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Sprachsensibilität - Maike Toussaint und Martin Benninghoff [019]

INHALT

In dieser Folge sprechen wir mit Maike Toussaint, Kinderliedermacherin bei unserem neuen Label miniBRACK! music und Martin Benninghoff, Journalist bei der FAZ, Musiker und Buchautor, über Sprachsensibilität.

Pädagogisch und politisch korrekte Texte zu schreiben, ist für Songwriter, als auch für Journalisten in der heutigen Zeit wichtiger denn je.

Was darf man schreiben?

Was sollte man lieber nicht schreiben?

Wie wichtig ist Sprache und was kann sie auslösen?

Wie geht man als Künstler/ Journalist damit um?

Eine echte Gratwanderung.

Ihr wollt wissen, was die beiden zu diesem sensiblen Thema zu sagen haben und was Maikes Song „Niemand lernt aus“ damit zu tun hat?

Hört rein!

(Foto Credit: Christoph Jakob)


SHOWNOTES


TRANSKRIPT

Marcel: Herzlich willkommen zu Reingetackert, dem Audio Podcast vom rurtonproducing Team, heute mit zwei ganz besonderen Gästen. Die eine Gästin ist eigentlich gar kein Gast mehr, denn schon so nah an uns dran und so lange schon zusammengearbeitet. Die liebe Maike Toussaint von Maikes Rappelkiste und die hat heute ein cooles Thema bzw. war der Anstoß für diese ganze Folge, durch einen Songtext von ihrem neuen Album. Als Gast bin ich besonders froh und stolz, euch präsentieren zu können: Martin Benninghoff, alter Bekannter von mir. Unsere Wege haben sich genau durch jenen Songtext von Maike wieder gekreuzt. Er ist Journalist bei der FAZ und wir sind sehr froh, dass er heute da ist, um mit uns über Songtexte, Sprachsensibilität und all das, was da so dranhängt, zu reden.

Markus: Du kannst dir sicherlich vorstellen, so ein Podcast braucht ganz schön viel Zeit und auch Muße, um das irgendwie hinzukriegen. Deswegen freuen wir uns, wenn ihr uns unterstützt, entweder durch eine Paypal Bezahlung auf unser Paypal.me Konto (alle Infos dazu findet ihr in den Shownotes) oder uns einfach ein Abo da lasst bei Apple Podcast oder auch natürlich bei Amazon, wie ihr wollt, da freuen wir uns sehr.

Marcel: In den Shownotes findet ihr wie immer alle wichtigen Infos zu Maike, zu Martin und zum Thema. Und ich würde einfach mal sagen, fliegen wir einfach mal in die Folge rein. Ja, Martin, als ich dich das letzte Mal live und in Farbe gesehen habe, da haben wir zu späterer Stunde auf einer Hochzeit eigentlich den halben das Boot Film zitiert und uns Sprüche um die Ohren gehauen. Ich habe selten so gelacht wie mit dir und deinen Band Jungs. Jetzt haben wir dich hier, Buchautor, mit seinem Kollegen zusammen von Soundtrack Deutschland, FAZ-Journalist und natürlich auch Musiker. Er hat selber ein vierjähriges Kind, einen Sohn. Das ist für später noch wichtig. Hallo Martin, wir begrüßen dich, ganz toll, dass du dir Zeit genommen hast. Vielen Dank. Wie geht es dir?

Martin: Hi erstmal, mir geht es sehr gut. Freue mich sehr dabei zu sein. Bin gerade sozusagen am Ende des Tunnels einer Arbeitsabgabe und freue mich einfach mal wieder ein bisschen plaudern zu können, über ein plauderigers aber auch ernstes Thema.

Marcel: Das finde ich super schön. Ja, unsere Wege haben sich wieder gekreuzt nach längerem Nicht-Sehen. Als ich dann eine ziemlich konkrete Frage an dich hatte, ergab es einen wunderschönen Auslöser für diese Podcastfolge. Und zwar haben wir uns bei einem Songtext die Frage gestellt, ob man folgendes Zitat bringen kann: "Kennen Indianer wirklich keinen Schmerz?" Darum ging es in einem Kinderlied. Und dann habe ich dich einfach mal angerufen und habe dich um Rat gefragt. Und die Dame, die diese Zeile singt, die haben wir heute Abend auch hier, das ist Maike Toussaint. Selbst Kinderliedermacherin, Schauspielerin, Erzieherin, auch dich begrüßen wir ganz herzlich. Maike, schön, dass du da bist. Wie geht es dir?

Maike: Ja, danke für die Einladung. Danke. Mir geht es gut.

Marcel: Das ist schön. Wir haben ein ganzes halbes Jahr an deinem Album "Keine Langeweile mehr" zusammen gearbeitet, schon wahrscheinlich ein paar Monate mehr dran geschrieben. Magst du uns mal ganz kurz einen kleinen Überblick geben, was in diesem Album irgendwie wichtig für dich ist, so paar Eckstationen und wie es dann zu diesem Song kam.

Maike: Ja, wie du schon gesagt hast, bin ich ja gelernte Erzieherin und selber auch Mutter von zwei Töchtern und habe natürlich in all den Berufsjahren und auch den Jahren mit den Kindern zu Hause ziemlich viel Kindermusik gehört. Gute und auch für meinen Geschmack eher weniger Gute. Und ich hatte einfach Lust mal ein modernes frisches Kinderalbum zu schreiben. Und da ich halt auch Pädagogin bin, war es mir natürlich wichtig irgendwie naja, nicht mit erhobenem Zeigefinger Texte zu schreiben, aber doch irgendwo neben dem Spaßfaktor auch irgendwie immer eine Botschaft vermitteln zu können.

Marcel: Jetzt kamen wir in der Produktion an diesen wunderbaren Punkt. Eine Sprecherin war im Studio und hörte diesen Song "Niemand lernt aus". Was sind die beiden entscheidenden Zeilen, die dazu geführt haben?

Maike: Genau, "Niemand lernt aus" hat sich dann ja irgendwie zu unserem Aufhänger-Song von dem Album entwickelt. Die Idee war einen Sesamstraßen-Song zu schreiben, also ein Wer-Wie- Was-Song. Im Prinzip geht es darum, traut euch Fragen zu stellen. Also jeder der Kinder hat, Martin, das wirst du mit einem vierjährigen Sohn glaube ich bestätigen können, kommt irgendwann an die Phase der Warum-Fragen, wo Kinder nicht aufhören zu fragen: "Warum?" "Warum?" "Wie ist das?"

Marcel: Ja, macht Markus ja heute noch. Markus: Genau, man kennt das.

