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Marcel lässt die Hüllen fallen - Interview mit Markus [021]

INHALT

Hey Audio - Nerds ;-),

heute bekommt ihr was ganz besonderes auf die Ohren.

Marcel stellt, im Gespräch mit Markus, sein Herzensprojekt „marcel and the mess“ vor und erzählt uns, wie es zu seiner ersten eigenen EP kam. (Release „Heart on my sleeve“ 15.01.2022)

Er nimmt uns mit auf eine ehrliche und reflektierte Reise durch sein Musiker - Dasein und beantwortet so manche große Frage aus seinem Leben.

Was hat das mit Nachbarschaftskonformität zu tun?

Was bedeutet ihm Erfolg und wie definiert er diesen?

Wo liegen für ihn die Unterschiede zwischen deutschen und englischen Songs?

Und wie könnt ihr eine Kiste Bier von Marcel abstauben?

Hört rein, es lohnt sich, auch ohne das Bier ;-) !

3...2...1… reingetackert!

Denis, Marcel und Markus


SHOWNOTES


TRANSKRIPTION

Markus: Hallo und herzlich willkommen zur Folge 21 des "Reingetackert!" Podcast, des rurtonproducing-Teams. Hallo Marcel, heute versuchen wir es wieder mal am Abend. Und mich lacht hier ein freundliches Klosterbräu, eine erste freundliche Spende von Miriam.

Marcel: Genau, das hat uns sehr gefreut. Miriam, Prost auf dich. Ja, ich heute mal unverzerrt. Nachdem über die letzten Folgen ab und zu das Feedback kam, dass ich verzerrt bin.

Markus: Ich dachte halt, Marcel, ist ein Rocker.

Marcel: Zu dumm um das zu merken, habe ich Markus gefragt, ob er das nochmal einstellen...

Markus: Ich hab einfach gedacht, Marcel ist ein Rocker, der muss einfach verzerrt sein.

Marcel: Genau, als Rockmusiker mag ich ja diesen Effekt, wenn das so zerrt.

Markus: Drunter geht gar nicht. Ich sage immer noch, alles auf elf.

Marcel: Man hat mir früher auf der Dorfdisco erklärt: Wenn alle Lämpchen rot sind und an sind, dann ist gleich laut.

Markus: Alle Lämpchen sind bezahlt.

Marcel: Das hat mir wirklich einer mal erklärt.

Markus: Ja, was ist heute unser Thema? Das Thema ist heute. Heute ist was ganz besonders, der Marcel ist heute mal ausnahmsweise nicht hier als mein Kollege, sondern als der Künstler "marcel and the mess". Und das finde ich ziemlich cool. Das heißt, ihr müsst damit klarkommen, dass wir heute in so eine Interviewsituation reinrutschen und ich Marcel viele Fragen stelle und ihr vielleicht ganz neue Seiten von Marcel kennenlernen werdet. Das wird spannend. Er guckt schon ganz vorwurfsvoll. Und zwar, das ist einfach sein neues Baby. Ich weiß nicht, ob ihr schon auf Instagram und den üblichen Social Media Plattformen das mitbekommen habt. Die erste Single ist ja auch schon raus. Also wir sind jetzt bei der Aufnahme noch davor. Aber wenn ihr das hier hört, sollte die erste Single released sein. Dazu aber später mehr.

Marcel: Es ist ja wie bei Zurück in die Zukunft.

Markus: Marcel? Ja, womit fangen wir an? Meine Frage ist, die ich mir ausgedacht habe, wie steigen wir das Thema ein? Du hast ja einfach viel geschrieben in den letzten Jahren, viel hier im Team, viel für das rurtonproducing-Team, viel für andere Künstler und deine eigenen Sachen sind komplett so ein bisschen in den Hintergrund gerutscht. Und es ist ja auch, du warst ja auch lange nicht mehr auf der Bühne. Was war denn konkret der Auslöser, dass du jetzt quasi so einen Neustart anstartest und du willst damit ja auch sicherlich auf die Bühne. Ja, wie kommt das? Was ist da los?

Marcel: Nichts lieber als das. Richtig, ich habe die letzten Jahre ja eigentlich mit dir eigentlich auch die meisten Schlachten bestritten.

Markus: Und lustigerweise auch viele überhaupt nicht in deinem Genre viele, überhaupt keine Rock Sachen und so was, sondern viele verschiedene Genre aber auch viel Kindermusik, so ein bisschen weg von dem, wo du sonst so zu Hause warst.

Marcel: Ja, als Songwriter kannte ich das jetzt beim Produzieren, was ja so sich über die Jahre aufbaute, was ja auch irgendwo so ein bisschen eine logische Konsequenz aus diesem MultiInstrumentalisten, ich habe jetzt übrigens gelesen, man nennt das kreativer Allrounder, das ist der step, quasi zwischen einem Produzenten und einem Musiker oder so.

Markus: Dann bist du das auf jeden Fall.

Marcel: Ja, keine Ahnung was ich bin, ich habe aufgehört zu versuchen, das zu definieren. Ja, irgendwie nach ein paar Jahren, ich habe auch so eine Phase gebraucht, kommen wir vielleicht noch mal einfach drauf. Es gab einen Grund, warum ich mich von der Bühne zurückgezogen habe und ganz kurz gesagt, ganz kurz paraphrasiert ist es einfach: Ich war einfach müde, ich war müde von Coverbands, von Publikum, ich habe das für mich so wahrgenommen, vielleicht bin ich da sensibler als andere, ich möchte das nicht bewerten, dass es auf den Partys auch oft nur noch um sich selbst feiern ging, als irgendwie Musik feiern. Da war ich irgendwie immer falscher am Platz, fühlte ich mich da. Und die Versenker-Zeit, wo wir ja auch sehr viel autark gearbeitet haben, da habe ich sehr viel Verantwortung im Kopf dafür übernommen, dass was funktioniert oder, dass was nicht funktioniert. Und davon war ich irgendwann so platt, du hast es ja aus nächster Nähe mitbekommen, dass ich mich einfach zurückgezogen habe und gemerkt habe: Okay, du musst dich neu definieren. Und das war natürlich für den Bühnenmusiker, war das nicht gut, weil der hat sich ja sein Schneckenhaus gesucht und hat gedacht: Hier komm, machen wir mit Markus hat Producing und so. Aber das Tier in mir kommt zurück. Es war wirklich eine schöne und eine sehr, sehr gute Zeit. Und ich glaube, es war für mich auch total nötig, mich mal zu resetten und vor allem wieder zu erkennen, warum ich Musik mache. Und das hatte ich wirklich total verloren.

Markus: Wertschätzung auch wieder zu finden.

