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Unlimited - versuchen die “Champions League” zu gewinnen [012]

INHALT

In dieser Folge widmen wir uns der Musical-Produktion “Unlimited”, die wir im rurtonproducingteam umgesetzt haben. Eine sehr aufwendige und bewegende Produktion, die es musikalisch und organisatorisch in sich hatte - auf der einen Seite die umfangreichen Songwriting-Sessions, Vocal- und Drum-Recordings und auf der anderen Seite das Casting der SchauspielerInnen und SängerInnen, der Austausch mit Regisseur und Komponist und die Budgetplanung.

Ob und wie wir den Kreativ-Prozess und den Orga-Overkill gemeistert haben, könnt ihr in diesem Podcast herausfinden.


SHOWNOTES


TRANSKRIPT

Markus: Hallo und herzlich willkommen zum Podcast des „rurtonproducing“-Teams. Heute wieder live mit mir am Start zur Aufzeichnung und neben mir der Marcel.

Marcel: Hallo, ich grüße euch!

Markus: Und uns gegenüber via Zoom zugeschaltet ist der Denis.

Denis: Leute, ich freue mich!

Markus: Du unterstützt uns auf jeden Fall besser sichtbar zu sein, indem du uns bei iTunes abonnierst und uns da natürlich auch eine Bewertung schreibst. Das hilft uns total.

Marcel: So ein Podcast kostet uns auch eine Menge Zeit und natürlich brauchen wir auch hier und da ein paar Zulieferer und so. Wenn du uns unterstützen willst: PayPal - Betreff: „Reingetackert!“, an den Account: paypal@rurton.de — an dieser Stelle auch nochmal ein herzliches Dankeschön, an diejenigen, die uns ohnehin schon unterstützen. Sei es durch PayPal, Abos oder auch Merchandising.

Denis: Natürlich haben wir auch in dieser Folge die Shownotes für euch angehangen. Da findet ihr alle Infos und auch die Links.

Marcel: Du findest uns unter www.rurtonproducing.de, auf www.reingetackert.de oder auf Instagram bzw. auf Facebook über rurton.de.

Markus: Was machen wir heute? Heute ist etwas ganz Spannendes, denn heute zerlegen wir mal eine Produktion von uns. Mit dieser Info gebe ich mal an Marcel ab.

Marcel: Genau, genug geredet. Jetzt hören wir rein. Hose runter, nackte, ungeschminkte Wahrheit — nennt es, wie ihr wollt. Wir schnappen uns eine Produktion aus dem „rurtonstudio“ und nehmen sie auseinander. Wir haben euch heute eine Session mitgebracht, von einem Projekt namens „UNLIMITED - das zerbrochene Tribunal“. Das war ein Projekt, was glaube ich an Komplexität und Größe kaum zu überbieten war. Es war mein größtes ever. Für euch auch?

Markus: Definitiv. Also auf jeden Fall, was die Musikproduktion angeht.

Denis: Für mich als Schlagzeuger, die Session? Ja, die war ziemlich groß.

Marcel: War noch eine bisschen andere Rollenverteilung, kommen wir gleich nochmal zu. Hier war es ein bisschen anders, weil ich bei einer Musical- oder Rockoper quasi aus dem Drehbuch komponiert habe, mit einem anderen. Das Ganze fühlte sich so ein bisschen an, wie, als würde einer sagen „Komm, lass uns mal die Champions League gewinnen.“ — haben wir ein Stadion? Nein. Haben wir eine Mannschaft?

Denis: Nein.

Marcel: Haben wir einen Plan?

Markus: Nein.

Marcel: Sponsoren? Ja vielleicht einen. Aber lass uns das machen. Lass uns zum Mars fliegen. Ist das cool? Keine Frage ist das cool. Aber was heißt das eigentlich für die Leute, die das umsetzen müssen? Da kommen wir später nochmal zu. Weil, was dann den Leuten auch oft gar nicht klar ist, ist, dass die paar, die es wirklich umsetzen ganz viel reißen müssen. Und das sind dann oft die Profis — Songwriter, Techniker, Produktion, Vokal-Coach, Musikalische Leitung, Choreografin, Dance Captain. Hier sind mal von Markus kurz und knapp so ein paar Hartfakten für euch. Worum ging es bei dem Projekt „UNLIMITED“? Damit ihr gleich unbedingt ungefähr einordnen könnt, was wir euch da überhaupt vorspielen.

Markus: Das ganze Ding, hat Marcel gerade schon angerissen, ist quasi initiiert worden von dem Regisseur, dem Leiter eines Vereins, die angebunden sind an ein Gymnasium und auch ein Musiktheater mal gegründet haben. Und das Ganze wurde dann dadurch privat durch Sponsoren finanziert. Für uns das Spannende oder wie wir halt da reinkamen, war, dass schon vor Jahren einer angefangen hat, das zu Schreiben — also es gab schon Songs und ich habe dann quasi eine Anfrage dazu bekommen und habe Marcel mit in das Projekt geholt. Habe ich jetzt in einem Satz abgerissen, auch das war natürlich ein etwas längerer Weg, dass Marcel dann dabei war. Wie schwer das ist, etwas zu übernehmen, was schon jemand anderes angedacht hat, da kommen wir bestimmt nochmal gleich dazu. Das hat nicht nur technische, sondern auch natürlich kreative Fragen aufgeworfen. Wir haben am Ende 32 Tracks produziert mit insgesamt 110 Minuten Spieldauer. Ich würde sagen, quasi zwei Alben. Da ist nichts irgendwie Sprache, sondern reine Musik. Das waren auch alles riesengroße Sessions, weil wir echt viele Vocals und viele Orchester-Spuren hatten. Also es waren immer über 100 Spuren pro Session. Das Ganze zog sich über ganze zwei Jahre — vom ersten Gespräch hier bei uns im Studio, bis es dann halt live aufgeführt wurde. Das sind die harten Fakten. Klingen schon mal ganz gut, finde ich.

Denis: Ja cool. Und ihr seid sicher ganz gespannt. Also würde ich sagen, hören wir doch mal kurz in „UNLIMITED“ rein.

(00:05:30) - (00:08:34) - MUSIK

Marcel: Was ihr da jetzt gerade gehört habt, war im Grunde genommen die Produktion. Aufgrund von Budgets, Zeit und Anforderungsprofil dieses Projekts war es einfach so, dass man nicht irgendwie mit professionellen Musical-Sänger das ganze Ding am Flügel geschrieben hat, sondern man hat es erst einmal produziert und aus Budgettechnischen Gründen, kommen wir auch nochmal kurz zu, dass die sich natürlich keine Live-Kapelle leisten können. Das hätte immense Kosten bedeutet, mit wochenlangen Proben und ganz vielen Musikern und so weiter. Gleichzeitig war das Playback beziehungsweise Halb-Playback für die Live-Show. Wir hatten ja nicht nur professionelle Sänger auf der Bühne. Die Stimmen, die ihr gerade gehört habt, waren die Sänger, die das quasi überhaupt gelayoutet haben, damit das Werkmal fertig wird.