Maike: Egal wie motiviert man ist, diese Fragen zu beantworten, kommt man irgendwann an den Punkt als Erwachsener, dass man einfach sagt "Darum, das ist halt so!". Und weil und das ist nämlich der Punkt, weil wir es selber nicht wissen, wir wissen selbst keine Antwort mehr, denn auch wir Erwachsenen wissen nicht alles. Für Kinder ist es irgendwie, sind Erwachsene so große Heilige, die alles wissen, die auf alles eine Antwort haben. Und darum ging es im Prinzip in dem Lied, zu zeigen nee, niemand weiß alles und trau dich einfach Fragen zu stellen.

Markus: Jetzt kam natürlich die Frage auf, bei diesen Sprachaufnahmen - "das ist ein total schöner Song" - weil sie hat so ein bisschen Feedback gegeben zu den Songs und dann kam so - "aber sag mal diese eine Zeile da, mit den Indianern, da würde ich schon mal drüber nachdenken". Sie war ganz vorsichtig, sie hat nicht gesagt - "das kann man nicht machen" - sondern eher so - "ist das schon final?" - war die erste Frage - "ist es schon gemischt?". Und wir so: "ja es ist schon gemischt aber es ist eigentlich schon fertig so". Und da, damit hat sie eigentlich was losgetreten, dann waren wir nämlich auf einmal selber unsicher. Und damit ging so alles los. Erst dachten wir so: "ja, schon, wollten wir eigentlich so machen". Und das war dann an dem Tag und dann haben wir das erstmal sacken lassen. Dann haben wir ein paar Tage später hier wieder gesessen, in großer Runde. Wir drei, Marcel, Maike und ich und haben uns gefragt "ja, weiß ich nicht", also müssen wir das überdenken. Und da, glaube ich, ist der Moment, wo Marcel dann auch Martin angerufen oder geschrieben hat. Und dann, haben wir das mal versucht zu analysieren.

Marcel: Er hat es Gott sei Dank für uns gemacht. Ich hatte Martin dann am Hörer. "Kennen Indianer wirklich kein Schmerz?" Ist eine Reihe von Fragen in diesem Songtext und Martin, dann hatte ich dich Gott sei Dank noch schnell erwischt und konnte dich mal fragen. Und ich glaube dein erster Impuls war, weißt du das noch, hast du das noch auf dem Schirm?

Martin: Keine Ahnung mehr, aber sag es mir.

Marcel: Hast keine Ahnung. Ja, ich weiß noch, dass du meintest, ja, intellektuell ist das eigentlich richtig gedacht. Also ist eigentlich in Ordnung, kann man machen. Aber wenn man halt die Debatte irgendwie verhindern will, um das Wort, dann kann man es schwer infrage stellen. Und da haben wir dann Gott sei dank auf dich gehört. Damit ging dann das Problem Sprachsensibilität los und hier war die Auswirkung einfach, dass wir die Zeile abgeändert haben in... Wie ist die Zeile jetzt?

Maike: "Sagt man Indianer und kennen die keinen Schmerz?" Wir haben also eine Frage draus gemacht.

Marcel: Ah ja, das schien uns, du musstest ja zum Flughafen glaub ich an dem Tag. Markus: Es war ein wenig Zeitdruck.

Maike: Es war ein wenig Zeitdruck, also es war der Tag, an dem es in den Urlaub ging. Und wir haben also die Nacht davor alle Ideen gewälzt, was wir daraus machen könnten, wie wir es umstellen, um einfach den Konflikt, der damit aufkommen könnte, zu vermeiden. Dann haben wir das aufgenommen, dann bin ich nach Hause gefahren, um meinen Koffer zu packen. Und als ich quasi zu Hause ankam, kam die Frage wieder auf: Aber will man es so wirklich vermeiden? Ist es wirklich das, was wir wollen? Wollen wir dem Konflikt einfach aus dem Weg gehen, weil es einfach ist? Oder gibt es einen vielleicht noch besseren Weg, damit umzugehen?

Marcel: Da gibt es bestimmt ein paar interessante Thesen zu, hier aus dem Team, wenn ein Audionerd, eine Kinderliedermacherin, ein Journalist und ein Songwriter zusammensitzen. Ja und jetzt besonders spannend Martin, wir hatten uns kurz mal unterhalten vorher. Ich finde es echt extrem spannend, mal von außen eine Meinung zu bekommen. Du bist Journalist, du schreibst viele Texte, wie ist dein Blick von außen auf diese Welt? Shitstorm, Sprachverständlichkeit, pädagogisch politisch korrekte Texte? Ich frage mal ganz offen.

Martin: Hm, ja, das ist sozusagen mein täglich Brot, jetzt geht es gar nicht um um Songtexte in meinem Fall. Das kann auch mal sein, sondern natürlich um andere Texte, auch um Texte über Kinderbücher, das ist ja auch wieder so eine Debatte immer. Da kommen wir vielleicht gleich auch noch zu. Welche Begriffe nimmt man, um bestimmte Gruppen der Gesellschaft zu beschreiben? Für Journalisten wie mich ist es immer wieder eine Frage: Was nennt man eigentlich in Bezug auf Täter, in Bezug auf Kriminalität? Gibt es da die Regel, die Pflicht, Migrationshintergrund zu nennen oder wenn nicht, unter welchen Bedingungen dann nicht? Also habe ich eigentlich jeden Tag und es ist sehr schwierig. Und zwar deshalb, weil man ja oftmals ad hoc und in kurzer Zeit, jetzt nicht mit dem Vorlauf eines Songwriting-Prozesses, wo ihr euch ja auch viele Gedanken machen könnt, dann noch reagieren muss und dann auch im Grunde genommen manchmal nach 10 Minuten verprügelt wird. Und verprügelt meine ich jetzt natürlich im übertragenen Sinne. Aber auf Twitter geht es natürlich voll zur Sache, weil da ist halt schwierig eine Debatte zu führen, da geht es halt nur: "bist du für mich?", "bist du gegen mich?" und dementsprechend wird auch hart geholzt.

Marcel: Wahnsinn.

Markus: Gilt das denn wirklich für jeden jeden Artikel, den du schreibst? Wie taucht der auf Twitter auf? Macht das dann deine Zeitung und stellt das selbstverständlich ein oder oder stellst du dich da der Debatte oder der Öffentlichkeit, in dem du quasi das auch ansprichst im Tweet oder wie passiert das?