Marcel: Also auch meine. Und dann kommst du ja jetzt, ich will jetzt nicht zu esoterisch werden, aber da kommst du ja ganz schnell in ein Gesetz der Resonanz, Sphären und was ich aussende, kriege ich auch zurück und ich habe nachher nur noch den einen gesehen, dem es nicht gefiel. Und ich glaube, das war der Punkt, wo es runterging, wo ich einfach gemerkt habe: Lass das jetzt mal sein! Und nach ganz viel Schreiben, nach ganz viel Teamwork, Team, Liebe, wir haben ja wunderschöne Sachen gemacht die letzten Jahre, kam auf einmal, so mit dem Reflektieren darüber, kamen die Gedanken zurück.

Markus: Und auch eine Lust zu schreiben, oder?

Marcel: Genau. Dann habe ich ja was ganz Spontanes gemacht. Ich bin mit meinen ersten Text Ideen zu einer Schülerin gegangen, die ist so alt wie ich und ist eine native Speakerin. Also da, wo ich unterrichtet habe, gibt es sehr viele Amerikaner wegen so einer Airbase und ich wollte immer auf Englisch das machen aber mein Englisch reicht natürlich nicht für Tieferes und naja, dann kam eins zum anderen. Und das Verrückte ist, sie zu fragen, war so einer der Hauptmomente. Und dieser wunderbare Text "160 Characters" ist dann einfach irgendwie aus uns rausgepurzelt und das war der Start, dann ging's los.

Markus: Genau, also "160" könnt ihr schon hören. Da kann man schon überall reinhören auf Spotify und Co.. Und die nächste Single ist "learn to forgive", die kommt Ende November, Mitte November. Da hören wir gleich mal rein, wenn wir an der Stelle sind. Aber damit hat er schon mal gut eingeordnet, warum macht Marcel jetzt auf einmal wieder Musik. Und das ist doch sehr spannend und sehr was schönes, finde ich, dass er sich wieder den Raum genommen hat und das auch wieder feiern kann. Das finde ich sehr schön

Marcel: Ja und das irgendwie auch mit einer Dankbarkeit zu erleben. Weil das ist das, was ich auf der Bühne immer empfunden habe: Dankbarkeit für die Möglichkeit, mich so auszudrücken. Und ja, mag manch einem verquer vorkommen, aber nicht Dankbarkeit, von Menschen gesehen zu werden, sondern Dankbarkeit gemeinsam Musik zu machen. Das war immer mein Antreiber und das genieße ich.

Markus: Und wie würdest du das einschätzen? Es wird ja am Ende dann auch eine EP veröffentlicht werden, Anfang des Jahres. Und das ist dann halt dein Debüt. Hat irgendwie so die Zeit, die letzten anderthalb Jahre, zwei Jahre, diese Pandemie irgendwas beeinflusst, also hat die etwas besser gemacht oder schlechter gemacht, oder?

Marcel: Ich muss, also paradoxerweise muss ich sagen, die Pandemie war eigentlich gut für dieses Projekt, weil ich, du erinnerst dich glaube ich auch noch, ganz am Anfang, beim ersten Lockdown war ich hier alleine und habe marcel and the mess Sachen arrangiert. Und da waren die ersten Demos so, Dezemberzeilen wurde auch parallel produziert und da war ich so ziemlich auf mich zurückgeworfen und musste eigentlich auf eine interessant-brutale Art und Weise noch mal lernen, allein Musik zu machen. Ich glaube eigentlich, das war sehr heilsam. Also auch aus diesem Alltags-, ich nenne es jetzt mal Alltag, was ich mache, aber aus diesen Projekten noch mal raus zu sein und da zu sitzen und zu überlegen: Ja, ja gut, jetzt habe ich Zeit. Was will ich denn? Was will ich denn sagen, wenn Zeit keine Rolle spielt im Studio? Es ist ein unfassbarer Luxus in dieser Regie zu sitzen, mit diesem Equipment und probieren zu können.

Markus: Also die Pandemie hat jetzt nicht den richtigen Zeitpunkt diktiert, sondern es war eher der Luxus, sich mal die Zeit nehmen zu dürfen. Und du hast gerade gesagt, du hast jetzt schon angefangen. Wie lange hast du denn insgesamt jetzt an der Produktion dieser EP gearbeitet? Also klar, ich habe das immer so mitbekommen bisschen, auch ein bisschen mitbegleitet, immer natürlich mit Unterbrechungen, weil wieder andere Sachen anstehen und so. Aber wie lange ist der Zeitrahmen so, von den ersten Ideen wirklich?

Marcel: Ich würde sagen, das sind jetzt fast zwei Jahre. Wann war denn Pandemie?Anderthalb ging das los, davor wurde ja schon...

Markus: Ja, so März, April 2020.

Marcel: Und davor wurde schon getextet. Das heißt so die ersten Kontaktversuche mit dem, was ich wirklich sagen will, waren so im Herbst.

Markus: Ja, ich glaube wir können sagen, wenn die EP rauskommt, sind es zwei Jahre. Also Anfang Januar hast du es auf jeden Fall.

Marcel: Genau das passt. Und das Interessante ist eigentlich, dass ich nicht zwei Jahre an fünf Songs geschraubt habe, sondern eigentlich habe ich zwei Jahre lang an mir selber geschraubt, um überhaupt mit dem Kopf und mit dem Herzen da anzukommen: Ach krass, dass ist ja jetzt genau das, was du sagen willst, so ohne Plattform und fühlt sich irgendwie an wie mit dir selber zu reden und kein Blatt passt mehr dazwischen. Und auf einmal checkst du, wenn du das dann so fertig hörst,, also ich habe zwei Sachen gemerkt, das erste war: Stimmt, darum ging's mal! Vielleicht hatte ich es vergessen. So, und das andere war: Gänsehaut und, naja weiß ich nicht, Flut von Gefühlen.

Markus: Das ist ja das, wofür man es eigentlich auch macht.

Marcel: Genau, weil man einfach denkt: Boah, okay, also einerseits checke ich manchmal nicht, wie ich das hingekriegt habe. Also ich kann gar nicht mehr erklären, wie ich da hingekommen bin. Ich habe ein Bild gemalt und weiß nicht mehr, wie ich es angefangen habe, so gefühlt. Und das finde ich einfach so, ich finde das fasziniert, dass Menschen so was können, dass sie irgendwie so abdriften in solchen Prozessen und am Schluss nicht mehr erklären können, wie das gekommen ist. Also dafür empfinde ich einfach eine riesige Demut und Dankbarkeit. Und das andere ist, und da kann ich auch Künstler nicht verstehen, die das Gegenteil behaupten: Es ist natürlich eins zu eins, meine Geschichte und natürlich ist jedes Wort genau so gemeint, wie ich es da sage. Und das war vielleicht auch was, was ich jetzt mal lernen musste, dass das okay ist. Nicht so deutsch sein halt.