Markus: Teilweise waren da auch Sänger dabei, die das später auch auf der Aufführung gesungen haben, aber das war der kleinste Teil.

Marcel: Genau und wir hatten nur ganz wenig Budget, um dann auch wirklich zu sagen, dass wir uns mal eine Musical-Sängerin gönnen. Das war zum Beispiel die weibliche Hauptrolle, aber da kommen wir später nochmal zu.

Denis: Ja Marcel, die Idee dieses Projekts wurde ja an dich herangetragen. Wie war das dann, dass du sozusagen aus dem Kopf eines Regisseurs das ganze Ding dann irgendwie schreiben musstest?

Markus: Ich glaube, wir können sogar noch ein Stück zurückgehen. Die Frage ist gut, da muss Marcel jetzt darauf eingehen. Aber das Witzige ist, dass wir gar nicht wussten, dass wir von Anfang an Schreiben mussten. Sondern erst dachten wir, wir müssten halt nur die Sachen fertig machen, von dem vorherigen Komponisten. Wir können ihn mal nennen: Das ist der liebe Markus Page, mit dem wir heute immer noch zusammenarbeiten. Der hat das damals geschrieben und es waren alle Layouts da und wir dachten halt, wir gehen da jetzt rein und produzieren das fertig. Vielleicht müssen wir da mal eine neue Hookline schreiben oder eine Melodie, aber eigentlich ist alles vorbereitet und wir stellen das fertig — das war leider nicht so. Marcel, wie war es denn?

Marcel: Es gab sowieso einige interessante Begegnungen mit dem Regisseur, aber das erste Aufeinandertreffen mit dem Regisseur — ich saß stellenweise am Klavier und wusste nicht mehr, wo das C auf der Tastatur ist, weil ich so verwirrt war von diesen Multiebenen-Ideen, die ich da umsetzen musste. Ich erinnere mich noch daran, wie ich eine Stimmung spielte und sagte: „Ist die Stimmung eher traurig oder hell?“, und die Antwort war dann: „Blau! Es ist vor allem Blau!“ Diese Antwort sagt uns einiges.

Markus: Da kann ich reingrätschen. Jetzt, wo du es erzählst, erinnere ich mich total gut daran, dass du ganz am Anfang die Idee hattest, einen Tag im Studio eine Writing-Session zu machen und das alles Live zu entwickeln. Und ich dachte mir nur, ob das eine gute Idee ist, mit jemanden, der da nicht so erfahren ist? Das war auch so. Marcel war nach drei Stunden einfach im Hirn gebraten.

Marcel: Präfrontaler Cortex war nicht mehr vorhanden.

Markus: Es passierte natürlich gar nichts und wir mussten es abbrechen. Wir mussten dann einen neuen Weg finden.

Marcel: Aber man muss auch dazu sagen, dass es sich bei diesem Regisseur, und das meine ich in keinster Weise blöd, die Vision ist toll, toller Kerl, hat für ganz viele Menschen ganz viel bewirkt, überhaupt keine Frage, aber es gehört halt auch zum professionellen Wissen, wie du deine Tools bedienst. Es ist halt auch einfach kein professionell geschriebenes Drehbuch gewesen, sondern man hat sich sehr viel dann halt eben mit diesem Musiktheater-Verein ausgetauscht. Ich glaube, dass auch manchmal ganz viel von der Idee fehlte, was gewisse Anforderungen, Ideen oder Entscheidungen für uns überhaupt bedeuten.

Denis: Ich war ja auch ganz am Anfang nicht involviert in dieses Projekt, deswegen interessiert mich das auch nochmal. Wie habt ihr aus diesem ganzen Durcheinander dann den Weg gefunden oder was war der Weg?

Marcel: Also, um auch noch einmal auf diese Songwriting-Frage einzugehen: Ich kam ja als Pop-Songwriter dahin. Ich hatte noch nie in meinem Leben ein Musical-Song geschrieben. Ich habe die Klischees analysiert, die in diesem Stück passieren, die Klangwelten, ich fand das auch mega spannend und habe einfach versucht, möglichst viel zu adaptieren. Ich erinnere mich aber auch noch daran, Markus weiß das bestimmt auch noch, dass ich von der Qualität, die Markus Page in den ersten Tracks da anlieferte, so erschlagen war. Ich habe mich kaum getraut, es zu Ende zu hören. Es war irgendwie, wie ganz schnell durch so eine „Walking Dead“- Folge zu spulen, weil man die ekligen Szenen nicht sehen will.

Markus: Und auch die schwere Masse. Das, was wir schon bekommen haben, waren vielleicht ein bisschen unter 20 Tracks. Das war einfach schon so viel und so vielschichtig und gut auch, was wir da übernehmen und weiter machen sollten. Dann war das so ein bisschen „Salami-Taktik“, nenne ich das mal, dass wir dann am Ende nochmal über zehn Songs schreiben mussten. Das war am Anfang gar nicht klar. Sondern eher „Ach, da und da fehlt uns ja auch noch ein Song. Und da fehlt ein Übergang.

Marcel: “Da fehlt noch eine Hauptszene“. Das kam halt immer so ein bisschen stückweise. Ich glaube aber auch rückblickend, wenn ich mehr Achtung gehabt hätte und das vielleicht auch anders bewertet, hätte das Marcel definitiv nicht angenommen — das weiß ich. So ganz nüchtern betrachtet. Weil das hätte ihn überfordert und das verstehe ich auch.

Denis: „Lassen wir das lieber“ hätte er gesagt.

Marcel: Ja aber das ist ja mal interessant. Genau dieser Fragestellung werden wir nachher nochmal ganz kurz auf den Grund gehen. Was könnt ihr in so einem Fall machen? Wir haben ein paar Gedanken oder Kriterien zusammengetragen, die euch vielleicht helfen können, so etwas zu entscheiden. Es ist nun mal eben so, dass, wenn Amateure und Profis aufeinanderprallen, da ganz viel auch nicht klar ist. Was heißt das jetzt, wenn ein zwölf Minuten Track nochmal umkomponiert werden muss? Was heißt das jetzt für die Technik in einem Studio, wie hier im rurton-Studio, wenn da nochmal in einem Stamm Master was geändert werden muss — das ist ein Fass ohne Boden. Bevor wir jetzt da nochmal ins Detail gehen, widmen wir uns mal dem Audio. Ich habe euch mal einen Song aus einer Szene mitgebracht. Ich erkläre euch jetzt gar nicht mehr so viel dazu. Wir hören uns die Lied-Vocals auch gar nicht an. Wir holen uns nur mal ein paar Eindrücke von dem Song „Alpha und Omega“, der kommt in dem Musical als Zweites. Die beiden Klangwelten — hier die MACs und die ILLUIs prallen in dieser Szene aufeinander. Das war sehr spannend und da könnt ihr euch einfach mal ein Eindruck holen, wie das Ding klingt. Das Ding hat einen Riesen Intro, das erspare ich euch jetzt und gehe fort zum Hauptthema und zum Refrain, der immer dekadent laut und fett klingenden MACs und zeige euch den Mix.