Martin: Prinzipiell gehen hier alle Artikel, die man bei einer Zeitung schreibt, online raus und dann auch über den Twitter-Account der Zeitung raus. Also wirklich jede Kleinigkeit, automatisch! Und da gibt es so ein paar Themen, die besonders triggern und diese Identitätsdebatten-Themen sind halt total gut laufend. Ich meine, das kann man positiv sehen, weil das natürlich viel "Einschaltquote" gibt. Aber es ist halt auch schwierig, weil die Leute in aller Regel nur diese Twitter Teaser lesen und den Artikel gar nicht dahinter. Das heißt also selbst wenn wir die Debatte anfangen wollten, dann reden wir eigentlich nur über Schlagworte. Und das ist das, was ich eben auch meinte, in eurem Fall. Du bist halt sofort in so einer Debatte, wo du noch versuchen kannst zu differenzieren, aber es wird dir kaum gelingen. Und das ist ja das Hauptargument zu sagen: Okay, wir ersparen uns die Debatte, auch wenn es vielleicht inhaltlich nicht richtig ist.

Marcel: Verstehe. Das geht eigentlich auch so in diese Richtung: Bewusst falsch verstanden werden. Das heißt, wenn man dir mit so einem Thema irgendwie ans Bein pinkeln will, dann kann man es eben auch machen. Wenn du den Bogen nicht groß genug machst, wahrscheinlich.

Martin: Ja genau, du hast halt je nach Thema sofort eine Meute von Rechtsextremisten an der Hand. Oder halt auch, ich will das jetzt nicht gleichstellen, aber du hast auch auf der anderen Seite auch eine starke emotionale und oftmals sehr ungerechte Beteiligung an Debatten. Wenn wir noch mal auf das Beispiel Indianer zurückkommen, dann würde dich jetzt keiner fragen: "Erklär mir doch bitte mal, warum möchtest du das Wort Indianer unbedingt verwenden?", sondern du würdest vielleicht gleich des Missbrauchs beschuldigt. Also da gibt es Texte in Blogs, im Internet, wo einfach auch Mütter oder Väter irgendwelchen Familienblogs schreiben: Das ginge gar nicht, weil man sozusagen damit ja auch ganze Volksstämme missbrauchen würde. Und ich finde, das ist halt so hochgejazzt direkt, dass es halt schwierig ist, darüber zu reden, das erscheint mir zu dick aufgetragen zu sein. Und das merke ich halt in der Debatte immer wieder.

Markus: Das ist ein Problem glaube ich grundsätzlich, in der Öffentlichkeit diskutiert man mittlerweile, man versucht nicht, das wirklich mal runter zu pumpen, das Emotionale. Und dann mal irgendwie wirklich das zu diskutieren, was auf dem Tisch liegt, sondern, wie du sagst, man steigt halt oben ein und dann hast du schon gar keine Basis mehr um zu diskutieren.

Martin: Und ich finde es eigentlich total gut, wenn man darüber redet, weil was glaube ich ganz schlecht ist und das merke ich immer wieder so ist mit so einem Knoten im Hals durch die Welt laufen. Ich glaube, da haben wir grundsätzlich echt ein Problem mit oder viele zumindest, das so Themen rumwabern aber nicht besprochen werden. Bis auch an die familiären Tische, an die Wohnzimmertische. Und irgendwann bricht sich das dann Bahn, das ist ganz schlecht. Das sind eigentlich gerade ja Debatten jetzt, die man unbedingt führen muss, weil unsere Gesellschaft sich ja irgendwie gerade verändert und wir uns da immer wieder auch selbst ein Stück weit so verorten müssen. Also wenn ein Land vielfältiger wird, dann muss man eben auch mit anderen Sensibilitäten umgehen. Da kommt halt so ein Thema auch, worüber unsere Großeltern noch gar nicht nachgedacht haben. Das ist eigentlich eine gute Sache, finde ich.

Marcel: Das ist auf jeden Fall eine gute Sache. Aber stimmt schon, wir haben da so eine Kultur, so eine Streitkultur entwickelt, wo es halt viel um Rechthaben geht und wo so richtige Grabenkampf- Positionen irgendwie dann eingenommen werden. Es ist schon extrem gerade.

Markus: Aber auch viel schwarz weiß und nicht sehr differenziert, das ist immer das Problem.

Maike: Und sehr wertend. Ich wollte da eigentlich ganz gerne sogar noch was zu sagen, weil du mir da eigentlich grad tatsächlich so ein bisschen auch vorweggenommen hast. Ich habe mir nämlich auch die Frage gestellt. Es ist ja die eine Sache, ob man im Privaten auf der Geburtstagsfeier von Oma darüber diskutiert oder ob man eben eine Person des öffentlichen Lebens ist und so ein Thema anstößt oder eben nicht. Und für mich war dann eben der Punkt, dass ich gesagt habe: Okay, also es ist für Kinder. Also ist Totschweigen finde ich einfach irgendwie auch nicht richtig. Darüber hinweggehen und es ignorieren, das ist auch der ganz falsche Zeitpunkt. Und deshalb eben dann der Versuch, dass wir gesagt haben: Lasst es uns aufweichen und lasst uns im Prinzip genau das daraus machen. Nämlich eine Frage: Sagt man Indianer und kennen die keinen Schmerz? Und somit quasi den Kindern sogar den Impuls zu geben: Fragt mal nach! Also vielleicht bin ich beim ersten Mal hören, aber beim zweiten, dritten Mal hören in die Frage tatsächlich mit den Eltern, mit mit der Oma zu gehen: Warum soll ich denn nicht Indianer sagen? Und quasi damit den Anreiz zu geben, das Thema mal auf den Tisch zu packen.

Marcel: Steckt ja auch noch ein ganz interessanter zweiter Aspekt in dieser Zeile drin. Kennen Indianer wirklich keinen Schmerz? Ist ja im Grunde genommen nichts was, was wir irgendwie, womit wir wirklich auf Indianer aufmerksam machen wollten, sondern was, dieses Sprichwort hat ja sein Ursprung eigentlich eher in so einer männlichen Sozialisation. Also Jungs dürfen nicht weinen und all sowas. Das ist ja auch so dein Thema als Erzieherin, was du da auch rein streuen wolltest, oder?

Maike: Ganz genau, richtig, ja.

Marcel: Ja, spannend. Martin, ich würde dich ganz gern mal fragen, so als Fachmann, weil du schaust ja wirklich mit ganz anderen Augen noch mal von von außen drauf, da können wir definitiv nicht mithalten. Thematik: Sprache. Was kann Sprache auslösen? Was kann Sprache verändern, wenn man mal so eine Exkursion zum Thema Gendern macht? Es kann ja auch ein erster Schritt zur Verbesserung sein, auch wenn es vielleicht irgendwie eine sperrige Debatte gerade ist. Wie schaust du da drauf? Gendern, Sprache als Veränderung von gesellschaftlichen Themen?