Markus: Ich finde, das ist viel wert. Also ist viel wert, das kann man einfach so stehen lassen und muss man nicht kommentieren. Aber ist schön auf den Punkt gebracht ja, weil viele erklären sich ja immer und sagen "Ja..."

Marcel: Genau, irgendwie berührt es mein Leben, aber es war ein Freund, der Depression hatte und dann mit dem Alkohol, das war ich auch nicht.

Markus: Es ist schön und spannend und hast du, das interessiert die Leute bestimmt, hast du dieses eigene Ding? Bist du das genauso angegangen wie in der Auftragsproduktion oder für einen anderen Künstler? Und auch darüber hinaus, hast du wieder alles eingespielt und hast es auch selber produziert. Also hast du alles wieder komplett alleine gedacht oder hast du Hilfe gehabt? Oder hast du auch noch Input von anderen bekommen? Wie war das?

Marcel: Lassen uns mal so den Inhalt von dem Produzieren trennen. Also inhaltlich war es so, der Startpunkt war ja eigentlich Selbstreflexion. Also Schreiben, Lesen, Meditieren, Dinge tun. Also: Mach dein Ding. Ich hatte zu der Zeit witzigerweise doch Erich Fromm gelesen, "Haben, oder Sein", hab ich hier doch erzählt, was auch eine große Beeinflussung war. Dann wurde ich immer wieder so ein bisschen zurück geschmissen auf die Frage: Was willst du denn eigentlich mit der Musik? Was willst du? Und das ist so ein bisschen der Punkt, wie ich überhaupt dazu kam, diese Lyrics zu schreiben. Weil dann ganz viel auf einmal passierte und sich wie so Tagebuchblätter in Geschichten zusammenfügte. Aber ich hätte es auch, es hätte wahrscheinlich keinen interessiert, aber im Prinzip hätte ich ein Buch schreiben können. Wobei, das ist ja eigentlich voll falsch ist. Es ist schon interessant, weil es verknüpft ja eine persönliche Erfahrung mit einer Sichtweise auf unsere Gesellschaft und hoffentlich einfach auch mit einer Sprache, die der ein oder andere fühlt und einfach auch sagen kann: "Wow das ist eine Geschichte, die es mir auch mal passiert."

Markus: Und die Musik, also du hast gesagt, man hätte auch Texte schreiben könne. Ich find ja gerade das Spannende an Musik, dass man diese zwei Ebenen hat und das Musik das immer noch mal verstärkt.

Marcel: Und da war es dann tatsächlich ähnlich wie bei einer Auftragsproduktion, gut, Coronageschuldet saß ich jetzt nicht mit dir da, weil du einfach Kinder hast und in den ersten Wochen war das ja Wahnsinn so. Aber ich saß eigentlich da und hab im Grunde genommen die Songs zu Ende gedacht, hatte aber dann im nächsten Step von dir und noch mal krasser eigentlich von Fabi Brümmer, der die EP auch, mit dir zusammen produziert hat. Noch mal so ein Blick von der anderen Seite. Ich glaube, für ihn war interessant, dass ich schon so genau wusste, was ich wollte. Und für mich war interessant, es trotzdem abzugeben und zu sagen: Mach! Das ist übrigens etwas sehr Interessantes, ich bin ja so ein richtiger, so ein bisschen so ein Ästhetikspinner und habe ja schon so diese Eigenschaft, in manchen Produktionen mal zu sagen: Ja, nee, das ist noch nicht perfekt, das muss so und so.

Markus: Ja gut aber das ist der eigene Anspruch und den hast du dann auf der Seite ein bisschen zurückgeschoben.

Marcel: Hab ich völlig. Also alles was bisher passiert ist, egal ob Grafiken, ob jetzt Produktion. Also ich mein klar, ich habe eine Meinung dazu, wenn ich jetzt einen Mix gegeben bekomme. Aber es ist ja wirklich, denk mal an die Musiker, denen haben wir in der Live Session zu dieser EP eigentlich nur gesagt: Spielt!

Markus: Das muss du mal erklären.

Marcel: Ich hatte quasi die Demos gemacht. Ich weiß nicht. Vielleicht, lass mal einfach mal eine hören, wenn wir eine finden.

Markus: Also komm, dann machen wir das hier an der Stelle. Wir nehmen einfach mal die Demo von "learn to forgive".

Marcel: Genau, ich such dir eine raus. "learn to forgive" ist echt schrecklich gesungen in der Demo.

Markus: Ist doch okay, dann hören wir nur ein kurzes Stück. Suchen wir mal raus und hören mal kurz rein.

SONG / MUSIK: <>

Marcel: Ja, so war es, Drums programmiert und so weiter und dann hat Denis mal in seinem Hinterstübchen, hat er mal drau frum getrommelt. Und dann haben wir eine Live Session gemacht mit Katja Stoffels, meine Schwester am Bass, Marc Rohles am Keyboard. Dennis Sarb an den Drums. Und die haben dann quasi zu meinen damals schon aufgenommenen Vocals, was eigentlich mal sehr spannend war, da können wir vielleicht gleich noch mal drauf eingehen, haben die dann eine Live Session quasi gespielt. Das heißt, sie kannten die Tracks, kamen aber hier hin und wurden von der Leine gelassen. Und das fand ich geil.

Markus: Das ist ein spannendes Ding und auch sehr cool. Also mal so ein bisschen, es ist ein bisschen wie als würde man einer Band einen Song vorlegen. Als wäre ein Fremder Songwriter für die Band und hätte im Stil geschrieben für die Band und die Band müsste es jetzt recorden, so war es eigentlich.

Marcel: Oh, das ist spannend.

Markus: Aber verrückter noch mal, dass die Vocals halt schon fertig waren.

Marcel: Ja, hatten wir zwei uns überlegt. Also ich wollte unbedingt mal, also man muss dazu sagen, als Songwriter für die Songwriter, ich bin halt sehr Top-Line orientiert. Also das muss für mich stimmen. Manchmal bin ich sehr effektiv beim Schreiben, manchmal bin ich auch eine Tension-Schleuder, aber muss man halt nicht mögen. Aber das ist halt so ein bisschen mein Stil und ich fand diesen Gedanken so spannend, dass die Top Line steht und im Grunde genommen darunter das Gerüst wieder einreißen kann.

Markus: Das auf der einen Seite und natürlich auch beim Aufnehmen, dass du auch mal Gitarre sielen konntest, als ein Gitarrist, ohne dich auf Vocals zu konzentrieren und immer den anderen zu helfen: Wo sind wir jetzt. Weil da bist du ja sonst immer mehr so ein Guide. Musst immer wieder singen, kannst dich nicht darauf konzentrieren, was jetzt bei der Gitarre spielt.