(00:15:39) (00:16:12) - Musik “Alpha und Omega”

Marcel: Ihr habt hier jetzt auch ein paar Backing Vocals gehört, die haben wir relativ in Ruhe gelassen, weil die nur so ein bisschen das Live-Feeling andicken sollten. Ich hatte eben schon mal Budget erwähnt, da gab es keine 35 Head-Sets auf der Bühne. Das heißt, wir haben den Live-Chor, also den echten Chor, des gesamten Theater-Vereins, quasi damit so ein bisschen unterstützt. Wir hören jetzt noch mal ein paar Takte weiter und hören jetzt die andere Klangwelt der ILLUIs an — wie das im Grunde zu statten geht und wie in die Welt zurückfindet und dann hören wir später mal technischer rein.

(00:16:45) - (00:17:45) Musik: “Alpha und Omega” (Chor)

Marcel: Diese Live-Backing Vocals, die ihr jetzt im Hintergrund noch weiter hört, bestehen auch schon aus Amateur-Sängerinnen, die eingeladen und in einer großen Session aufgenommen wurden. Wir hören jetzt noch einmal kurz den Übergang.

(00:17:58) - (00:18:08) Musik: Alpha und Omega (Übergang)

Marcel: Das war jetzt einfach mal ein Eindruck. Jungs, was hört man da gerade? Was haben wir da gemacht und was haben wir uns dabei gedacht?

Markus: Das ist auf jeden Fall ein spannendes und gutes Beispiel. Das ist ja eines der Songs, die Markus Page geschrieben hatte und wir quasi produzieren durften. Wir können mal mit den Drums anfangen. Da sind wir auch schon bei Denis. Ihr könnt euch vorstellen, bei 32 Tracks gab es damals den Anruf an Denis, dass wir ein Musical schreiben und produzieren. „Wir brauchen einen Drummer — ich schicke dir mal das Material“. Ab jetzt muss der Denis beschreiben, wie das so für ihn rüberkam, als er das Material geschickt bekam.

Denis: Dieses Mammut-Projekt war erstmal ein Schock, sage ich mal. Aber im positiven Sinne. Ich dachte: „Was läuft denn hier ab?“. Ganz viele Stilrichtungen, ganz viele und lange Songs, ganz viele Wendungen — beim ersten Reinhören. Ich glaube das Erste, was ich Marcel gesagt habe, war: „Seid ihr noch ganz dicht?“

Marcel: Aber man muss ja auch dazu sagen, dass du das Ding in zwei Tagen rein getrommelt hast.

Markus: „Reingetackert!“

Denis: Ja genau, aber das kommt auch nicht von ungefähr, weil das eine krasse Vorbereitungszeit war. Das hat schon einige Tage, wenn nicht sogar Wochen Vorbereitung gekostet.

Markus: Sheets schreiben und sowas wahrscheinlich.

Denis: Genau. Bei so einem Projekt kannst du nicht einfach nur ein bisschen Reinhören und dann gehst du in das Studio. Das geht auch, das könnte dann aber bis zu einer Woche oder noch mehr dauern, bis das dann irgendwie mal zu einem Ende kommt. Das ist irgendwie auch nicht effektiv. Das heißt, was ich dann gemacht habe, ist, Sheets zu schreiben. Erstmal natürlich diese ganze Welt, dieses ganze Projekt und die Musik hören und verstehen und dann direkt eigentlich schon zeitnah mit Sheets schreiben anfangen. Weil Abläufe kriegst du nicht einfach alle rein.

Markus: Beziehungsweise du hast die ersten wieder vergessen, wenn du dir die letzten draufschaffst wahrscheinlich. Weil es zu viel ist halt.

Denis: Es gibt ja auch ganz viele Stellen, wo man wissen muss, auf welcher Zählzeit wird ein Kick gespielt oder wo ist ein Kick wichtig.

Markus: Der Tempo-Wechsel.

Denis: Genau und alles Mögliche.

Marcel: Und man darf auch nicht vergessen, du musst trotzdem auf die Metaebene. Also ich meine, du musst auch raffen, in welcher Klangwelt du bist. Ich erinnere mich daran, dass wir beide auch für die beiden Lager und sogar für das Dritte, es gibt ja irgendwie eine neutrale Person, die in dem Stück auftaucht, die haben ja auch Groove-technisch eine eigene Welt.

Denis: Ja genau. Das heißt, man muss wirklich bei jedem Song und das ist ja auch so ein bisschen das Spannende an dieser ganzen Sache, da geht ja von Rock-Pop über Jazz und Industrial alle möglichen Stile. Die muss man dann natürlich auch irgendwie abrufen können.

Marcel: Wahnsinn.

Denis: Das heißt, ich musste eigentlich mein komplettes Repertoire ausschöpfen, um das da zu bedienen, sozusagen.

Markus: Ich fand halt extrem spannend, aus meiner Sicht, dass, als du hier zu den Aufnahmen aufgeschlagen bist, war ich mit definitiv mehr Zeit im Rucksack quasi im Studio und hatte jetzt gedacht, dass wir dafür eine Woche brauchen und habe auch gar kein Stress gemacht. Was aber spannend war, dass du halt beim Start jedes Songs einfach mal das direkt das abgeliefert hast, was in der Demo war. Das war so „Hier, das habt ihr euch ausgedacht. So spiele ich das jetzt erst einmal ein. Das ist der Startpunkt.“ — Wahnsinn. Das war schon mal der First-Take und das war natürlich ganz schnell dann die Basis dafür, mit Marcel da drüber zukommen und weiterzudenken. „Das ist jetzt so, wie ihr es gedacht habt. So habt ihr es quasi gemalt oder programmiert — aber was passiert jetzt, wenn ich mit dem Produzenten darüber nachdenke, wo kann hier das Fill verbessert werden, wie kann der Style da geändert werden?“ und das fand ich auch damals sehr cool und sehr schnell, wie wir einfach nochmal den Level angehoben haben dadurch.

Denis: Genau. Es gab zum einen diese „vorgefertigten Drum-Spuren“, die ich dann 1 zu 1 gespielt habe und trotzdem natürlich irgendwie Individualität reinbringen musste. Dann passiert ja dieser spannende Punkt, wo die Vision, in dem Fall von Marcel als Produzent, dann ja auch irgendwie in meinen Kopf muss und dieser Austausch muss natürlich dann von Jetzt auf Gleich funktionieren. Das konnte, glaube ich, auch nur funktionieren, weil wir uns einfach unglaublich lange kennen und wissen, was wir wollen.

Marcel: Aber wenn man es runterbricht, kann man sagen: Extreme Vorbereitung, viele Sheets schreiben, gute Kommunikation mit dem Produzenten — sonst ist das nicht möglich. Wir hören mal kurz in den Drum-Stem rein. Da sind auch, glaube ich, Percussions mit drin. Wir geben uns einfach mal paar Sekunden und dann sagen wir euch vielleicht nochmal was zum Mikrofonieren und wie wir produziert haben.