Martin: Ja, also das ist jetzt so eine Binsenweisheit, aber Sprache prägt das Bewusstsein, ich glaube, das ist uns allen ziemlich klar. Und wenn wir zum Beispiel keine Wörter haben für irgendeinen Sachverhalt, dann fällt uns das wahnsinnig schwer, das eben auch zu denken. Und das merkt man halt auch bei dieser Gender-Debatte sehr, sehr stark. Ich habe jetzt gerade zum ersten Mal einen langen Text so durch gendern müssen, weil das eben eine Masterarbeit ist und man das an den Universitäten, glaube ich, unbedingt auch befolgen sollte, weil man sonst durchfällt. Und da ist mir doch so manches noch mal klar geworden. Also es gibt ja diejenigen, die sagen Gendern ist blöd, weil das generische Maskulinum, also die männliche Form, eben alles mitdenkt. Und das kann ich auch gewissermaßen nachvollziehen, wenn das jemand sagt. Aber man merkt doch sehr stark, wenn man mal gezwungen ist zu gendern, dass man plötzlich ganz anders drüber nachdenkt und Frauen viel mehr mitdenkt, als man es vorher getan hat. Und das ist einfach eine Sache, die man mal erleben muss. Und das war für mich so ein Aha-Effekt, ich bin auch manchmal von dieser Gender-Debatte genervt. Und ich bin auch manchmal genervt, wenn Leute das so tausendprozentig sehen. Es entspricht auch gar nicht so meinem Naturell, immer alles tausendprozentig zu sehen. Aber da ist schon, glaube ich, was Gutes dran, das habe ich gemerkt, dass es in die richtige Richtung geht, dass man sich über ein paar Dinge noch mal Gedanken macht. Und wir reden ja hier nicht über eine Minderheit, sondern wir reden über 50% der Menschheit.

Markus: Aber da möchte ich direkt mal reingrätschen, weil wir haben im Vorgespräch heute morgen darüber auch gesprochen und was ich mich gefragt habe, jetzt, wo du als Profi oder gerade in so einer Masterarbeit: Kannst du das durchgehen, den Text und kannst dann wirklich sagen: "so, jetzt habe ich das zu 100% befolgt" oder gibt es immer Stellen, wo du sagst: "ja, man könnte es jetzt so ausdrücken, oder man kann es mit dem männlichen oder weiblichen Wort ausdrücken oder ja, ich umgehe das, weil ich das hier jetzt eher umschreibe"? Also gibt es verschiedene Formen oder verschiedene Level, wie man es halt macht oder sagst du: "nee, das ist total klar, man geht da durch" oder gibt es da schon Abstufungen?

Martin: Würde ich gerne sagen, aber bei mir war es striktes Anfänger-Level. Also es geht ja erst mal darum, dass du dir überhaupt weißt, was ist ästhetisch für dich? Machst du das jetzt mit dem Sternchen oder dem Doppelpunkt? Ich habe dann angefangen mit dem Doppelpunkt und nach dem 500. Wort fand ich das total blöd und hab dann das Sternchen überall wieder ersetzt. Das sieht irgendwie besser aus, fragt mich nicht warum. Keine Ahnung. Und ich war blutiger Anfänger, ich musste teilweise, es gibt ja so Homepages dazu, mal nachsehen, wie man das eigentlich richtig gendert und ich habe mich auch ein paar Mal drum herum gedrückt. Es gibt, wenn man halt sozusagen diese geschlechtslose Form nimmt, die klingt aber in aller Regel auch total blöd.

Markus: Im Zusammenhang dann, denk ich mal wahrscheinlich.

Martin: Ja genau, aber da habe ich mir manchmal so ein bisschen geholfen mit: Ja, ich war unsicher. Also äh, vielen geht es ja so mit der Rechtschreibreform damals, da waren die unsicher, jahrelang danach. Das war eigentlich nie mein Problem, weil ich damit so halb aufgewachsen bin. Aber das ist jetzt schon auch eine Art Verunsicherung, aber kommen wir durch.

Markus: Das heißt extern auferlegt ist das ja jetzt durch deine Zeitung nicht, dass es irgendwie diese Ansage gibt: Wir machen das jetzt so. Also ich kenne das halt bei Sprechern, beim WDR gibt es halt ganz klar die Vorgabe: Wie spricht man ein Wort aus? Wie halten wir das immer? Das gibt es bei euch also dann nicht in der Zeitung, das heißt, ihr steht da schon frei?

Martin: Ich bin ja Angestellter der FAZ und die FAZ ist ja in solchen Fragen gesellschaftspolitisch auch eine konservative Zeitung und macht das bislang noch nicht mit. Ob das immer so bleibt, weiß ich nicht genau, aber zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht. Und dann muss ich mich natürlich dran halten. Aber es gibt durchaus auch Konflikte innerhalb des Hauses, da erzähle ich jetzt glaube ich keine Interna, wenn ich das sage. Also es gibt interne Mailings, geschrieben von jungen Frauen, wo nicht alle so ganz glücklich darüber sind, die halt das Gendern so ganz normal in Fleisch und Blut haben oder so. Also das geht auch im Kleinen los schon diese und diese kleinen Kämpfchen sozusagen. Aber es ist es ist alles im Rahmen bei uns.

Marcel: Ja, es scheint mir ja so zu sein, dass das ist so, es ist ein Prozess halt. Es ist etwas Progressives und irgendwie ist ja wie bei ich weiß es nicht, es gibt ja noch andere ambivalente Themen: Elektromobilität oder so

Markus: Und das ist halt am Anfang so geführt. Was aber wichtig ist, dass es überhaupt in die Öffentlichkeit gerät, glaube ich, dass man drüber redet. Das ist ja das, was du auch beschreibst, dass man dadurch, dass man es mal macht, dass es einem bewusst wird und dann man auch anders da drauf guckt. Das reicht schon, glaube ich. Es darf nicht so enden, dass man nachher auf Twitter dafür gegeißelt wird, wenn man sowas dann halt durchzieht glaube ich, das will dann keiner. Aber das es alleine schon in das Bewusstsein kommt der Leute, das reicht schon.

Maike: Ja, definitiv, also wenn ich jetzt noch mal so auf unser Grundthema zurückkomme. Meine Kinder haben das ja auch mitbekommen, die dieses hin und her, mach mal das, mach mal nicht. Was können wir machen? Was können wir stattdessen machen? Und für die war das vollkommen unverständlich, warum wir darüber eine Diskussion führen. Und denen musste ich erst mal das Grundthema erklären. Für die waren Wörter, die heute aus unserem Sprachgebrauch verschwunden sind, also Gott sei Dank wie "Neger" oder "Schlitzauge. Das benutzt man heute nicht meh, das hat man aber vor 50 Jahren oder noch weniger wie selbstverständlich benutzt.