Marcel: Und ich spiel natürlich nicht so gut, keine Frage, aber ich habe ja bis zu dem Zeitpunkt dann alle Instrumente im Grunde gespielt. Also Drums, klar, nicht live, sondern programmiert. Auf meiner EP habe ich tatsächlich sogar noch auf einem Track Bass gespielt, was ich ja auch wahnsinnig gerne mache. Ich liebe Bass. Ich glaube, wenn ich das früher gewusst hätte, wäre ich wahrscheinlich Bassist geworden. Und ich erinnere mich auch an einen Produktionsmoment, wo Fabi so ein Gitarrenthema bei "160 characters" drüber geklatscht hat und sagt: "Ja, ist halt kacke gespielt." Und ich meinte nur zu Fabi: Genau das will ich hören! Weil das hatte genau dieses Gefühl von diesem first try. So da quietscht, was: Egal, alles völlig wumpe! Und ich wollte es nicht neu spielen. Ich wollte es einfach nicht neu spielen. Also ich bin der Gitarrist ja eigentlich. Aber ich wollte es nicht neu spielen und...

Markus: Und das macht es glaube ich am Ende auch aus. Also man muss ja selber entscheiden, könnt ja reinhören. Wir hören auf jeden Fall jetzt mal genau, suchen wir mal diese Stelle raus aus der fertigen Produktion von "learn to forgive". Hört mal rein:

SONG / MUSIK: <>

Markus: Ja, ist ein bisschen Entwicklung drin, im Vergleich zur Demo.

Marcel: Ja, eure Soundfinesse, ein im rurton produziertes Drumset, Fabis...

Markus: Ja, Grüße gehen raus an Fabi, hammer Mix, super gut geworden. Ich mag es total, hat er echt toll gemacht.

Marcel: Aber du hängst ja auch mit drin.

Markus: Ja, ihr könnt ihr selber entscheiden. Hört auf jeden Fall rein, "160" könnt ihr schon rund laufen lassen auf den Streamingportalen und ja, "learn to forgive" kommt dann bald, könnt ihr dann auch hören. Genau, "160 characters", gehen wir mal darauf ein, ist schon da. Vor einer Woche erschienen, am 15. Oktober.

Marcel: Also jetzt zurück in die Zukunft, vor einer Woche.

Markus: Wir machen jetzt zurück in die Zukunft, vor einer Woche.

Marcel: Also ich bin noch völlig aufgeregt, weil es noch nicht erschienen ist für mich.

Markus: Okay, wir tun aber so, als wären wir völlig entspannt, ist schon gelaufen.

Marcel: Wir leben in der Zukunft.

Markus: "160 characters", Marcel, was ist da los? Wie 160 Zeichen? Um was geht es da?

Marcel: Also, ich muss sagen, Textfahrplan ist von mir, "106 characters", dieser Ausspruch, wäre ich natürlich logischerweise niemals drauf gekommen, ist Jenny. Natürlich schreibe ich meine meine Songtexte selber bzw. in einer Koproduktion, aber ich hätte es nicht so auf den Punkt bringen können. Ich hätte nicht gewusst, dass man "160 characters", dass das jetzt so eine Metapher für eine SMS ist. Natürlich, da kann man drauf kommen aber ich als deutscher Songwriter, wäre niemals drauf gekommen. Und bei dem Song geht es ja darum, dass ich finde, dass wir manchmal ganz schlecht miteinander umgehen und es gibt ja dieses Phänomen "Ghosting", was ich dann auch erst mal verstehen musste, dass man das so nennt. Also wenn jemand einen aus aus dem Leben rausschmeißt. Ich habe das tatsächlich in meinem Leben ein paar Mal, ich habe ein paar Kontaktabbrüche in meinem Leben gehabt und die waren auch immer an die Musik geknüpft oder sie hatten irgendwie mit der Musik zu tun oder halt in diesem Fall eine Partnerin. Und dieses Phänomen, was man dann macht, habe ich einmal so hautnah erlebt, dass ich das ein halbes Jahr lang nicht verarbeitet habe. Also ich konnte das nicht vergessen. Ich fand das, so ich habe irgendwie, ich habe geblutet, wirklich innerlich, weil ich dachte: Das kannst du doch nicht mit mir machen, du musst doch mit mir reden, du musst mir doch sagen, also jemand war einfach weg. Das ist die Kurzfassung, da müssen wir jetzt wirklich nicht weiter rein. Aber das Gefühl, glaube ich, kennen vielleicht viele Menschen, dass man so den Mensch weg schmeißt. Man kriegt keine Klärung. Da ist ja auch die Zeile "where is the closure in virtuality", dass du halt eben sagst: "Tschüss, bin jetzt weg, das war's". Und das ist halt das Bild: 160 characters or less, so I close the door with a fake smile and got blessed. Mehr bleibt dir nicht mehr übrig. Und das glaub ich, ist auch das, was einen bei diesem Phänomen so krank macht, das Ausgeliefertsein, eben nichts mehr tun zu können. Davon handelt der Song und der ist halt, der hat halt Schmerz, ich glaube, das hört manDie erste Single für mich sollte auch etwas sein, was eine Bedeutung hat, was eine tiefe Bedeutung für mich hat. Bisher kann ich mit Glück behaupten, dass alle diese Songs tiefe Bedeutungen haben, aber auch produktionstechnisch, dass es nur mit dieser Textur vom Marc Rohles anfängt, ich finde das großartig. Ich wollte genau nicht: Jetzt fängt etwas sofort an so: "one, two, three, four, boom", wie eine Band, so wie man es kennt. Sondern ich wollte so ein, Dave Grohl macht ja auch schon mal gern, so ganz kaputt und still anfangen und so habe ich es eher gefühlt. Und ja, jetzt soundmäßig ist ja auch noch mal eine andere Ebene sehr interessant, dass sich da dieses brutale Gitarrengemoshe, mit diesen 80s-kitschigen Strophen fast schon trifft und dann mit einem Bullen Sound halt. Und mit dem Drumset und so, das finde ich schon sehr sehr geil.

Markus: Der 80s Sound bleibt erhalten. Du hast eben gesagt, das ist alles so persönlich. Also was ich auch toll finde, du schreibst nicht über jemanden oder fiktive Dinge, sondern viel aus deinem Herzen. Ja, ein bisschen ist die Frage damit schon beantwortet, aber vielleicht kannst du noch ein bisschen mehr da reingehen. Was sind das für Inspirationen für Texte und Musik? Also Musik folgt immer auch, wahrscheinlich auf die Ideen für Texte. Aber vielleicht kannst du da noch mal was zu sagen.