(00:24:10) - (00:24:40) Musik: Drumtake (Alpha und Omega)

Markus: Was wir hier hören, ist halt wirklich der fertige Mix, im Sinne des Stems, da kommen wir bestimmt gleich nochmal dazu, was das bedeutet und was ich da gemacht habe. Aber man hört natürlich hier auch ein Loop, der da mitspielt und Percussions, da ist natürlich nicht alles in einem aufgenommen worden, aber die Drums klingen, finde ich, sehr live eingespielt und wir haben uns natürlich an verschiedenen Snares bedient und auch an verschiedenen Sounds.

Marcel: Der approach war ja auch, dass sie live klingeln sollten für eine Band, ich sage mal, für eine „gefakte Live-Band“ bei einer Musical-Produktion.

Markus: Genau.

Marcel: Wir haben uns auch dazu entschlossen — das ist ja auch so eine Mixing-Frage — das war natürlich ein ungemastertes Stem quasi alle auf null und ich glaube, es ist auch einfach mal wichtig zu sagen und zu verstehen, du gehst da ja nicht hin und willst so eine Nickelback-Produktion machen und alles irgendwie gegen die Wand komprimieren und auch tot machen, dass muss eine Dynamik haben.

Markus: Genau. Ganz wichtig ist halt in diesem Zusammenhang, vielleicht kann ich das gerade kurz erklären: Das bedeutet ja im Prinzip, dass der Live-Mischer von mir die Möglichkeiten bekommen hat, das nochmal zu Mischen und an den Raum und an die Begebenheiten anzupassen. Das heißt, er hat alles in großen Gruppen halt einzeln bekommen von mir und konnte eine eigene Summenkompression, ein eigenes Summen-Limiting, ein eigenes EQ-ing pro Stem machen. Das ist natürlich nicht so, wie es auf der CD klingt. Ich habe ihm das einfach nochmal schön zerlegt, damit er überhaupt was mischen kann an der Musik. Weil, würde er von mir nur ein Audio-File kriegen, kann der ja nichts mehr machen. Das war auch sehr aufwendig, kommen wir vielleicht am Ende nochmal zu, aber das hören wir gerade. Das sind quasi diese Stems.

(00:26:20) - (00:27:13) Musik: “Alpha und Omega” > Bass, Gitarre, Keyboards,Orchester-Parts, Backings

Marcel: Wir fügen mal den Bass-Stem hinzu. Der spielt etwas sehr Interessantes hier — nämlich nur eine Note. Den Gitarren-Stem. Selbe Stelle. Keyboards. Orchester-Parts. Und die Live-Backing Vocals. Genau. Ich bleibe mal gerade an der Stelle, damit das ein bisschen besser zu verstehen ist, weil ihr müsst ja auch noch im Hinterkopf haben, solche Musical-Stücke haben ja gerne mal ein paar Modulationen und auch ein paar unterschiedliche Rollen. Was wir da gemacht haben — Bass/Gitarre ist Kemper, ich denke mal, da ist nicht viel dazu zu sagen, es gibt zwei Rhythmus-Gitarren. Wir haben uns an ähnliche Sounds gehalten und wir haben sie auch nicht zu extrem gemacht. Wir wollten da jetzt nicht ein “Metallica High Gain-Ding”, sondern es sollte so ein bisschen rockig bleiben, da es eine Rock-Oper war. Das war auch so die Sound-Präferenz, die ich im Vorhinein quasi von Markus Page, dem Ur-Komponisten, bekommen hatte. Markus Wimmer und ich haben dann mit Kemper versucht, die Sound-Idee zu adaptieren und auch gar nicht so versucht jetzt da nochmal eine wahnsinnige Schwere mit krassen Gitarren reinzubringen, weil da wäre ja auch in der Summe gar nicht so viel Platz, oder?

Markus: Genau. Bei den meisten Songs zumindest nicht. Was halt schon extremer ist, weil bei einem normalen Album vielleicht von einem Künstler, das hat Denis ja eben auch schon gesagt, da sind halt die verschiedenen Styles. Und wir haben echt viele verschiedene Amps und Styles von Gitarren-Sounds benutzt, was vielleicht nicht normal wäre bei einem Album, dass man da so variiert. Ansonsten haben wir die dann alle direkt immer virtuell aufgenommen.

Marcel: Wir gehen nochmal kurz durch das Audio durch, bevor wir es nochmal besprechen. Die Backing Vocals, da ist auch eigentlich nochmal ein interessanter Move drinnen. Alle anderen Instrumente sind, denke ich klar. Keyboard-Parts und was wir an Orchestralen-Sachen bekommen haben, ist der Wahnsinn. Ich glaube, da gehen wir nochmal gesondert darauf ein, wenn wir Markus Page auch einfach mal einladen, weil er einfach unglaublich krass orchestrale Parts arrangieren kann — rein mit Plugin. Das ist vielleicht hier nicht das stärkste Beispiel von dem ganzen Stück, also ich meine, es ist schon eine wahnsinnig schöne Stelle, aber da sind wirklich Stellen dabei, wo wir echt dachten: „Das kann doch nicht wahr sein. Das klingt hier wirklich wie ein Symphonie-Orchester“. Natürlich hört das geschulte Ohr, dass es ein Plugin ist, aber es ist halt ganz toll zu Ende arrangiert — Chapeau! Die Backing-Vocals, das ist auch wieder ein Budget-Ding, müsst ihr wissen, wir können da keine vier Sänger für fünf Tage buchen, dann wären viermal X-Euro á 5 Tage weg — das Budget war einfach nicht da. In diesem Fall waren es einfach zwei Freunde von mir, die singen. Die singen auch in Cover-Bands und sind ganz gute Amateur-Sängerinnen. Da wusste ich, das wird entspanntes Arbeiten und wir haben uns hier dazu entschieden, auch diese Vocals relativ offen zu lassen und wir haben eigentlich immer Stimme für Stimme eingesungen. Das heißt, ich habe dann entweder oktaviert als Mann und haben einfach versucht, relativ schnell Masse zu erzeugen. Weil, ihr müsst überlegen, Budget, kommen wir gleich nochmal zu, ist einfach begrenzt und du kannst da nicht einfach ein Tag ein Song Backing Vocals machen. Da muss richtig krass geräumt werden. Ich gebe euch mal kurz ein paar Takte davon.

(00:30:16) - (00:31:15) Musik: “Alpha und Omega”- Backing Vocals

Marcel: Bis hierhin war alles ok so — jetzt kommt eine “Kreuz 11” dazu, da wurde es ein bisschen schwieriger. Auch wenn man das so Solo hört und es vermeintlich irgendwie easy klingt, ist es tatsächlich gar nicht so eine einfache Stelle. Ich bin ja Vocal Coach und kann euch auf jeden Fall sagen, da waren ein paar schwierige Harmonien auch für die Damen dabei.

Markus: Jetzt muss ich das nochmal einordnen. Das kannst du ja selber eher schwierig, aber ich fand es halt faszinierend, dass du für jeden Song halt, die Backings geschrieben hast und das aber gleichzeitig dann auch so schnell kommunizieren konntest, was die singen müssen. Das ist halt unfassbar, weil man hat in einem Song schnell mal 40-50 Spuren Backings mit zwei Leuten gemacht. Weil man ja auch Masse braucht, aber dass das “Layering” so schnell und effektiv ist, weil du halt, auch sehr schnell weißt, wo du hin musst.

