Es ist einfach wichtig, dass derjenige, dessen Gesang da gerade produziert wird, natürlich weiß worüber er singt und auch da wiederum das Gefühl transportiert. Also Textzeile muss sitzen, in ein Gefühl rein und dann ins Mikro und dann hoffentlich das gute Ergebnis.

Marcel: Also ich denke man kann zusammenfassend sagen: Einige Faktoren aus verschiedenen Sichtweisen tragen, aus unserer Sicht zumindest, dazu bei, dass eine Gesangsaufnahme gut wird. Es gibt technische Faktoren, die extrem wichtig sind, auch für die Qualität der Aufnahme, die im Anschluss vielleicht ein bisschen in den Hintergrund rücken sollte, d.h. aber nicht, dass sie nicht unter dauerhafter Beobachtung sind. Die Gesangstechnik ist ein bisschen genre abhängig kann man sagen. Ich glaube was uns alle drei vereint, dass wir denken, dass das „Mindset“ in der Regie, als auch vor dem Mikrofon, stimmen muss und das der Text verstanden sein muss und der Film im Kopf des Sängers muss funktionieren. Und das ist nicht nur seine Verantwortung, sondern das ist auch unsere Verantwortung. Wir sind dafür zuständig die nötigen Prämissen an den Start zu bringen und zu gucken, die Umgebung stimmt. Das trifft so ein bisschen die Philosophie. Habe ich was was vergessen?

Denis: Nein, kann ich nur unterstreichen.

Markus: Dann würde ich sagen geht es heute auch wieder zum Ende und das heißt: 3,2,1,...

Alle: “Reingetackert!”

2 Kommentare

  • Da habt Ihr super rübergebracht, was zu einer gelungenen Aufnahme gehört. Und es ist eine Kunst, das Feeling rüberzubringen, aber es einzufangen, ist genauso schwierig...und das hat Markus voll drauf.
  • Hey Petra,

    vielen Dank für Dein Feedback! Freu mich dass du zu unseren Podcast Hörern gehörst und es Dir gefällt.

    VG Markus

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