Marcel: Ja, manchmal macht Musik ja auch ein Gefühl. Und das finde ich gerade in der englischen Musik so gut. Ich bin ja überzeugter Deutsch-Writer und ich muss an der Stelle aber mal eine Lanze brechen für die Sachen, die von Übersee kommen, denn sie haben oft ein Gefühl, auch manchmal, wenn ihr euch mal zurück erinnert an Kindheit, dir fallen bestimmt auch noch Songs ein, die einfach so einen Drive haben oder so ein bestimmtes Gefühl, ganz egal, was das für ein Gefühl ist. Aber du hast eine Ahnung, worum es geht, obwohl es vielleicht gar nicht verstanden ist, was der da singt. Und das ist so was, was ich im Deutschen sehr, also manchmal vermisse, ich will jetzt nicht zu absolut werden, weil ich bin auch der Meinung, dass deutsche Texte handwerklich gut sein müssen, aber mir fehlt manchmal, also ich finde es halt krass dogmatisch auch zu sagen: Erst Text, so die Geschichte, die Story, das muss alles da sein, weil du kämest ja niemals auf: Mein Lieblingsbeispiel ist immer: "Umbrella, Ella, Ella, Eh, Eh" und so.

Markus: Also du bist jetzt da bei phonetischen Sachen und so.

Marcel: Ja, wie zum Beispiel, hör dir einen Linkin Park Refrain an, manchmal hat das so einen, also jetzt für mich persönlich.

Markus: Aber woran liegt das? Hat das was mit der Sprache zu tun? Oder hat das mit unserer deutschen "Einstellung" zu tun, dass wir dann sehr schnell in bestimmte Genre abdriften, wenn wir versuchen, Deutsch dann so zu nutzen.

Marcel: Voll interessant die Frage, aber ich weiß es nicht.

Markus: Nee, ich weiß auch nicht, ich stell mir gerade die Frage, woran es liegt. Ob wir das nur so sehen, weil wir kein native speaker sind, ob wir das so wahrnehmen, weil wir auch manchmal das dann nicht direkt verstehen.

Marcel: Wir wissen es halt nicht. Oder vielleicht denkt der Durchschnittsbürger aus den USA, wenn er Linkin Park hört: "Was macht der denn da für einen Quatsch?!"

Markus: Vielleicht denkt er ja genauso bescheuert und findet das genauso komisch wie wir, wenn wir deutsche Texte hören.

Marcel: Oder er hört Papa Roach und denkt sich: "Jaja, schlitz dich doch auf, was ist denn los mit dir?" Super heftig diese Texte. Das ist eine interessante Frage, also würde mich auch mal interessieren, wenn wenn wir Hörer haben, die dazu eine Meinung haben. Also ich kann nur sagen, als Sänger, also bevor ich gesangstechnisch noch mal eine weitere Welt für mich aufgestoßen hab und eher so der Overdriver, also eher so der laute Rocksänger war, der schwerfällige Rocksänger, da war für mich auch zum Beispiel I's oder U's zu singen sehr unangenehm. Und in der deutschen Sprache gibt es ja sehr straighte Vokale. Also du machst halt selten, was die Amis super gerne machen, wenn ich zum Beispiel, sagen wir mal, ich habe jetzt gerade kein gutes Beispiel, aber man nennt das "vowel modification", also der Klang wird offener. Da geht es dann von nem I auf ein E oder so. Damit das halt mehr knallt. Weiß nicht, ob ich euch für die Shownotes einfach 1-2 Beispiele da rein knallen kann, von Songs, wo ihr das mal gut hören könnt. Ja und dieses Phonetik Ding, ja es hat halt irgendwie gerade wenn man so in so fliegendere Sachen reingeht: Steven Wilson, Linkin Park, was hören wir alles gerne? Ich höre ja auch gerne so atmosphärischer Rock irgendwie und das hat für mich einfach immer so eine unfassbare Energie. Dieses Flie-, ich nenne das immer Fliegen, die Musik, so das muss fliegen, ich mag das total. Das ist so das Stilistische...

Markus: Und das war dann so Inspiration auf der musikalischen Seite so für dich.

Marcel: Total! Und was die textliche angeht, learn to forgive, um einfach ein Konterbeispiel zu machen. Im Grunde genommen, wenn ihr den Text lest oder hört, könnt ihr euch einfach vorstellen: Ich stehe vor meinem Spiegelbild und rede mit mir selbst und ich rede über Wertungen, Abwertungen, über Selbstwert, über Konflikte und in dem Song finde ich total schön, dass er sich ins Positive dreht. Mit der Aussage: "I'll be thinking with my heart now and all the murice that you carry will be gone, rid myself from judgement somehow from now on" Und da steckt ja so ein bisschen das drin: Mach Frieden mit dir selber. Ich denke, viele Menschen in unserer Generation dieser Tage beschäftigen sich mit diesen Themen. Also nicht umsonst ist betreutes Fühlen hip. Stefanie Stahl Bücher, Faith Lindau, whatsoever und viele, viele Bekannte von mir beschäftigen sich mit Meditation, mit all solchen Dingen, weil sie irgendwie mal Ruhe in der Birne haben wollen von dieser wahnsinnig schnellen Welt und den präfrontalen Kortex ein bisschen trainieren. Ja, und da ist so ein bisschen, irgendwie so durch diese Ruhe und durch dieses mich selbst finden kam ich ja auf diese Texte, also die Inspiration... Also wenn man das jetzt total krass zusammenfassen würde und das ist irgendwie witzig und es fällt mir grad selbst erst wie Schuppen von den Augen, ist es eigentlich Stille suchen, einfach mal kurz innehalten und gucken, was ist hier überhaupt los? Wo stehe ich hier gerade? Warum bin ich so aufgeregt? Was ist in mir los? Und so fand ich Antworten.

Markus: Provokative Frage: Will Marcel jetzt in die Charts? Nein Spaß! Ich glaube, jeder würde ja sagen: Ich wünsche mir Erfolg. Aber ich habe mal gefragt, weil wir da oft drüber reden, über solche Sachen. Wünschst du dir erfolgreich zu werden mit der Musik, mit deiner eigenen Musik? Ist ja was sehr Schönes. Und wie würde sich Erfolg definieren?

Marcel: Ich wurde das mal in der Uni gefragt und bin für meine Antwort fast getötet worden. 

Markus: Was hast du gesagt?