Marcel: Das kommt aus dem „Close Harmony“ und ist hier tatsächlich mein Lebensretter gewesen. Ich versuche es mal kurz zu versinnbildlichen. Ich kann ja nicht ständig vom Aufnahmeraum in die Regie laufen und mir als Produzent anhören, wie das ist und was jetzt noch fehlt. Das heißt, ich musste das alles on-the-fly regeln. Das war quasi eine Live-Produktion. Das heißt, ich habe den Part gekannt und hatte mir Notizen gemacht und dann wusste ich, ich will zum Beispiel eine runter, eine drüber, ich will es oktaviert, ich will zwei Mädels hier.

Markus: Beim Hören.

Marcel: Genau. Und dann hieß es einfach nur: „Mädels, singt mit mir diese Stimme.“, das heißt, ich habe dann im Kopf im Grunde genommen geschichtet. Das ist jetzt für einen Sänger, der jahrelang in einer „Close Harmony“-Band gesungen hat jetzt nicht so freaky. Wir haben ja auch Gesang studiert und eine gute Harmonie und gutes relatives Gehör — danke für die Blumen, aber das gehört so ein bisschen in mein Daily-Business. Das Kranke für mich war allerdings, der Rollen-Switch, also zwischen Vocal Coach, eigentlich auch Sänger, ich war ja in dem Ensemble der einzige Mann, den ihr gerade gehört habt und gleichzeitig Produzent.

Markus: Und dann über so viele verschiedene Songs.

Marcel: Das macht einen dann irgendwann wirklich krank. Wenn ich jetzt so ein bisschen darüber nachdenke, rede ich es ein bisschen runter, aber Markus, das geht auch nur mit einer guten Kommunikation mit dir, weil ich wusste natürlich auch, dahinten sitzt jemand, der meine Sound-Vision schon längst begriffen hat. Auch dir wird da keine geringere Rolle als Produzent in dem Moment ja zum Teil.

Markus: Nicht nur Sound-technisch, das ist ein Riesen Verwaltungsaufwand — sehr viele Backing-Spuren. Aber das macht es nachher auch aus, dass es klingt, als wären es viele Leute.

Denis: Wie viele Tage hat denn diese ganze Backing-Geschichte gebraucht? Weil das war ja auch einfach unglaublich viel Kram.

Marcel: Wir hatten ja kein Geld — also zwei Tage. Du kannst dir vorstellen, von diesen Big-Sounds, wo jetzt viel Szene mit Musik war, mit einem fetten Ensemble-Chor, wie das hier war. Und Leute, nur zum Verständnis zu dem Sound, es sind insgesamt 8 Minuten, da kommen noch andere Stellen. Das kann man nicht einfach Copy & Pasten. Es ist kein Pop-Chorus oder so. Es kommt nachher nochmal einen Halbton höher — das hast du ja auch noch ständig in Musicals.

Markus: Oder das Tempo verlangsamt sich.

Marcel: Genau. Also, eigentlich hättest du Profis gebraucht, ganz klar. Leute, die es noch schneller adaptieren können. Aber das wäre in dem Fall einfach nicht möglich gewesen, weil das hätte das 5-fache gekostet. Zwei Tage Backing Vocals war das höchste der Gefühle und da mussten wir einfach durch.

Markus: Genau. Aber du sagst, wir haben Profis gebraucht, ich fand so, wie wir es gemacht haben, war es halt perfekt mit den Tools und den Sängerinnen, die wir hatten, weil da dieses Erarbeiten, wie du es gerade beschrieben hast, hat halt für mich super funktioniert. Es war halt bestimmt anstrengend, aber es hat halt super funktioniert.

Marcel: Man läuft ja immer, selbst wenn man darüber redet, in die Falle. Das man glaubt, dass muss irgendwie einen gewissen Standard entsprechen. So — jetzt nackte Wahrheiten. Vielleicht ist das hier einfach nicht angebracht, weil man den Kontext verstehen muss. Da glaubt man immer, man muss es bis ins Detail erklären und natürlich, wenn jetzt Monster-Sänger diesen Profi-Chor gepusht hätten, dann hätte kein Amateur so realistisch klingen können. Ihr müsst verstehen, das sind alles Entscheidungen, die in einem riesigen Prozess dann halt Sinn gemacht haben — du hast schon recht. Ich versuche es dann immer zu rechtfertigen und die Messlatte irgendwie in einer Nickelback-Produktion dagegenzuhalten. Das ist hier einfach Quatsch. Das kann man nicht machen und hier ist das Anforderungsprofil so unfassbar komplex, die Stamps müssen funktionieren, es muss live was da sein, es soll gar nicht zu fett sein, weil es nur andicken soll. Allerlei Sachen haben wir grob angerissen. Das war jetzt einfach mal das Audio von „UNLIMITED - Alpha und Omega“. Vielleicht besprechen wir irgendwann nochmal einen anderen Song. Lasst uns nochmal kurz darauf eingehen, wie das mit der Produktion so war und irgendwie nochmal da so ein bisschen darauf schauen. Markus, du hast ja die ganzen Layouts anlegen müssen. Das heißt, Markus Page gab dir Midi-Produktionen. Eigentlich war ja ursprünglich unser Job Gitarren neu und geil zu recorden und aus einem Midi-Drum-Set den Denis zu machen.

Markus: Genau, das war so der Startschuss. Da muss man natürlich fairerweise sagen, das waren natürlich nicht nur Midi-Spuren, das waren schon ganze Logic-Sessions, die ich von Markus Page bekommen habe und da waren auch schon Audio-Files drin. Also es gab auch schon Aufnahmen, “Layout-Gesänge”, aber es gab auch schon Gitarren, die da recorded wurden und erste Ideen, aber da galt es halt alles durchzuhören. Als ich in der Vorbereitung dieses Podcast darüber nachgedacht habe, kam mir das alles nochmal hoch, dass das auch bestimmt zwei Wochen Arbeit war, diese Projekte erstmal zu öffnen und zu sichten, was da alles ist, was ich da höre und wie ich das alles verarbeiten kann. Da war die größte Herausforderung, um so ein bisschen Technik-Nerd zu werden, Sounds und sowas zu übernehmen. Ich wollte jetzt zum Beispiel nicht nur Bounces von einem Orchester haben, hätte man machen können, wenn nicht 50 Spuren Audio-Bounce. Mir war aber lieb, dass irgendwie die Räume und die Sounds weiter live gespielt werden von den Samplern damit man eben besser eingreifen kann, weil sonst hätte ich vielleicht nach einem Jahr, dem Markus sagen müssen, dass ich diese Geige irgendwie anders brauche. Man muss sich vorstellen, das sind immer so 50-60 Spuren, die da echt immer virtuell mitgelaufen. Das war schwierig, dass das dann nachher funktionierte. Denis?