Und ich habe meinen Kindern einfach das erst mal erklären müssen und versucht ihnen klarzumachen, dass es unsere Aufgabe ist, dass das weitergeht. Also jetzt ist eben Zeit für den nächsten Schritt. Und ich glaube, dass man das erreicht, wenn man jetzt in diesem Fall die nächste Generation dafür einfach ein bisschen sensibilisiert. Und verstehe mich nicht falsch, ich bin auch kein Freund davon es immer komplett zu denken und komplett fehlerfrei bei diesem Thema durch die Welt zu laufen. Aber jetzt gerade darauf bezogen, jetzt bezogen auf die Kindermusik und einem so kindlichen Thema wie jetzt zum Beispiel den Indianer, fand ich es eben total gut, als ich dann bei meinen eigenen Kindern gemerkt habe, was man damit antreten kann.

Marcel: Ich finde, ich finde das so interessant, wo das so hinführt. Lustigerweise, Martin, du hast das nicht mitgekriegt, wir hatten ja eben noch ein Vorgespräch. Ich hatte dann von Lanz und Precht den Podcast gehört und zack, da sprachen die doch tatsächlich vor einer Woche über Indianer und über eben genau jenes Thema. Und dann bin ich ein bisschen hellhörig geworden. Und dann ist mir doch aufgefallen, dass die Debatte auch ganz oft in so eine interessante Richtung fliegt. Und dann sind wir, glaube ich, wieder genau bei dir und bei Twitter. Nämlich dieses interessante Argument, dass die Meinungsfreiheit in Gefahr wäre. Und ich finde das auch so spannend, das scheint ja auch so ein gesellschaftliches Ding gerade zu sein, Positionen unterscheiden sich ganz hart. Aber das Argument ist dann: Das ist jetzt hier die linke Seite der Medaille und das ist die rechte Seite der Medaille und es gibt nur schwarz und weiß. Und ich finde aber so spannend, dass diese Leute dann oft erwarten, dass es kein Widerspruch zu diesen Positionen gibt, weil es gibt ja Debatten darüber.

Markus: Und dieses Argument Freiheit heißt...

Marcel: ...ja nicht, dass du deine Meinung äußerst und jemand sagt: "Wow, Applaus!"

Markus: Und das ist kein Holzhammer Argument, das ist jetzt nicht so, ich haue das jetzt mal raus und deswegen darf ich das sagen, genau so eine Debatte.

Marcel: Kriegt ihr diese Anschuldigung auch oft? Hashtag Ausländer oder Leute mit Migrationshintergrund, du sprachst es eben mal kurz an. Da gibt es dann wahrscheinlich auch so Gruppen, die sofort auf so einen Artikel einschlagen oder?

Martin: Zensur wird da immer gerufen. Die Leute wissen aber gar nicht, dass Zensur nur eine staatliche Sache ist. Das muss man mal sagen. Nur der Staat kann zensieren. Alles andere ist keine Zensur, sondern da geht es da wahrscheinlich um so Dinge wie soziale Sanktionen. Wenn ich jetzt im Wahlkampf mit AfD Leuten spreche, was ab und an vorkommt, dann wollen viele von denen ja auch immer noch Neger sagen. Du hast eben das Wort schon mal gesagt, ich sage es auch noch mal. Das ist von den älteren AfD Leuten, mit denen ich mal spreche, die führen da immer noch einen Abwehrkampf. Und dann sagen die das und dann wundern sie sich, dass sie wahnsinnig viel Gegenwind bekommen. Bis allerdings auch dahin, das muss man auch eingestehen, dass sie am Arbeitsplatz ihre Parteizugehörigkeit verschweigen, weil sie ansonsten gedisst werden, ihre Kinder in der Schule blöd angemacht werden. Und das muss auch nicht sein. Aber davon mal abgesehen, die erwarten sozusagen alles noch sagen zu dürfen und sie dürfen es ja auch sagen, aber sie erwarten dann halt keinen Widerspruch zu bekommen. Das ist das, was ihr gerade meintet. Das kann man natürlich bei solchen Punkten nicht mehr tolerieren, weil damit mit dieser Neger-Debatte, N-Wort-Debatte sind wir ja eigentlich durch, so ist zumindest mein Eindruck, ist auch schon ein paar Jährchen her. Jetzt gibt es natürlich so andere Wörter und da würde ich sagen, da ist auch so ein bisschen so Geschäftskonzept, zu sagen, ich darf ja nichts sagen. Also ich erinnere mich nur mal so an Thilo Sarrazin vor zehn Jahren mit seinem Buch "Deutschland schafft sich ab". Der hat immer rum posaunt, er dürfe ja im Grunde genommen das alles nicht sagen, bzw. er sei die Stimme derer, die nicht sagen dürfen und macht dann sein Vorabdruck gleich in der Bild-Zeitung. Also dem größten Medium. Das ist so absurd, aber trotzdem hat das damals offenbar in diesen gewissen Ton getroffen, dass manche Leute das Gefühl haben, nichts sagen zu dürfen.

Markus: Ja, du hast das schon ausgeführt, eben diese Freiheit, diese Definition von Freiheit und was darf ich sagen, was n, ist halt ad absurdum geführt dadurch. Das passiert aber immer wieder, auch in kurzen Passagen. Nur finde ich, wenn man Interviews im Fernsehen sieht oder eben auch dann schriftlich, wird das halt immer wieder angeführt, ich darf das sagen und das sind halt zwei verschiedene Paar Schuhe. Ja, ist interessant.

Martin: Wir müssen es jetzt ja durchdeklinieren bei solchen Wörtern wie wie Indianer oder so, das ist jetzt ein aktuelles Beispiel.

Marcel: Und ist doch eigentlich auch schön, so eine Debatte zu führen und da mal die Positionen zu beleuchten. Maike, kann man als Mission betrachte solche Fragen zu stellen oder? Und es gibt ja auch einen Mamagai in deinem Song, richtig?

Maike: Ja, durchaus. Also in dieser Form fühle ich mich jetzt auch sehr wohl damit und bin auch gerne bereit, dann mit Interessenten in diese Debatte zu gehen. Ich glaube, wenn wir den Satz im Ursprung gelassen hätten, hätte ich dann doch Sorgen gehabt, vielleicht einfach was anzutreten, was ich gar nicht wollte. Also etwas, was vielleicht unbedarft einfach war und mich nachher für etwas rechtfertigen zu müssen, was mir dann vielleicht unterstellt wird, was gar nicht der Fall ist.

Markus: Falsch verstanden zu werden.