Marcel: Weil ich da realistisch geantwortet habe und gesagt habe: Ich glaube nicht, dass meine eigene Musik zur Ernährung meiner Familie führen wird. Und ich habe vor allem gesagt, aber die Frage war auch gemein, weil es gibt ja verschiedene Definitionen von Erfolg, so weißt du, aus unseren tausenden Gesprächen. Und ich glaube, ich möchte mal anders das Fass aufmachen. Wer mich kennt, hat schon mal das Wort Nachbarschaftskonformität gehört. Ich nenne das immer so, wenn man jetzt einen Song schreibt, also sagen wir mal das Naheliegendste, was gerade los ist. Es schneit, schreiben einen Song über Schnee oder man schreibt einen Song über die Liebe oder, jetzt war hier in NRW die Flut, schreibe ich einen Song über Flut. 

Markus: Auch unter dem Deckmantel, immer nicht anecken zu wollen.

Marcel: Genau das, genau das was gerade - Corona Song, lass ein Song über Händewaschen machen oder so. Und natürlich will man nicht, man will sich auch an den Themen der Welt entlang hangeln. Und klar, ich würde ja lügen, wenn mich Klimawandel und all diese Dinge nicht beunruhigen. Ich würde es aber hier in diesem Projekt so sagen: Es geht, und das ist wirklich neu für mich, es geht eigentlich darum, es geht für mich darum, was diese Musik für mich bedeutet und ich glaube felsenfest daran, dass du dadurch ins Räsonieren mit Leuten kommst, die das auch fühlen, dass das eine Botschaft ist. Das heißt, ich habe die Musiklandschaft definitiv nicht aufgegeben und ich glaube, dass man, also Erfolg wäre für mich zum Beispiel jetzt hier im deutschsprachigen Raum, weiß ich nicht, 200er Clubs in paar Städten voll zu kriegen - WOW! Das wäre schon Wahnsinn, ich wäre so dankbar, ich finde es so abgefahren, wenn in Hamburg 200 Leute auf mein Konzert kämen und vielleicht auch noch die Hälfte davon meine Texte kennen würden. Und das würde mir reichen.

Markus: Das ist ein sehr schönes Ziel, ja.

Marcel: Und ich glaube halt, dafür ist es wichtig, diese Konformitätsschiene zu verlassen und nicht zu denken... Das ist doch immer super super interessant, wie Leute, ich bin aus der Eifel, hier ist ja alles sehr viel ländlicher, wie Leute auch reagieren auf Leute von außerhalb. Und diese Leute, die dann, sagen wir mal, etwas anders kultiviert sind, was ich sagen darf, ich gehöre zu denen, ich bin selber oft genug im Bierzelt assi gewesen und so meine ich das auch gar nicht. Es war eine geile Zeit so. Aber wenn du halt, sage ich mal, jeden Samstag auf der Kirmes in den 90ern auf Movie Star getanzt hast und da kommt auf einmal "The Intersphere" und feuert da ab, dann kann das den einen oder anderen schon mal irritieren. Das heißt jetzt nicht, dass du hier keine Leute hast, die geile Mucke hören, aber du hast keine Clubkultur, wie das damals war. Also so Szenen, Leute gehen in Club rein, weil der Club so bucht wie du, das geht ja leider auch alles nicht mehr so krass ab heutzutage und das finde ich so krass, weil: Die Leute, also es ist immer so, ich habe das schon öfter erlebt, auch ich habe das auch schon mal beobachten können bei Kollegen: Sobald die dieses Konformitätsmuster verlassen haben, hat vielleicht der Nachbar und die Schwester nicht mehr kapiert, was du machst aber irgendwelche fremden Leute haben es verstanden, weil du dich davon befreit hast und ich glaube, man muss sich davon befreien, gefallen zu wollen.

Markus: Ja, total. Und ich glaube, das gilt nicht nur für Musik. Aber ich finde, du hast das total gut beschrieben. Aber ich glaube, dass man nur sich dann entfalten kann und ist auch egal, ob du dann am Ende 100er Clubs spielst oder vielleicht nur dreimal im Jahr kleinere Venues, egal, aber du stehst halt dann dahinter. Und das merken die Leute, da bin ich mir auch total sicher und anpassen ist Quatsch.

Marcel: Und du verkaufst es auch ganz anders. Und ich glaube, das zu tun, was aus deinem Herzen rauskommt ist immer der richtige Weg und Gefallen wollen, also hier Kollege Sarb sagt ja immer seit neuestem: "Everybody's Darling ist Everybody's Depp!" Es ist ja, es ist was dran. Das kommt auf deine Ziele an. Wenn du jetzt, was weiß ich, sehr regional oder du hast gewisse Thematiken wie, mir fällt jetzt nichts anderes ein, ich will nicht immer nur das Beispiel Kindermusik bringen, aber wir sind ja relativ nah dran durch unsere Produktionen. Da muss man ganz anders denken, wenn man regional agiert oder so. Aber ich finde, das ist ein ganz interessanter Prozess, sich zu befreien und das ist ein furchtbar spannender Prozess. Und ich muss auch für mich selber sagen, das ist ein furchtbar anstrengender und kräftezehrende Prozess, denn ich habe einfach Angst davor gehabt.

Markus: Ja, du musst dahinter stehen.

Marcel: Ich glaube, ich habe auch akut noch Angst, weil in einer Woche kommt ja erst mein Song.

Markus: Und auf der Bühne ist auch noch nicht. Das verstehe ich auch total. Aber du gehst auf jeden Fall den richtigen Weg. Das ist meine Einschätzung. Also ich glaube, dass genau richtig so.

Marcel: Das ist nett, dass du das noch mal so sagst. Ich glaube auf jeden Fall, dass es völlig natürlich ist, weil du in dem Moment lässt du die Höhe fallen, ich hätte es auch ein Nackt-Selfie posten können und sagen können: Thats me. Deswegen, ich ziehe immer meinen Hut vor Leuten, die so was können. Ich bin ein sehr sensibler Mensch und bin ja auch so sozialisiert durch Eiffel und so. Also ich will das gar nicht, ich möchte das auch gar nicht bewerten. Ich möchte das auch gar nicht abwerten, aber hier achtet man halt auch so oder hat man sehr darauf geachtet, was Nachbarn und Dorf so denken. Da kennen sich die Leute, also wenn du da jetzt irgendwie mit einem Typen mit einem Iro durch die Straßen gingst, der Ketten und Piercings hatte, das war schon was besonderes da und fiel auf.

Markus: Spannend, damit ist die Frage beantwortet: Willst du in die Charts?

Marcel: Eigentlich alles gesagt außer das.