Denis: Ich finde das auch irgendwie das Geile an dieser ganzen Geschichte, dass man sich da so rein lebt. Ich bin da auch so, dass man das wirklich nochmal auf eine andere Ebene hebt das ganze Ding. Das ist für mich eigentlich auch immer so das Ziel und ich weiß, das habe ich auch so, dass wir das einfach leben — so ein Projekt. Das ganze Ding dann wirklich mit einer anderen Qualität dann noch versehen wollen.

Marcel: Und trotzdem zerreißt du dich permanent bei dieser Fragestellung. Das ist ja der Kreativ-Prozess. Wenn es Markus nicht geben würde, dann wären wir zwei wahrscheinlich immer noch an der Produktion dran. Ich meine mal aus Spaß gesprochen, aber ihr wisst, was wir meinen. Es zerreißt dich zwischen Budget, Zeit, Ablieferung und Qualität. Die Amateure, die Rückmeldungen und die Einflüsse von Außen befeuern das ja auch immer weiter. Ich erinnere mich an sehr interessante Szenen, wo ich irgendwie einen zwölf Minuten Track komponiert hatte und das war das Erste, was ich für den Regisseur komponiert und in der Regie aufbereitet hatte.

Markus: Der erste Song quasi.

Marcel: Ich habe Blut und Wasser geschwitzt und habe gedacht „Um Gottes willen. Jetzt zeige ich ihm meinen Song“. Ich habe das sehr ernst genommen. Er hat mir sehr viel in den Kopf reingedrückt für diesen Song — entsprechend ist dieser Song einfach zwölf Minuten lang gewesen. Nachher im Stück war er nur noch sechs Minuten lang und hatte auch dreizehn Dialoge, gefühlt weniger. Und das ist genau das, was ich meine. Du musst halt auch als Produzent auf der kleineren Ebene wiederum wissen, wie du dein Tool, glaube ich, einsetzt. Das ist auch etwas, was man lernen muss und was man viel reflektieren muss. Hier in dem Fall habe ich meinen Kunden halt einfach am Anfang sehr ungefiltert ernst genommen. Ich habe gedacht: „Ok, der will jetzt zu seinem Haus wirklich ein Swimmingpool. Und noch ein Swimmingpool. Und dahinter eigentlich noch einen. Drei Garagen und aber noch eine Tiefgarage unten drunter, wo da ein Tesla reinkommt. Lass uns das machen! Wenn das erste Musical-Lied, was Marcel Stoffels schreiben soll, so sein soll, dann probiere ich das mal“. Es trug sich folgende Szene zu.

Markus: Genau. Ich ergänze diese Erzählung nochmal. Wir hatten dann diesen Song fertig und bevor es weiterging, es war quasi ein Layout, wollten wir es ihm einfach vorspielen, ob er es abnickt. Uns war klar, dass da vielleicht noch an der Struktur was angepasst werden müsste. Ich brauchte einfach mal seine Einschätzung. Wir saßen alle in der Regie und ich habe dann das Lied gestartet und ich glaube, es vergingen keine zwanzig Sekunden und es wurde von ihm abgebrochen. Mit der Bemerkung: „Das ist super. Ich habe alles gehört. Ist super.“ Ich fasse das kurz zusammen: Marcel könnte das vielleicht nochmal anders beschreiben. Ich bin da ein bisschen aus der Haut gefahren und habe ihn eigentlich gefragt, was er sich das vorstellt, wie lange wir denn daran gearbeitet haben und wir schon ein bisschen mehr Feedback bräuchten und wir vor allem erwarten, dass er sich die Muße und Ruhe nimmt, sich das komplett anzuhören.

Marcel: Es war wirklich ein klassischer Fall von wenige Menschen, viele Rollen, totale Überforderung an allen Ecken und Enden, weil wir ja die Champions League gewinnen wollen. Ich gehe nochmal darauf zurück und das klingt jetzt vielleicht auch ein bisschen blöd, ich meine, ich war ja selbst auch überfordert, deswegen möchte ich es auch gar nicht in diese Richtung schieben. Es war aber eigentlich noch ein bisschen rasanter. Du hast mich sogar noch herausgeschickt. Das habe ich auch noch nie erlebt. Markus wollte seinen Hausproduzenten schützen und hat gesagt: „Geh mal eine Runde spazieren, ich muss mal kurz ein Gespräch führen.“, das war schon sehr schön.

Markus: Setzen wir nochmal da an, wo wir waren. Das heißt, irgendwann hatte ich dann halt diese ganze Masse an Dateien von Markus Page in meiner Session. Man muss dazu sagen, dass Markus nicht ein halbes Jahr daran geschrieben hat, sondern, dass es bei ihm auch über Jahre ging. Das heißt, dementsprechend war das schon echt viel Material. Mit diesem Material sind wir dann gestartet. Mir war dann irgendwann klar, jetzt kannst du dir deinen Plan machen — was müssen wir jetzt eigentlich neu recorden? Was müssen wir noch ergänzen? Wo fehlen noch Stimmen? Und das war halt ein riesiger Plan.

Marcel: Und hier und da noch ein bisschen Rewriting.

Markus: Ja, das war dann alles. Aber man musste so ein bisschen eine Vogelperspektive bekommen und verstehen, was wir überhaupt haben und was wir noch alles „erledigen“ müssen. Es war auf jeden Fall sehr spannend.

Denis: Marcel, die Frage an dich nochmal: Du bist ja unser Multiman. Das heißt, bei dir bleiben oft sehr viele Rollen kleben. Nämlich selber Instrumente spielen, Vocals, entweder selbst aufnehmen oder andere aufnehmen — sogar dabei auch noch coachen und so weiter. Wie war das bei dieser Produktion? Was hast du da alles gemacht und was vielleicht auch nicht?

Marcel: Ja, es war wirklich verrückt. Ich hatte ursprünglich nur die Aufgabe das zu produzieren. Das heißt, für mich war klar, wahrscheinlich werde ich Gitarren und Bass spielen. Ansonsten kriege ich vielleicht Leute angeliefert und so. Letztlich war es so, dass ich jeden Sänger gesucht habe, jeden Sänger gecastet habe und entschieden habe, wer kann wie viel Geld verbrauchen, wo brauchen wir einen Profi, wo brauchen wir ein Amateur. Du kannst auf jeden Fall manche Sachen nicht mit einem Amateur lösen. Die Hauptrollenstimme hat Juliane Bischhoff gesungen, fantastisch gesungen— das war zum Beispiel was Unumgängliches. Also, Planung und Produktion ging noch Hand in Hand mit Markus. Gitarre, Bass, Keyboard-Parts, Songwriting, Rewriting, stellenweise Texten und es sollte danach leider auch nicht aufhören. Weil ich kannte das Stück natürlich nach zweieinhalb Jahren Writing und Produktion dermaßen in und auswendig, dass der Schritt da war, mich als musikalischen Leiter zu nehmen, insofern man das bei dieser Halbrolle so nennen kann, weil es keine Live-Band gab, aber es gab natürlich ein riesiges Ensemble — das habe ich dann auch gemacht. Und weil dieses riesige Ensemble natürlich auch aus Amateuren bestand, brauchten die gleich auch einen Vocalcoach. „Ein Vocalcoach, der das Stück schon kennt, ist ja geil“ — somit habe ich halt die Hauptrollen mit gecastet und habe den quasi das Stück in Einzelsessions und Einzelcoachings am Klavier beigebracht und habe quasi den Amateur-Chor gecoacht und mit einer Menge Energie zu dieser Leistung getreten und ich war nachher auch wirklich von den Socken.