Martin: Ich finde, du hast das auch echt gut gelöst. Sollte der Song ein Klassiker werden, wird man ihn, wird man die Zeile vielleicht in 20 Jahren nur nicht mehr verstehen.

Markus: Stimmt, das wäre der einzige Einwand sozusagen.

Maike: Genau diese Frage habe ich mir gestellt. Also es war tatsächlich meine Frage, die ich dann so meiner Familie auch gestellt habe, war: Jetzt gehen wir mal davon aus, dass der Song vielleicht wirklich gefällt und auch in 20 Jahren noch gespielt wird, steht er dann irgendwann auf der schwarzen Liste, weil das Wort ansich, das Wort "Indianer" darin vorkommt.

Martin: Zensur!

Markus: Aber diese Frage gibt es ja auch, glaube ich und auf das Thema können wir auch noch mal eingehen, das immer einem entgegen gerufen wird bei diesem Thema: "Ja gut, aber da muss man ja jetzt alle Kinderbücher wo irgendwie Geschichten mit Indianervorkommen, die muss man ja jetzt, was machen wir mit denen"? Ja, erstmal sind sie halt momentan da, würde ich sagen.

Und keiner sagt, dass man sie jetzt abschaffen muss, aber es würde bestimmt kein neues Buch mehr gedruckt oder veröffentlicht. Da sollten wir vielleicht hinkommen, es heißt ja nicht gleichzeitig, dass es mit einem Paukenschlag alles verschwinden muss. Das ist ja das, was Sie eben gesagt haben. Diese Entwicklung, glaube ich, die passiert da ja eben auch. Beim Song ist es vielleicht was anderes, weil er halt immer da bleibt.

Maike: Ja, richtig. Da würd mich tatsächlich von dir einfach auch deine Meinung, deine persönliche Meinung interessieren. Ob du mir vielleicht irgendwie einen Tipp oder einen Rat geben kannst, wie ich bei künftigen Liedern mit mit dieser Debatte umgehen sollte.

Martin: Puh, das ist echt schwierig. Marcel: Große Frage, Meike.

Martin: Die große Frage, ja. Bei großen Fragen gibt es ja nur kleine Antworten. Das ist immer das Problem. Ja, ich würde also schon davor warnen, zu vorauseilend... Das klingt jetzt blöd, wen ich das sage. Aber wir hatten es eben besprochen. Zu vorauseilend einzuknicken, da würde ich schon vor warnen. Aber ich finde das total gut, wie du es ja in dem Fall gemacht hast, eben weil Musik oder weil Text in dem Fall ja auch einfach so einen Zeitmoment abbilden und eine Debatte anstoßen, das ist genauso zu lösen, ist aufzugreifen, aber es ist gleichzeitig zu thematisieren. Und ansonsten gilt, würde ich sagen, die Regel, die du auch eben angesprochen hattest: Wenn es sich kostenfrei umgehen lässt, sage ich mal, dann kann man es umgehen. Es macht relativ wenig Aufwand und es ist auch irgendwie literarisch alles okay, wenn man aus den "10 kleinen Negerlein" die "10 kleinen Kinderlein" macht. Das ist so ein Beispiel, ich würde meinem Sohn keine "10 kleinen Negerlein" mehr vorsingen, sondern wir haben halt diese neuere Version und da gibt es meines Erachtens nach überhaupt gar kein Problem, es zu ersetzen. Wenn du aber im Text einen Kontext aufmachst, der dir wichtig ist, dann kannst du es nicht einfach irgendwie durch ein anderes Wort ersetzen. So, und dann musst du halt mit dem Kniff, den du gerade gemacht hast, versuchen, das zu thematisieren. Das ist aber natürlich schwierig in der Kürze eines Textes. Es ist keine große Antwort, sorry, aber so versuche ich das für mich irgendwie zu klären, weil es total schwierig ist, natürlich aber auch eigentlich doch noch mal den positiven Gedanken aufzufangen, doch total gut ist, weil Musik da und auch Texte was bewirken kann an der Stelle. So macht doch eigentlich beim Texten dann umso mehr Spaß.

Marcel: Du hattest natürlich ein bisschen steiler noch provozieren können, indem du sagst: "Kennen Marsianer wirklich keinen Schmerz?" Dann wärst du bei dem alten Satz geblieben, hättest aber phonetisch was ähnliches verwendet und hättest glaube ich ganz schön provoziert, dass wäre glaube ich genau mein Ding gewesen. Ja Marsianer, da weiß man nicht, ob die Schmerzen kennen.

Markus: Phonetik, Rhythmus, der leider ja auch immer einen da einschränkt was auszutauschen oder zu ändern, wenn es dann schon fertig ist.

Marcel: Weil die Zeile an sich einfach, also wenn wir das Wort Indianer wirklich ausklammern, dann ist die Zeile schön. "Kennen Indianer wirklich keinen Schmerz?" Das ist halt eine interessante Frage, weil sie halt auch diese andere Ebene noch anspricht.

Markus: Was mir grad noch eingefallen ist bei diesem Thema, hast du nicht, weil das kam eben so ein bisschen, als du zu Maike gesprochen hast. Wenn du jetzt Texte schreibst oder einen Artikel schreibst, bekommst du so ein, jetzt haben wir wieder das Wort, ich weiß nicht ob dies an dieser Stelle das Richtige ist, so eine Art Selbstzensur, also dass du da sitzt und denkst: "Ja nee, das kann ich jetzt eigentlich nicht schreiben oder nee, so kannst du es nicht formulieren." Gibt es das bei dir? Also sitzt du vor deinem eigenen Text und stellst es in Frage, bevor es veröffentlicht ist und schränkst dich schon ein. An der Stelle, also gerade bei solchen Themen.

Martin: Ja, da muss ich wohl zugeben, wahrscheinlich denkt man da schon so ein bisschen mit. Es ist gar nicht immer so ganz bewusst. Ja, aber doch, macht man. Ich hatte eben das Beispiel genannt im Nachrichtenjournalismus ganz besonders natürlich, dass man sehr, sehr genau darauf achtet, ob man in einen Kontext von Kriminalität Täterhintergründe nennt, also wie Herkunft, ob das eine Rolle spielt. Da gibt es zum Glück mittlerweile ja einen Pressekodex, sozusagen eine Anleitung. Aber man denkt das immer schon mit Ja, aber meine Erfahrung ist wirklich nicht, deswegen ist so das Wort Zensur, war sowieso gerade als Witz gemeint, aber trotzdem ist da was dran, das Gefühl ist überhaupt nicht da. Es ist einfach nur ein Abwägen und differenzieren wollen und jetzt bin ich eben auch kein Boulevardjournalist, der immer auf die Zwölf haut und das fängt dann auch bei Sprache an. Ich fühle mich nicht eingeschränkt, überhaupt nicht. Also Schere im Kopf. Ne, also kann ich echt nicht sagen. Kann ich euch nicht sagen. Ich kann alles schreiben, was ich will. Ähm, ich kann natürlich, das muss ich immer gucken, es gibt so ein paar heilige Grale bei meinem Arbeitgeber, was so Themen angeht. Aber das gibt es halt überall. Jede Zeitung hat eine gewisse Ausrichtung. Also ähm aber das ist Hausintern, nicht gesellschaftlich.