Markus: Aber ich glaube, es ist angekommen. Jetzt kommt eigentlich die verrückte, die dämliche Frage, die immer Leute stellen, wenn irgendwie Musik erscheint oder es ein Debüt gibt oder so, und ich will mich auch nicht ganz ausnehmen davon. Wie würdest du deine Musik einordnen, was ist das Genre? Ich will gar nicht so ein Schubladendenken starten, sondern, du hast eben schon ein bisschen anklingen lassen. Wo sind die Wurzeln? Das glaube ich, reicht schon. Wo sind die Wurzeln? Und was daraus entstanden ist, das könnt ihr selber hören und das dann selber einordnen. Also wir wollen jetzt keine lustige Schublade uns ausdenken. Ich wollte einfach mal darauf hinaus: Kannst du sagen, so was waren deine Einflüsse und was hast du so da reingebracht? Und jetzt ist das glaube ich so eine Mischung aus all diesen Sachen.

Marcel: Ich würde es selber vielleicht bezeichnen als, also emotional, da ist viel Emo Einfluss drin. Es hat was reflektives also textlich geht es nur um Beziehungen zu dir selber oder Beziehungen zu einem engen Menschen. Was das eigentlich auch noch mal unterstützt, weil es so in vielerlei Musik in dieser Richtung so auch darum geht. Ich komme ja selber so ein bisschen aus dem Punk, Hardcore, so in meiner Jugend und habe da auch viele Bretter mit zerlegen dürfen. Und diese musikalische Einordnung: Ich bin ein Kind der 80er, ich liebe 80er, ich liebe 80er Hooklines, Top Lines, ich liebe 80er Popmusik, ich mag auch, wie die komponiert wurde. Ich habe das selber schon oft genug erlebt, wenn man mit mir Auto fährt und ich dann einem erklären muss, warum jetzt irgendwie in "heaven is a place on earth", warum das eine geile Komposition ist, über drei Tonarten.

Markus: Und warum man jetzt alle Fenster aufmachen muss und alle daran teilhaben lassen muss.

Marcel: Ganz genau. Und ich glaube, das ist so ein bisschen die andere Welt. Und wenn man die jetzt zusammenbringt, also die Foo Fighters und halt so eine 80er Popband, also wenn die Foo Fighters und Belinda Carlisle ein Kind kriegen würden - here I am. Wobei man auch ehrlicherweise sagen muss, dass Dave Grohl auch verdammt gut Pop schreiben kann, also wenn man es analysiert, muss man einfach sagen, er ist ein tierisch gewiefter Songwriter, der kann das, der weiß, was er da tut. Das ist nicht nur Understatement und Attitude, also der weiß ganz genau, was er da macht und ist schon ein verdammt guter Songwriter.

Markus: Jetzt hast du es leider schon vorweggenommen. Hast du eben schon mal rausgehauen. Marcel, warum bist du eine Tension-Schleuder? Was ist damit gemeint und wer hat das jetzt etabliert?

Marcel: Ja etabliert hat das. Wir haben ja wahnsinniges Glück mit unseren Praktikanten im rurton Studio immer gehabt und der liebe Marc Rohles, sehr sehr geschätzter Mensch und Musiker.

Markus: Grüße gehen raus.

Marcel: Grüße gehen raus an dich, mein lieber. Wir telefonieren oft noch und haben echt immer schöne Gespräche. Und er hatte halt irgendwie diese Demos gehört und dann rief er mich an und lachte und dann sagt er irgendwie: "Boah, Marcel du bist echt voll, du bist so eine TensionSchleuder" Und dieser Begriff ist halt pappen geblieben. Also man muss sich das so vorstellen: ich kann bei meiner Musik selten einen normalen Dur und Moll Akkord spielen, das muss immer eine Elf oder Kreuz Elf oder irgendein Zeug muss immer drin sein. Und das Interessante ist, glaub ich daran, wenn man darin etwas Interessantes sehen will, dann ist es, dass diese Tensions benutzt werden, ohne dass es diesen einfachen harmonischen Pop-Kontext verlässt. Weil das finde ich geil. Ich finde es eigentlich geil, drei Akkorde so auszubreiten, dass du denkst: "Wow, krass, das ist einfach ein moll Akkord?" Ja, das ist einfach ein moll Akkord. Und das finde ich schön, so simpel...

Markus: So ein bisschen dein Markenzeichen.

Marcel: Es gab mal diesen Katy Perry Song. Also es ist jetzt ein Beispiel, oder zuletzt "The Outfield - The Night Game", großartig, ein Song mit zwei Akkorden und so verdammt viel Atmosphäre. Wow, so eine coole Top Line und Katy Perry hatte auch so ein Ding. Ich glaube "Teenage Dream" war das sogar, so eine richtige Pop Nummer und ich fand die einfach cool komponiert, ich dachte einfach: Wow, das sind einfach nur zwei Akkorde und es sind so, also wenn du den Song mit einer Gitarre hören würdest, würdest ein paar Wörter verändern, du hättest einen "Dashboard Confessionell" Song. Weißt du, du hast halt einen Emo Rocksong eigentlich und das ist das Faszinierende daran. Ich habe das oft erlebt als Songwriter, ich habe auf meiner Festplatte, du kennst das Phänomen auch Markus, ich habe viele Demos, wo ich so sage: Wenn ich den jetzt als Akustikdemo noch mal höre, was ein geiler Song. So und was ist daraus geworden? Ich denke dann so, wenn man von Rihanna "Umbrella", also ich finde den Song jetzt nicht doof oder so, ich meine, das war ja ein Welthit. Aber wenn man den jetzt in der Akustikversion von dem Punkrocker, der ihn wahrscheinlich irgendwie geschrieben hat, hören würde, würde man wahrscheinlich sagen es ist ein cooler Song. So ein bisschen jung, so Simple Plan hätte den wahrscheinlich auch spielen können. Weißt du, was ich meine? Also es sind einfach gute Songs und das ist auch immer so ein Ding, was ich erst sehr, sehr spät kapiert habe, als Musiker hört man Musik aus so vielen verschiedenen Perspektiven und wenn ich jetzt so eine Soundästhetik Phase hatte und fand so neue Produktion total, da konnte ich mir Sting nicht mehr anhören. Da hört man natürlich einen Sting Song und denk mir: Was für ein Wahnsinns Lied und zeig das dann irgend einem Gesangsschüler und der sagt dann: "Ja weiß ich nicht, es ist nicht so was für mich." Und dann merke ich aber immer wieder, wenn du manchmal dranbleibst und hartnäckig bleibst und du gibst jemandem mal so einen Song, dass die Leute dann, das ist ja so ähnlich wie anhalten in der heutigen Zeit, dass sie dann auf einmal merken, wenn sie das singen und wenn sie das mal reflektieren, worum geht es da und dann denkst du so: Guck mal, wenn du den mit Klavier hörst, merkst du auf einmal, was der für eine coole Melodie hat. Und wenn du das halt eben im Umkehrschluss bei vielen Songs machst, dann bleibt halt nichts mehr übrig. Und das ist...