Denis: Man kann also sagen, du kamst von dieser Sache nicht mehr los. Weil eigentlich macht man das doch nicht.

Marcel: Ja macht man das nicht?

Denis: Also wenn man das so hört, weiß ich nicht, ob da jeder „Hurra“ schreit.

Markus: Mein Erleben war damals so: Wir sind da natürlich in alles hineingerutscht. Heute kann man natürlich immer rückblickend sagen: „Warum hast du das alles denn gemacht?“, das ist natürlich einfach — ich hatte auch meine Bedenken, andererseits habe ich es auch verstanden, dass er die Sachen gemacht hat und es war auch einfach so viel Herzblut auch von uns drin. Mir war total wichtig, wie das klingen wird. Wir wollten unser Baby natürlich auch cool nach Außen tragen. Das ist das, was man im Kopf haben muss. Aber trotzdem muss ich rückblickend sagen, man muss einfach mehr definieren und auch mehr „Nein“ sagen können. #Salamitaktik, hat uns echt so ein bisschen aus den Socken gehauen. Wir hätten an manchen Stellen einfach definierter sagen müssen: „Nein, bis hierhin und nicht weiter. Nein, den Song gibt es jetzt nicht mehr. Nein, nicht ein Pop-Song“. Es gab auch den Fall: „Der Song ist eigentlich fertig, aber der gefällt mir nicht von dem Markus Page“. Wir sollen dann einen neuen Song schreiben, war sowieso schon mal sehr spooky. Wir schreiben einen neuen Song — „Nein, der gefällt auch nicht. Schreib nochmal einen dritten Song“. Auch den Moment gab es. Rückblickend muss man natürlich sagen, hätte man alles nicht unbedingt machen müssen. Davon ist das Stück nicht besser geworden. Das war vielleicht bestimmt ein i-Tüpfelchen. „Nein“ sagen — das ist glaube ich mein großer Tipp. Gerade für mich in der Rolle Budget, Zeit, Planen, Kapazitäten planen — muss man das, glaube ich, einfach früher mehr definieren. Ich halte das gar nicht immer nur am finanziellen fest — Zeiten und auch Kopf und kreative Möglichkeiten sind halt begrenzt. Dich kann einer mit so viel Geld zuschaufeln, aber das hilft ja trotzdem nicht, dass du kreativer wirst oder dein Kopf freihältst. Sagt öfter Nein. Wie würdest du denn heute darauf zurückschauen?

Marcel: Multirolle. Das ist das Ding. Ich stimme dir nur zu 50 Prozent zu, zu den anderen 50 Prozent bin ich komplett anderer Meinung. Weil ich es mir als Kreativ-Kopf natürlich nicht erlauben kann, darein zu gehen und zu sagen, dass ich das limitiere. Das Projekt hieß ja auch „UNLIMITED“. Aber worauf ich hinaus möchte, „Nein“ sagen ist wirklich mein Tipp und man muss die Rollen ganz bestimmt auch wahnsinnig eingrenzen. Aber Denis, du sagst es auch immer so schön, wir haben es oft beim Songwriting, dass du sagst, wenn dein Name darunter steht, dann willst du, dass das auch zu Ende gedacht ist. Und das ist ein riesiges Problem. Weil du machst ein Fass ohne Boden auf. Das ist auch genau das, womit ich die ganze Zeit jonglieren musste. Ich musste zwischen Profis und Amateuren jonglieren. Auch allein stimmlich von der “range”. Das heißt, dass, was wir da im Chor gemacht haben, dafür war das Background-Wissen eines Vocal Coaches notwendig. Nur der konnte abschätzen, ob der Theater-Verein des ExArt-Musik-Theaters angeschlossen an das Vossenacker Gymnasium — das ist kein Musical-Ensemble, das überhaupt singen kann. Allein solche Kleinigkeiten — die machen so ein riesiges Fass auf.

Markus: Ja man kann das nicht voneinander trennen. Das ist halt total schwierig.

Marcel: Genau. Dass du nachher eigentlich sagen musst, Marcel, du hast angefangen, jetzt bring das Baby zur Welt. Weil da kriegst du keinen mehr rein.

Markus: Und gleichzeitig die Angst immer von uns, glaube ich, da kann ich nur von mir sprechen: Du wolltest halt auch am Ende, dass das gut ist auf der Bühne.

Marcel: Mein Name stand ja auch wirklich direkt unten drunter. Ein Musical von Clemens Amendt, Markus Page und Marcel Stoffels.

Markus: Genau.

Marcel: Also ich habe so ein bisschen die geteilte Meinung bei uns. Ich bin zum Teil immer bei Markus, man muss Dinge limitieren, aber ich bin auch ein Großteil mit dem Herzen komplett bei dir. Ich glaube, du bist die extremste Ausuferung in die andere Richtung. Das ist doch auch genau dein Thema immer, oder?

Denis: Ja auf jeden Fall. Wenn ich was anfange und mein Name darunter steht, wie du gerade auch schon gesagt hast, und das war auch bei dem Ding so, dann muss es auch für mich zu Ende gedacht sein. In dem Fall jetzt die Schlagzeug-Produktion. Da mache ich dann nicht irgendwas, sondern, das muss stimmig sein. Das muss von Vorne bis Hinten passen, ich muss das Projekt verstehen und leben und möchte es auch, mit euch dann, wie gesagt, einfach rund machen.

Markus: Ich muss nochmal reingrätschen. #DieserDrummerIstRastlos

Marcel: Ja tatsächlich hat mir jemand gesagt, auch witzig, wisst ihr wahrscheinlich gar nicht. Markus Page ist der Kopf, der da rum komponiert hat und der selber ist ein Riesen Fan von einem anderen Komponisten, nämlich diesem Verein. Also, die haben eine lange Geschichte und die haben schon tolle Sachen gemacht — der für diesen Verein früher komponiert hat.

Markus: Andreas Kersting

Marcel: Genau und den hält Markus auch für unfassbar talentiert. Der muss wohl krass sein. Den kenne ich leider nicht. Und dessen Vater hatte das gesagt. Der hat dann die Produktion gehört und kam halt zu mir. Der ist über 70 und sagte: „Marcel, ich habe mir die CD jetzt mal angehört — der Schlagzeuger ist rastlos.“ — seitdem ist das irgendwie hier ein Running-Gag. Er hat es total abgefeiert. Das ist eigentlich eine Drummer-Platte.

Denis: Ja, was ich mir daraus ziehe, ist, dass ich viele Freiheiten auf der Platte bekommen habe. Das ist das Schöne. Weil das Ganze wiederum ein Stück persönlicher wird. #signature Du warst in dem Fall ja der Produzent, du hast ja gesagt (und das sagst du auch gerne oft zu mir): „Mach mal ein bisschen freier. Lass raus“.