Markus: Das wären andere Aufhänger.

Marcel: Also was mich mal interessieren würde, ist jetzt eine ein bisschen persönlichere Frage: Ich bin ja auch aus so einer Zeit, wir sind irgendwie noch so mit Facebook aufgewachsen und dann wurde das ja irgendwie alles immer schneller, Instagram, alles wird immer mehr Turbo und ich merk schon oder ich habe damals gemerkt, je mehr ich das ausdrücken wollte, was ich eigentlich sagen wollte, um so intimer wurde ja meine eigene Botschaft in Postings und sonst irgendwas.

Und ich hatte schon so Momente, wo ich dann echt oft kontrolliert habe: Wie reagieren Leute darauf? Was mich echt mal so so auf persönlicher Ebene voll interessiert ist, konntest du anfangs schlafen? Also ging das oder machst du das wirklich aus und sagt so: Nee, das ist Arbeit, das nehme ich nicht mit nach Hause, wenn die Leute da irgendwie rumspinnen, dann sollen sie.

Martin: Hm, also ich habe Kollegen, die sehr, sehr sensibel darauf reagieren. Allein schon in den Kommentarspalten, auf den Online-Seiten der Zeitungen, die ja sogar kuratierten moderiert werden, wo ja nicht alles reinkommt, auch keine Zensur, sondern eine Art Hausrecht. Also wenn man sich in der Kneipe daneben benimmt, da wirst du halt rausgeschmissen. Das ist im Grunde bei uns dann auch so. Die reagieren sehr sensibel drauf. Ich eigentlich nicht, muss ich sagen.

Ganz komisch. Ich weiß nicht, woran das liegt, ich bin ja nicht unsensibel, aber an dem Punkt geht es an mir wirklich echt vorbei.

Marcel: Kannst du gut abschalten. Ja, das finde ich wirklich großartig. Respekt finde ich cool, weil ich halt immer so merke, wenn es so an Songtexte und wirklich intimere Inhalte oder sowas geht, dann bin ich da auch äußerst sensibel und interessiere mich wirklich auch gerne ab und zu nachts noch mal: War das jetzt okay, was wir da gemacht haben? Und hat da irgendwer blöd reagiert oder so? Aber ich glaube da kommen wir sehr unbescholten davon Maike, oder?

Maike: Ich glaube, damit beantworten wir eigentlich die Frage, die ich eben gestellt habe so ein bisschen selbst auch. Ich glaube, es ist einfach eine persönliche Frage, wie sehr nimmt man das, was man damit antritt, vielleicht dann auch persönlich mit? Also wie sehr kann man das beruflich für sich dann ausklammern und annehmen und oder akzeptieren oder ignorieren? Und wie sehr nimmt man das eben in sein persönliches Leben und in seine Persönlichkeit mit? Und wie sehr möchte man sich persönlich dann dafür rechtfertigen oder dagegen stellen?

Markus: Dann auch noch eine persönliche Frage von mir: Darfst du denn oder machst du das, was ja ein bisschen im Zusammenhang ist, erlaubt dir deine Zeitung, dass du jetzt privat auf deinem Twitter-Account irgendwas schreibst, das vielleicht deine private Meinung ist? Also erstens machst du das? Zweitens dürftest du das? Ist das gerne gesehen?

Martin: Das ist aber ein sehr aktuelles Thema immer, weil es da Kolleginnen und Kollegen gibt, die das immer wieder herausfordern das Thema. Ich gehört halt nicht dazu. Ich benutze meine meine Social-Media-Accounts tatsächlich nur noch privat und beruflich, bin aber auch so gepolt, dass ist dann vielleicht wieder diese persönliche Komponente, dass ich in beiden Bereichen nicht aus meiner Sicht daneben verhalte. Das ist auch so, wenn ich auf einer Party bin oder war früher, dann habe ich es nie so weit getrieben, dass ich die Kontrolle verliere. Ich mag das einfach und ich mag das... Du hast persönlich gefragt und ich antworte jetzt auch persönlich, wir sind doch hier im privaten Raum.

Marcel: Genau.

Markus: Nein, aber der Vergleich ist sehr schön. Du bringst es ja ziemlich auf den Punkt.

Martin: Das versuche ich weiter zu behalten. Und es gibt tatsächlich ein paar Leute in meiner Umgebung, die das nicht machen. Und ich muss sagen, weil Journalisten sind schwer an eine Leine zu bringen, auch von den Herausgebern oder den Chefredakteuren nicht. Da geht viel durch. Aber es gibt auch Social Media Richtlinien, die irgendwo eine Grenze setzen. Also es gab immer mal, ohne jetzt Namen zu nennen, eine Kollegin mal die einen führenden deutschen Politiker wirklich übelst angegangen ist. Und zwar jetzt nicht sachlich, sondern unsachlich. Und dann hat sie halt schon eine Rückmeldung bekommen. Das kann man auch bis zu einer Rüge gehen oder so und so etwas gibt es auch. Aber das ist extrem selten und nur Extremfälle betreffend.

Marcel: Aber das finde ich total schön, dass es auch in eurem Berufsstand so was wie so eine authentische Ausgewogenheit zwischen Job und Privatleben irgendwie gibt. Ich meine wahrscheinlich ist Schreiben ja auch irgendwie was, was man fühlt. Also beim Songtexten kann ich das natürlich bestätigen, aber ich vermute, wenn man journalistisch arbeitet, klar, du hangelt sich an Fakten entlang, aber ich vermute auch mal...

Martin: ...es gibt ja natürlich so ein bisschen so dieses Graubrot-mäßige, dass du irgendwelche Nachrichtentexte absonderst. Ja, so Gebrauchs-Lyrik, sage ich mal, gibt es ja wahrscheinlich auch. Und da gibt es halt die tollen Darsteller, die Reportagen, die Porträts oder halt auch die Bücher, die man so schreibt. Da hängt man total dran. Jetzt habe ich noch mal nachgedacht, als du es erzählt hast. Somit nachts noch mal Feedback angucken im Netz. Natürlich, mit den Büchern war das schon so, dass ich auch noch mal nachts die 43. Amazon Stellungnahme mir dazu angeguckt habe, ob das halbwegs geht und wäre natürlich auch sofort zum Hauptquartier gelaufen, wenn das nicht ginge. Also das ging mir dann schon persönlich sehr nahe.