Markus: Schade.

Marcel: Das ist schade. Und dann geht es halt nur noch um unique attitudes, credibility im Rap oder.

Markus: Jetzt hast du Tension Schleuder erklärt aber jetzt kommen wir zur nächsten Abkürzung. Marcel, was ist mit MATM, coole Anlehnung übrigens an RATM, das wird dir gefallen, in Zukunft geplant? Also sind Liveauftritte angedacht? Du hast da schon so ein bisschen was eben gesagt. Und wenn es dann wieder möglich ist, im Moment sieht das ja ganz gut aus, gibt es da auch eine Band oder ist dann marcel and the mess nur Marcel? Gibt es da schon was? Kann man da schon mal erzählen? Gibt es schon einen Termin? Gibt es schon Ideen? Also einfach nur Ideen reichen. Du brauchst da gar nichts Konkretes. Einfach mal so eine Ausschau in die Zukunft.

Marcel: Es gibt noch keine feste Band. Es gibt eine Traum Besetzung. Es ist ja so, gerade die Corona-Pandemie hat meinen Kollegen oder meiner Branche noch mal echt einen Tiefschlag versetzt. Und ich kann total verstehen, dass viele Leute jetzt gucken müssen, wo sie bleiben und nicht gerade so wütig sind, was jetzt neue Projekte angeht. Das heißt, ich bin jetzt noch bisschen am Suchen. Ich glaube, ich habe meinen Traum-Gitarristen gefunden für die ganze Sache. Und dann wollen wir mal schauen, ob meine EP vielleicht auch den einen oder anderen da motiviert, der sich berufen fühlt, einfach für eine coole Sache noch mal was zu starten. Weil darum geht es mir, es geht mir darum, ich würde gerne mit einer Band zusammen schreiben wieder. Ich will das einfach noch mal aufbauen. Ich will würde ganz gern beweisen, dass das immer noch geht. Trotz aller Schwierigkeiten, trotz Corona, trotz allem.

Markus: Das gefällt mir.

Marcel: Und was den den Rest deiner Frage angeht: Es gibt einen konkreten Termin, der ist leider nicht öffentlich. Am 15.01.2022 ist quasi so ein Release Showcase von marcel and the mess. Zusammen mit Maikes Rappelkiste vom Brack Musiklabel, unser Label, also Markus quasi und wir stellen uns da vor und da spiele ich quasi das erste Mal mit ein paar Musikern live und das wird hammer, ich kann es kaum erwarten.

Markus: Ja, das wird spannend, da freue mich auch drauf. Ja, und ich meine darüber hinaus, wenn ihr Marcel auf seinen neuen Profilen folgt, auf Instagram, ihr werdet mitbekommen, wenn Marcel es auf die Bühne zieht. Das wird cool und das wird bestimmt passieren in 2022. Freut euch auf die nächste Single "learn to forgive" und freut euch auf die EP. Zwischendrin, im Jahreswechsel, wird es noch ein besonderes Bonbon geben. Können wir das anteasern? Können wir. Da werden wir uns noch mal hier im Studio mit dieser Combo, die Marcel jetzt gerade zusammenstellt, also mit dieser Band, gibt es eine Live Produktion und die wird als Video veröffentlicht zwischen in den Tagen. Da können ihr euch also sehr darauf freuen. Dann, wenn alle schön im "Weihnachts-Lockdown" sind, wird es einen coolen marcel and the mess Release geben.

Marcel: Und nach Jingle Bells unbedingt wieder Rocksong hören müssen, weil es einfach nicht nicht mehr anders geht.

Markus: Und da ist das die Rettung.

Marcel: Die Glöckchen werden wieder eingepackt. Aber dafür haben wir auch dann so eine Glocke in unserem Song drin. Nein Spaß! Aber wirklich, wer das rausfindet, der kriegt von mir einen Kasten Bier, ohne Witz. Es ist wirklich in einer meiner Songs ein weihnachtliches Percussions-Instrument.

Markus: Oh, okay.

Marcel: Ja, weißt du's?

Markus: Ja, ich weiß.

Marcel: Okay, ich verrate es jetzt nicht. Das fand ich wirklich weird, als die Jungs das gemacht haben. Da dachte ich so: Really, das Ding? Macht man das nicht eigentlich nur bei... ? Jetzt hätte ich es fast verraten.

Markus: Hör mal Marcel, ich denke, das hat doch einen guten Einblick gegeben in was Marcel noch so macht" . Es ist eher anders. Er hat da ganz viele andere Dinge gemacht in den letzten Jahren. Und ich glaube, das ist was ganz Besonderes, was da rauskommt. Ich freue mich wahnsinnig darauf, freue mich auch, wenn ihr rein hört und ein bisschen Feedback gibt. Ähm ja, ich finde es schön, dass wir eine Folge dazu dazu ausgesucht haben und auch eine daraus gemacht haben, wir mal unseren Gastgeber verlassen haben und Marcel mal mein Gastgeber war. Ja, dann würde ich sagen, kommt mal wieder unser obligatorisches:

Beide: 3... 2... 1... REINGETACKERT!

Markus: Worin wir besser werden müssen, es ist keine Lösung, immer nur eine Flasche Bier mit zu bekommen.

Marcel: Hast du Jerks geguckt?

Markus: Ja, Jerks habe ich geguckt.

Marcel: Was geben wir denn diese Woche für eine Empfehlung raus? Auf jeden Fall schon mal Klosterbräu, kann man machen, kann man mal 2-3 von trinken.

Markus: Das ist das Stichwort, wir brauchen jetzt noch eins.

Marcel: Ich war nochmal im Kino, ich habe Dune geguckt.

Markus: War super oder? Ein guter Trailer.

Marcel: Der Trailer war Wahnsinn. Ich hatte das Buch gelesen, das war glaube ich der Fehler. Was für ein mords Cast, was für krasse Schauspieler. Und dann dürfen die quasi nicht reden, also so habe ich es empfunden.

Markus: Ist auch quatsch, ist auch zu teuer die reden zu lassen.

Marcel: Und dann hat der so Potential. Wahnsinn. Aber guckt den trotzdem, wenn ihr auf Kino steht, ist geil.

Markus: Ist Popcornkino.

Marcel: Genau, Laserschwerter... Naja das nicht aber es ist so. So, was gucken wir denn jetzt?

Markus: Wir können ja mal das Original gucken.

Marcel: Übrigens mit Sting!

Markus: Ja, so schließt sich der Kreis

Marcel: Und Toto hat den Soundtrack gemacht. Ach komm, das ist einer zu viel. Nicht Reingetackert, sondern Reingedübelt jetzt hier. 

Markus: Tschüss, Leute!

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