Marcel: „Mach Geil“ vor allem.

Denis: Genau. Und das mache ich auch. Dann wird das Ganze natürlich auch ein Stück lockerer und freier und dann kann man natürlich auch hier und da auf der Platte oder auf der Produktion hören, dass es „rastlos“ ist.

Marcel: Genau. Man muss aber an dieser Stelle nochmal ganz kurz konstatieren Das geht auch wirklich nur mit einem professionellen Schlagzeuger. Es geht da kein Weg daran vorbei, weil du jemanden brauchst, der diese Stilistiken alle bedienen kann und Denis hat Jazz bis Pop studiert.

Markus: Wir haben das, glaube ich, rückblickend in unseren ganzen Folgen. In der Drum-Folge und in der Bass-Folge war das immer Thema. Man kann nur auf hohem Niveau und Schnell arbeiten und kreativ was reingeben, wenn das Handwerk da ist.

Marcel: Ja, dauerhaft konstant. Du kannst das mal Hinkriegen mit einer Kraftleistung und das irgendwie zusammendengeln aber wenn du das irgendwie 32-mal machen musst. Ein Kumpel sagt immer, dass muss „tasty" sein. Und wenn ich Denis an das Drum-Set setze und sage, das ist die eine Welt, das ist die andere Welt, mach es „tasty“, dann weiß er, was ich meine. Und dann weiß ich, dass er nicht irgendwie ausrastet und ein “Linear-Double-Bass-Fill” spielt, in einem Part, wo es einfach nicht hingehört. Ihr wisst, was ich sagen will.

Markus: Weil er eben selber Künstler ist und den Kontext kennt.

Marcel: Und dann kommt wieder die jahrelange Kommunikation hinzu. Fassen wir nochmal zusammen und bringen es zu Ende: Es gibt bei solchen riesigen Projekten ein paar generelle Probleme. Wir wollen euch ein paar wenige Lösungsansätze mitgeben. Es gibt erstens das Problem, dass wenige professionelle oft mit solchen Mammut-Projekten alles auffangen, zu ihrem Stress und meistens bekommen sie es nicht erklärt, was für multiple Ebenen aufgehen, wenn Probleme entstehen. Das heißt, die andere Ebene meldet was zurück und sagt irgendwie: „Leute, das muss anders.“ und fünf Leute wollen am liebsten mit der Hand vor den Kopf knallen und sagen: „Weißt du was das heißt?“ Ich habe ja kurz vor Premiere noch ein Stück geschrieben. Das sollte man auf jeden Fall festhalten. Macht euch klar, dass euer Team stimmt.

Markus: Eines der generellen Probleme ist eben natürlich auch, dass man ein Budget hat, was vielleicht zu gering ist oder nicht das abbildet, was man an Zeit und Energie darein steckt. Das hat das Ergebnis, dass man vielleicht viel zu viel arbeitet und sich irgendwie acht-teilen muss.

Denis: Ein weiteres Problem wäre zum Beispiel auch, wenn der künstlerische Perfektionist, der sozusagen im Weg steht und du dich aufopferst, weil du glaubst, das mangelnde Budget ausgleichen zu müssen. Das ist auch noch so ein Ding.

Marcel: Für mich persönlich, weil ich diese Rolle des Sängers dann nachher auch nur noch aus Budgetgründen übernommen habe. Wenn du dich total zurücknimmst und in zwei Tagen alle Lied-Vocals von der Hauptrolle reintrümmerst, dann musst du einfach damit klarkommen, dass es jetzt nicht mehr geht. Du hast keine Zeit dich hier zu verwirklichen. Deine Kollegen werden nicht sagen „Wow, das ist die geilste Gesangsproduktion, die du jemals gemacht hast. It’s taking one for the team.

Markus: Um das jetzt hier nicht so stehenzulassen, wollte ich natürlich auch ein paar Lösungen anbieten. Was kann man denn machen? Ihr müsst natürlich entscheiden, wie viel gebe ich da rein und wie viel Kraft wird mich das kosten. Es gibt eigentlich nur ein paar Möglichkeiten und die radikalste ist eigentlich die Erste, Denis.

Denis: Lasst es einfach bleiben.

Markus: Genau. Das ist das Extremste vom „Nein“ sagen — es einfach nicht zu tun.

Marcel: Der zweite Lösungsansatz ist: Ihr macht es, kommt aber damit klar, dass es einfach auf körperliche oder mentale Kraft geht. Das heißt, ihr macht quasi über die Maßen hinweg, dass, was von euch erwartet wird und dabei müsst ihr auch als Künstler, als Sänger oder als Rolle, damit klarkommen, dass alles mit Perfektion ganz bestimmt nicht gehen wird.

Markus: Oder die dritte Option: Weder Fisch noch Fleisch. Ihr macht es halt halbgar. Das ist nicht der Weg, den wir gehen. Dann lass lieber vorher definieren und sagen „Das macht man nicht anders, aber dafür machen wir die Sachen, die wir machen und die machen wir geil.“

Marcel: Unter dem Strich kann man, glaube ich, sagen, dass wir daraus wahnsinnig viel gelernt und verstanden haben, dass wir manche Dinge nicht können. Wir würden also eher hingehen und sagen, was wir machen und entweder du finanzierst den Rest und wir besorgen uns die Lösungen extern. Wie zum Beispiel ein Arrangeur für den Orchester — aber für uns ist auf jeden Fall klar geworden, dass es professioneller wird und das Ergebnis besser wird, wenn du auch weißt, was du nicht kannst.

Markus: Das ist ein super schöner Schlusssatz. Weil der ist auf so vieles adaptierbar. Auch in der heutigen Welt und bei Social Media „Jeder kann alles“, mach dir das bewusst, was du wirklich gut kannst und mach dir bewusst, was du nicht kannst. Ich glaube, Jungs, damit können wir hier heute unsere Runde beenden. Ich hoffe, das hat euch viele Einblicke in unseren Produktionsalltag gebracht. War natürlich mal was Besonderes, mit dem wir jetzt gestartet sind. Es werden bestimmt auch einfachere Produktionen, die nicht so langwierig und aufwendig waren, noch kommen. Seid dabei.

Denis: Du kannst dir sicher vorstellen, so ein Podcast kostet Zeit und Geld. Du kannst uns gerne unterstützen. Wir haben einen PayPal-Account: PayPal@rurton.de unter den Betreff: „Reingetackert“ kannst du uns gerne supporten.

Macel: Genau. Wir sind immer offen für Anmerkungen, Kritik, Ideen für unseren Podcast — immer schön her damit. Das könnt ihr ganz einfach senden, wenn ihr uns etwas zu sagen habt an: reingetackert@rurton.de. Denkt daran, ein Abo hilft uns sehr, das hilft der Sichtbarkeit unseres Podcast, iTunes, ein Sternchen und ein Kommentar, wenn es euch gefällt - das freut uns immer sehr. Wenn ihr uns unterstützen wollt rurton@PayPal.de. Auch hierzu findet ihr alle Infos bei uns in den Shownotes.

Markus: Ich würde sagen: 3…2…1…

Alle: Reingetackert!

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