Marcel: Also Graubrot-Lyrics, das wird in meinen Wortschatz aufgenommen. Das sind ja Graubrot-Lyrics. Was hast dir denn da überlegt? Ja, Martin, wow, das war richtig bereichernd für uns. Ich glaube, lass uns mal versuchen, zu viert vielleicht das mal runter zu brechen. Ich denke, die Lösung gibt es nicht. Ich denke, es gibt einfach, es gibt Motivationen, warum man manchmal vielleicht keinen Bogen darum machen sollte, nämlich Bewusstmachung von den Problemen. Und du hast ja eben schon so schön erzählt, dass auch gewisse Worte einfach schon aus dem Wortschatz der Kinder irgendwie dann raus sind. Und dann können wir ja nur hoffen, dass weitere Schubladen von den Menschen abgebaut werden können. Und vielleicht leistest du auch dazu einen kleinen Beitrag.

Martin: Ich wollte es einfach noch mal nochmal aufgreifen, dass ich dieses drüber nachdenken halt total gut finde und bereichernd finde und mich in aller Regel auch nicht davon genervt fühle, dass wir halt immer wieder neue Sprache ausverhandeln müssen. Und man kann nur eins sagen, vielleicht auch noch an die Adresse unserer Kinder, das wird nicht leichter in Zukunft, weil wir alle viel mobiler sind, viel mehr unterwegs als unsere Elter, erst recht, dass unsere Großeltern. Ich weiß nicht wie es bei euch war, aber meine Großeltern haben, glaube ich, die Grenzen von Holland und Österreich nie verlassen und nie überschritten. Das wird sich halt total ändern und wir sind glaube ich mit viel, viel vielfältigeren Gruppierungen auch konfrontiert. So und deswegen wird es halt, die einen sagen anstrengender, aber ich finde es halt zumindest ganz spannend und freu mich eigentlich so drauf.

Marcel: Wow, das finde ich cool. Da spricht der Idealist, die Grabenkämpfe auch überwinden und diese Grenzen abbauen, das finde ich großartig, weil das darf nicht sein, dass sich die Positionen in der Gesellschaft weiter verhärten. Maike, was ist deine Position?

Maike: Ja, für mich ist eigentlich ganz schön, dass durch diese Debatte, die dadurch aufgekommen ist, bei mir doch noch mal ein bisschen mehr Bewusstsein entstanden ist. Also aus einer Unbedarftheit tatsächlich bei mir was passiert ist, was ich jetzt eben auch wieder mitnehme in alles was kommt und ohne große Debatten zu dem Thema aufreißen zu wollen und das als Mission zu sehen oder ähnliches, eben doch mit dem richtigen Verstand, mit den richtigen Augen und auch mit dem richtigen Herz ein bisschen darauf zu gucken.

Marcel: Und vielleicht sogar mit den richtigen Fragen, du stellst ja viele.

Markus: Ich denke, das war doch das war ein schöner, schöner, schöner Abend. Wir haben das schön beleuchtet mal von allen Seiten, wie Marcel so schön gesagt hat, ich glaube, es gibt ja nicht die eine Lösung, die eine Herangehensweise. Ich glaube jeder hat mal seine Sichtweise da herein gebracht und ich glaube, so weit auseinander lagen wir jetzt auch nicht. Nein, ich fand das war eine schöne Sache und ich sage schon mal vielen Dank, Martin, dass du dir die Zeit genommen hast. Ich fand es sehr cool, dass du spontan dabei warst und machen wir offiziell den Runderzähler zusammen.

Marcel: Soll Martin jetzt auch mit Reingetackert rufen? Ja, da muss er durch. Alle: 3, 2, 1, REINGETACKERT!

Marcel: Das war Reingetackert, Folge mit Maike Toussaint und Martin Benninghoff. Vielen, vielen, lieben Dank für euren Input in diese Folge.

Markus: Ja, heute schon der zweite Podcast mit Bier, Marcel, find ich großartig.

Marcel: Boah das ist richtig fluffig, das müssen wir öfter machen, dürfen wir jetzt einfach Quatsch reden, noch etwa 10 Minuten? Das interessiert doch niemanden.

Markus: Da schaltet keiner ab, das hören alle bis zum Ende, also jetzt müssen wir aufpassen. Wir können jetzt auch einfach so eine Minute mal einfach nichts machen, so ein Hidden Track im Podcast, das hat noch keiner gemacht.

Marcel: Ich habe noch einen ganz privaten Tipp für euch. Habe Maike schon angesteckt: Jerks. Diese Serie müsst ihr gucken. Hat ein alter Schulfreund, hat sie mir gezeigt. Ich komme nicht mehr.

Markus: Sag mal, nur damit mir nicht auffällt, das wir alte Männer sind. Wie lang gibt es die Serie? Wahrscheinlich schon 15 Jahre oder?

Marcel: Wahrscheinlich, genau. Ja, also Reingetackert, "reingetackert.de". Ihr wisst, so ein Podcast braucht viel Zeit. Wenn ihr uns unterstützen wollt, könnt ihr uns gerne freiwillige Zuwendungen schicken. Vielen Dank für die, die wir schon bekommen haben. Und bei Apple Podcast könnt ihr uns auch ein paar Sternchen oder ein Abo geben. Das freut uns extrem

Markus: Ich muss du unterstützen, du sagst unterstützen, ja Paypal, aber ihr könnt uns auch ganz einfach einen Kasten Bier schicken.

Marcel: Ja, das würde uns auch freuen. Also das haben ein paar Hörer tatsächlich schon gemacht und wir werden hier zu Biersorten-Testern. Können wir das gerne vielleicht auch so ein bisschen einführen, oder?

Markus: Gut, aber wir würden die auch erwähnen, die Biersorten.

Marcel: Ganz wichtig wär mir noch, weil es in den letzten Wochen wirklich viel Feedback gab. Freut uns total. Wirklich, auch Kritik gerne gehört und wenn ihr Gäste habt oder Leute, mit denen wir unbedingt mal reden sollten, dann haut das auf jeden Fall raus. Unsere schärfste Kritikerin war heute mit in der

Markus: Das könnt ihr machen, einfach an "reingetackert@rurton.de", haut raus, was ihr so denkt, denn jede Kritik, sei sie negativ oder positiv, bringt uns weiter.

Marcel: Also Maike hat uns schon, immer motiviert auch. Jetzt ist aber auch gut, komm wir hören auf mit dem Geschwarbel. Komm, wir gehen noch ein Bier trinken. Prost!

Markus: Prost!

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